„Er ist drollig“

Kult im Fernsehen, live genauso goldig: der französische Reporter Alfons. Foto: zel

zel Siegen. „Die Rückkehr der Kampfgiraffen“ – das klingt nach Comedy mit dem Holzhammer. Was die Zuschauer am Samstagabend im ausverkauften Schauplatz Lÿz erlebten, war Komik, aufgetragen mit einem weichen Pinsel – kuschelig und puschelig. Denn Alfons, der französische Reporter aus dem Fernsehen, ist kein Comedian, der draufhaut, sondern steht eher zurück und beobachtet.

Ein paar gute Pointen platziert er selbst, wenn er die Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen beleuchtet, doch den großen Spaß machen wir selbst, wenn wir uns vor seinem Puschel-Mikrofon entblättern und tief blicken lassen in die deutsche Volksseele.

Nein, die erste Reihe musste sich nicht fürchten, dass er vor Ort auf Beutefang geht („Bleiben Sie cool, Madame!“), wiewohl das Puschel-Mikrofon auf einem Tisch bereitlag. Die schönsten Umfragen ließ Alfons auf eine Leinwand projizieren, zur Freude des Publikums, das teilweise stöhnte über das, was da auf Wochenmärkten der Republik an reaktionären Ansichten zum Besten gegeben wurde – aber halt! Was würden Sie sagen, wenn Ihnen ein verschwitzter Franzose in orangefarbener Trainingsjacke und mit wildgewordenem Zettelblock ein Mikro unter die Nase hielte und Sie naiv fragte, was Sie von der Homo-Ehe halten? Eine befragte Dame befand: Zwei Männer – nein, geht gar nicht. Zwei Frauen – schon eher …

Dies kennt man nun schon aus dem Fernsehen, etwa „Extra3“, „Verstehen Sie Spaß?“ und Alfons’ eigener Spätnacht-Sendung „Puschel-TV“ im Ersten. Live gab es als Plus Innenansichten eines Franzosen in Hamburg in Form von Tagebucheinträgen („Heute bei Lidl in die Überwachungskamera gewunken“) und komische Erzählungen aus der Heimat Argenteuil. Das ist ein gefährlicher Vorort von Paris, wo die Freunde Etienne und Gillette (der musste sich mit zwölf schon rasieren) Alfons zum 42. Geburtstag 42 Autos angezündet haben und wo Alfons – begleitet wurde Emmanuel Peterfalvi, wie Alfons im richtigen Leben heißt, übrigens von Natalie aus St. Petersburg am Klavier und Akkordeon – zwei Jahre lang in die falsche Schule gegangen ist.

Mit dem Blick von außen und mit viel Kenntnis der Deutschen und spürbarer Zuneigung hielt Alfons ihnen den Spiegel vor – sich nach wie vor wundernd, warum man an einer roten Ampel stehen bleiben muss (damit Kinder sehen, wie man sich vorbildlich eine Lungenentzündung holt) und warum man in einem Land, in dem Oliver Kahn und Eva Herman Bücher schreiben, wirklich noch lesen lernen muss. Alfons zuckt die Schultern, bläst die Luft durch die dicken Backen aus – mehr braucht es nicht.Ein stiller Held des Abends war ein reizender Senior aus Hamburg, den der Reporter in Hamburg auf dem Wochenmarkt kennengelernt und dem er einen letzten großen Wunsch erfüllt hat: Mit ihm und seinem Rollator begab sich Alfons nach Berlin, wo der kleine Heinz 1922 eingeschult wurde. Noch einmal die Schule sehen, wo er die lebenswichtige Definition eines Kreises gelernt hat, das wollte Heinz, und Alfons machte es möglich. Diese Aktion schilderte der französische Reporter im zweiten Teil seines Bühnenprogrammes mit Erzählungen und Einspielfilmen – und nicht nur Heinz musste sich im Film mehr als einmal kräftig schneuzen, um ein paar Tränchen zu verstecken. Da war viel Gefühl und wenig witzig – wiewohl Heinz und seine Frau, die „Dicke“, mehr als einmal das Publikum zum Schmunzeln brachten: „Er ist drollig!“, befand Heinz’ Frau über Alfons, und damit hat sie genau das gesagt, was das Publikum am Ende zu herzlichen „Appläusen“ hinriss, die Alfons und Natalie in ihren Herzen bewegen werden.Kampfgiraffen gab es keine, dafür viel französischen Charme, Verständnis für und Verwunderung über nationale Eigenheiten und ein warmes Gefühl, doch Teil eines echt komischen Volkes zu sein. Merci, Alfons, dass du uns das gezeigt hast.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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