Epochal-geografische Doppelachse

»Best of NRW«: Duo Dolce gastierte im Rahmen der WDR-Reihe im Gläsersaal

aww Siegen. Das Programm des jüngsten Konzerts der Kammermusikreihe »Best of NRW« des Westdeutschen Rundfunks im Siegener Gläsersaal ruhte auf einer Doppelachse: einer historisch-epochalen und einer geografischen. Erstere führte von der Romantik des 19. zur Moderne des 20. Jahrhunderts, Letztere verband den deutschsprachigen Raum, genauer Deutschland und Österreich, mit Frankreich. Diesem spannenden und spannungsreichen Themenkomplex widmete sich das junge Duo Dolce – Natalia Kaiser (Klavier) und Samir Benahmed (Klarinette) – am Dienstagabend vor einem überschaubaren Publikum. Das Konzert wurde aufgezeichnet und wird am 2. Januar 2007 ab 20.05 Uhr auf WDR 3 übertragen.

Jean Fran#8Daix, Francis Poulenc und Claude Debussy faszinierten mit dem Charme und der reinen Schönheit fasslicher französischer Melodik. Fran#8Daix’ »Tema con variazione« mit seinem pfiffig-heiteren Grundgedanken, dessen positiv-freudige Ausstrahlung selbst in den langsamen Sätzen erhalten blieb, behielt trotz manch sperriger Elemente, weiter Sprünge und einiger Stakkati seinen leichten, fast luftigen Charakter, den der Klarinettist mit ebensolchem Ton zum Klingen brachte, wobei er manch virtuosen Moment hatte.

Die dreisätzige Sonate für Klarinette und Klavier von Poulenc gefiel in den beiden ersten Sätzen mit ihrer verträumt-melancholischen Grundstimmung und Samir Benahmed mit feiner, zurückhaltender Klanggebung. Die räumliche Nähe der Interpreten zum Publikum sorgte für ein Klangerlebnis, wie es bei einem Kammerkonzert im wörtlichen Sinne der Fall sein sollte. Die feinen dynamischen Nuancierungen des Klarinettisten waren bis ins Detail zu verfolgen, selbst die Klappengeräusche – die ja nun eben zum Instrument gehören – waren bis in hintere Reihen zu vernehmen.

Die Poulenc’sche »Romanza« erklang als Musterbeispiel dafür, wie mittels sehr schlichter melodischer Ideen eine Wirkung von solcher Intensität erzeugt werden kann, dass die Seele im Innersten angerührt wird. Die anfängliche klangliche Zartheit in Verbindung mit dem treibenden, folkloristisch anmutenden Finale »Allegro con fuoco« ließ die Sonate zu einem der kurzweiligsten und ansprechendsten Stücke des Abends werden.

Debussys »Erste Rhapsodie für Klarinette und Klavier«, ein schönes Werk zwischen lieblichen Phrasen und virtuoser Akrobatik, das der Komponist selbst wohl zu Recht als »eins der liebenswürdigsten Stücke, die ich je geschrieben habe« bezeichnete, machte das Franzosentrio komplett. Hier, wie auch sonst, zeigte sich das Duo Dolce als passgenau aufeinander abgestimmte musikalische Partner. Und auch wenn – das war allen Stücken des Programms eigen – die Klarinette ohne Zweifel die führende Rolle innehatte, so zeigte sich Natalia Kaisers Können doch eben genau darin, als Begleiterin ein gefühlvolles, unaufdringliches und durch aufmerksames Hören geprägtes »Klangzuhause« für das Melodieinstrument ihres Kollegen zu »bauen«.

Der Österreicher Alban Berg, das war nach einem Blick auf das Programm schnell zu vermuten, sollte die schwerstverdauliche Kost an diesem Abend bereithalten. Die Musik der so genannten Zweiten Wiener Schule hat meist »Schwarzbrot«-Charakter und ist kaum zum Zurücklehnen und Vor-sich-hin-Träumen geeignet. So auch Bergs vier kurze Stücke op. 5. Die meistenteils sehr leise, atonale Musik ist dennoch spannend zu hören und von großer Atmosphäre. Manches in diesen transparenten, mit Tönen sparsam umgehenden Stücken ist ergreifend wie eine bittere Totenklage. Benahmed gefiel mit differenzierter Tongebung bis hin zum Gebrauch von Flatter-Effekten.

Robert Schumanns drei »Fantasiestücke« op. 73 brachten Musik, die in Melodien schwelgte (im ersten Satz »Zart und mit Ausdruck«), schöne Dialoge zwischen Klavier und Klarinette (»Lebhaft, leicht«) und hübsche Kantilenen (»Rasch und mit Feuer«). Wuchtige, expressive und kraftvolle Klänge hatte die f-Moll-Sonate op. 120 Nr. 1 von Johannes Brahms zu bieten, deren erste Hälfte vom Hören her einen eher abstrakt-konstruierten Eindruck macht. Eingängiger, gefälliger sind die beiden hinteren Sätze, wobei etwa das »Allegretto grazioso« mit einem zunächst gar nicht erwarteten tänzerisch-heiteren Dreiertakt daherkommt. Offensichtlich war der Klarinettist beim abschließenden Brahms mit dem Zustand seines Mundstücks nicht zufrieden, was an den häufigen, in den Spielpausen daran vorgenommenen manuellen Korrekturen erkennbar war und was vielleicht auch dazu geführt haben mag, dass ausschließlich hier minimale Unsicherheiten in seinem Spiel zu hören waren.

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