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Vom Tiergarten zur Herrenfeldschule: Auf dem Weg gab es genügend Ablenkungen …
Erinnerungen an den Schulweg

So sah die Herrenfeldschule, das Ziel des Schulwegs, im Jahr 1957 aus.
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  • So sah die Herrenfeldschule, das Ziel des Schulwegs, im Jahr 1957 aus.
  • Foto: privat/Sammlung Rüdiger Fries
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Der Schulweg: der erste Weg in die "unabhängigkeit"! Beeren, Kaulquappen, ein Weiher oder das Ferndorfwehr machten den Weg zur Entdeckungstour, erinnert sich Rüdiger Fries. sz Weidenau.  Der erste Schultag liegt hinter den Erstklässlern, die Einschulung ist ein besonderer Tag, und in Zeiten von Corona noch „besonderer“ (wegen der Beschränkung der Personenzahl, die das „i-Dötzchen“, wie man früher sagte, begleiten können, wegen der Abstandsregeln und der Maskenpflicht). Mit der Einschulung beginnt ein neuer Abschnitt. Das hat auch Rüdiger Fries aus Klafeld, langjähriger verantwortlicher Arzt der Arbeitsagentur Siegen, so empfunden, der für ein Klassentreffen seine Erinnerungen an die Grundschulzeit aufgeschrieben hat.

Der Schulweg: der erste Weg in die "unabhängigkeit"! Beeren, Kaulquappen, ein Weiher oder das Ferndorfwehr machten den Weg zur Entdeckungstour, erinnert sich Rüdiger Fries. sz Weidenau.  Der erste Schultag liegt hinter den Erstklässlern, die Einschulung ist ein besonderer Tag, und in Zeiten von Corona noch „besonderer“ (wegen der Beschränkung der Personenzahl, die das „i-Dötzchen“, wie man früher sagte, begleiten können, wegen der Abstandsregeln und der Maskenpflicht). Mit der Einschulung beginnt ein neuer Abschnitt. Das hat auch Rüdiger Fries aus Klafeld, langjähriger verantwortlicher Arzt der Arbeitsagentur Siegen, so empfunden, der für ein Klassentreffen seine Erinnerungen an die Grundschulzeit aufgeschrieben hat. Von seinem Schulweg schweifen seine Erinnerungen ab an all die Unternehmungen, die man außerhalb der Schule machen konnte …
Rüdiger Fries beginnt seine Erinnerungen mit dem Schulweg, der zu Fuß bewältigt wurde. Es kam „auch eher selten und nur ausnahmsweise vor, dass wir Kinder zur Schule chauffiert wurden. Das ,Elterntaxi‘ als Transportmittel lag noch in weiter Ferne. Unsere Schulwege waren auch noch nicht so weit und gefährlich. Kinderbeine konnten sie relativ gut bewältigen“. Rüdiger Fries ging in die Herrenfeldschule (in der Nähe des heutigen Kreisklinikums Weidenau).
„Zum Einzugsgebiet der Herrenfeldschule zählten die Neue Haardt mit Haardtstraße, Ludwigstraße, Waldenburger Weg, Am Nordstern, die Untere und Obere Friedrichstraße, Schneppenkauten, die Schulstraße, die Glückaufstraße, der Setzer Weg, Boschgotthardshütte, die Tiergartenstraße, die Brückenstraße, Auf den Hütten, die Siedlung am Tiergarten mit Köhler- und Güterweg.
Zum Glück wohnte ich relativ weit vom Schulgebäude in der Schulstraße (heute Schneppenkauten) entfernt. Vom elterlichen Haus am Wald in der Kriegsversehrten-Siedlung am Wildgehege musste ich bis zur Herrenfeldschule mehr als 1,1 Kilometer laufen: ein Weg vom Rande der Waldes- und Tiergarten-,Wildnis‘ zum gut kontrollierten Lernort Herrenfeldschule.

Die Freiheit im "Urwald"

Gegenüber dem elterlichen Haus zwischen der Glück-Auf-Kampfbahn des Vereins für Bewegungsspiele (VfB) und dem Jahnplatz mit Turnhalle des Turn- und Sportvereins ,Auf den Hütten‘ (TuS AdH) Weidenau (Jahnhalle), in der Zeit des Nationalsozialismus auch ,Hitler-Platz‘ genannt, befand sich damals ein urwaldähnlicher, unkultivierter Bezirk mit natürlicher Wasserquelle, kleinem Bach und Wildwuchs.
Für uns Siedlungskinder waren diese Schlucht und der nahe gelegene Wald mit Bombentrichtern bevorzugte Spielorte. Wir nannten das urtümliche Gebiet, an dessen Rand ein unbefestigter Weg (Trampelpfad) an der Turnhalle vorbei zur Ferndorf mit der Fußgängerbrücke (Damaskusbrücke) führte, einfach das ,Loch‘. Wir spielten – laut Siegerländer Mundart – ,em Siffe‘. Die Quelle, deren Abfluß wir Kinder gelegentlich zum Staudamm ausbauten, diente im trockenen Sommer 1959 den Siedlungsbewohnern als Wasserreservoir. […]
Wir erlebten im Jahr unserer Einschulung den heißesten und trockensten Sommer seit 1911. Die Kinder wurden damals zum Wasserholen an die Quelle in der Schlucht geschickt. […]
Der Wald, der die Siedlung umgibt, war früher reich an Heidelbeeren [gemeint ist Kriegsbeschädigten-Siedlung am Tiergarten, die in den 1920ern entstanden ist]. Das Sammeln der Beeren, die regional unterschiedlich als Wald-, Heidel- oder Blaubeeren bezeichnet werden, hatte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in einer Zeit großer Kriege und großer Entbehrungen, immer wieder auftretender Lebensmittelknappheiten, ja Hungersnöte, einen besonderen Stellenwert für die Bevölkerung. […]
Auch wir Siedlungskinder zogen mit Eimerchen, Milchkannen und Körbchen in den Wald, um Blaubeeren, aber auch Himbeeren und Brombeeren, die vor allem an Waldrändern und Lichtungen vorkommen, zu sammeln. Dabei freuten wir uns auf die Pfannkuchen mit Beeren, die später zubereitet würden. Ein Teil der Beerenernte wurde allerdings schon im Wald verzehrt – natürlich ungewaschen; der Fuchsbandwurm war damals noch kein Thema!“

Rechts oder links? Das ist die Frage!

Rüdiger Fries beschreibt dann, wie die Gruppe, die gemeinsam aus der Siedlung am Tiergarten zur Herrenfeldschule läuft, immer größer wird. Aus fast jedem Haus gesellen sich Kinder hinzu. „Wenn wir Haus Wurm (Güterweg Nr. 6) passiert hatten, standen wir vor der Frage: Laufen wir rechts mit der scharfen Kurve des Güterwegs in Richtung Ferndorf, oder erlauben wir uns einen Abstecher und begeben uns auf den abzweigenden Weg links, der hoch in den Tiergarten (heute ,Erlebniswald Historischer Tiergarten Siegen‘) und zum Kreisaltersheim (heute Studentenwohnheim, Im Tiergarten 15) führt? Nach ca. hundert Metern lud links des Weges am Ende einer Schlucht, die an einen mittelalterlichen Hohlweg erinnert, der Löschteich zum Baden ein.
Den Zufluss bildet ein Bach, der im Tiergarten entspringt. Bach und Teich wurden nicht mit einer besonderen Bezeichnung versehen. Sie werden als ,namenlose Gewässer‘ geführt. Die Bezeichnungswut hat hier noch nicht zugeschlagen. Etliche Kinder haben im Löschteich das Schwimmen gelernt. Arno Cestonaro hat dort einmal ein Mädchen vor dem Ertrinken gerettet. Auch der Siedlungsjunge Peter Althaus schluckte bei einem Badeunfall große Mengen kaulquappenhaltiges Löschteichwasser. Da sich in der Nähe heute ein Spielplatz befindet, wird der Bezirk, der früher frei zugänglich war, zum Schutz der Kinder von einem hohen Metallzaun eingegrenzt. Der Löschteich deckte sehr gut den Bedarf der Siedlungskinder an Kaulquappen, wenn sie deren erstaunliche Metamorphose beobachten wollten. Heute stehen die heimischen Amphibien unter Natur- und Artenschutz.

Faszination "Kullebatsch"

 Viele Tierarten, vor allem Vögel, Fische, Pferde, Löwen, Tiger, aber auch Insekten, haben Eingang in die menschliche Dichtkunst gefunden. Aber den Kaulquappen als Larven der Schwanzlurche blieb der Zugang zur menschlichen Poetik weitgehend verschlossen. Eine seltene Ausnahme ist ein Poem der Mundartdichterin Rosa Rübsamen:
D’r Kullebatsch
En d’m Fräschewejjerschlamm
Descher ale Stai,
Setzt d’r klaine Kullebatsch
Trurig on elai.
Ach, am scheane Fräscheleed
Härre lang sturiert,
Awwer härret net gelort,
We hä och prowiert. […]
Es bestand auch noch die Möglichkeit zu einem Abstecher in das kleine Wohngebiet in der Nähe des Bergwerkgeländes. Hier wohnten Sängers, Lieselotte Kiaulehn, die Schulkameradin meines Bruders Herwarth, und auch Rosemarie Ritter, die mit meiner Schwester Traute zur Schule ging. Postalisch wurde das Wohngebiet unter der Bezeichnung ,Ludendorffschacht‘ geführt.
Gegenüber der Firma Hain befand sich auf der Anhöhe über dem rechten Ferndorfufer das Bergwerksgelände der Grube Neue Haardt mit dem Ludendorffschacht. Der Förderturm war am 14. Juni 1924 eingeweiht worden und avancierte später zum Wahrzeichen Weidenaus. […]
Die Kinderphantasie wurde angeregt durch die geheimnisvolle Welt, die sich unter unserer Siedlung und Buschgotthardshütten befand. Es war die Welt unter Tage, die Arbeitswelt der Bergleute. ,Was sind das für seltsame Geräusche, die tief aus der Erde kommen?‘, fragten wir Kinder uns. […]

Faszination Bergwerk

Bei Streifzügen um das Bergwerksgelände blieb es nicht aus, dass Kindern graue, gesteinsähnliche Brocken in die Hände fielen: Karbid! Es ist ein künstliches, nicht ganz ungefährliches Produkt, das mithilfe von gebranntem Kalk und Koks hergestellt wird und sich innerhalb von Wochen allein durch Kontakt mit Luftfeuchtigkeit zersetzt. Bei Kontakt mit Wasser wird es gefährlich. Der leicht entzündliche Stoff Calciumcarbonat wurde früher in Karbidlampen eingesetzt, die als Grubenlampen der Bergleute zum Einsatz kamen.
Die Aktivitäten der Kinder in Buschgotthardshütten und in der Siedlung am Tiergarten waren damals sicher nicht ungefährlich: Spielen im Wald mit Bombentrichtern, in der Umgebung des Bergwerksgeländes und von Fabriken, an der Ferndorf und am Hüttengraben, Baden im Löschteich, Klettern auf Bäumen, Baumhäuser bauen, Toben auf Turn- und Sportplätzen und in unwegsamem Gelände.
Es kam immer wieder zu Verletzungen: Schürfwunden vor allem an Händen und Knien, Schnittwunden, Prellungen, Hautverbrennungen bei Kontakt mit Brennnesseln, Beulen am Kopf. Zum Glück kam es – soweit ich mich erinnern kann – selten oder gar nicht zu schwerwiegenden Unfällen mit schlimmen Verletzungsfolgen. Überfürsorglichkeit war bei den Eltern der Kriegsgeneration die Ausnahme. Bei aller vernünftigen und notwendigen Achtsamkeit kam doch eher das Gewährenlassen zum Zuge, was nicht unbedingt einen nachteiligen Faktor bei der Entwicklung von Heranwachsenden darstellen muss. […]
Weiter abwärts Richtung Ferndorf ging es vorbei an prächtigen Kastanienbäumen, die den Abhang des Bergwerksgeländes säumten. Im Herbst prasselten die Früchte zu unserer Freude auf das Kopfsteinpflaster des Güterweges, und wir konnten die rotbraun-glänzenden Nüsse auflesen und später zu Kastanienfiguren weiterverarbeiten. […]
Auf meinem Weg zur Schule hatte ich jetzt schon so viel Zeit verloren! Ich durfte nicht mehr bummeln. Mit einem Zuspätkommen würde ich mir sicher eine schöne Bestrafung einhandeln. […]

Damals in Buschgotthardshütten

Der Weg durch Buschgotthardshütten, der ältesten geschlossenen Industriesiedlung des Siegerlandes, war der schönste und abwechslungsreichste Abschnitt meines Schulweges. Die alten, zauberhaften, mit Ornamentschnitzereien an Balken und Türen versehenen Fachwerkhäuser am Fuße des Berghangs, auf dem der Förderturm II der Grube Neue Haardt errichtet worden war, luden zum Verweilen ein.
Heute verstellt die Hüttentalstraße mit ihren Stahlbetonpfeilern den Blick, und es gibt fast nichts mehr, das zum Innehalten einlädt. Es ist ein Ort, den man schnell wieder verlassen möchte und an dem die Sünden städtebaulicher Planung besonders krass in Erscheinung treten. Der Abriss des einzigartigen und für die Industriegeschichte des Siegerlandes so bedeutsamen Dorfes, in dem über viele Generationen Gewerken, Hütten- und Bergleute zu Hause waren, begann 1969. Buschgotthardshütten musste dem Bau der Hüttentalstraße weichen. Siebzehn denkmalwürdige Fachwerkhäuser verschwanden, und nichts bis auf eine Gedenktafel, die Günter Dick entworfen und montiert hat, erinnert heute an die Fachwerkidylle von damals. In Abwandlung des berühmten Ausspruchs Wilhelm von Humboldts – ,Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft‘ – steht auf der Erinnerungstafel: ,Wer keine Vergangenheit hat, hat auch keine Zukunft!‘ […]
Es war schon spät. Wenn ich die Schule rechtzeitig erreichen wollte, musste ich meinen Weg fortsetzen. Ich gelangte jetzt ins Zentrum der Ortschaft, eingerahmt insbesondere vom Werksgelände der Hammerschmiede, der Gaststätte ,Zum Hammerwerk‘ (Boschgotthardshütte 27) und Haus Daub (Boschgotthardshütte 29). Hier ergab sich noch einmal die Möglichkeit, vom regulären Schulweg abzuweichen. Ich konnte geradeaus weiterschlendern, vorbei an den schönen alten Fachwerkhäusern und am Haus Boschgotthardshütte Nr. 41, in dem mein Schulkamerad Günter Steuber wohnte, und ,Wasserpatts‘ Haus mit der Wehranlage an der Ferndorf einen Besuch abstatten. […] Auf meinem Schulweg ging es jetzt vorbei an einer Litfaßsäule hin zur Brücke über die Ferndorf. Ich spürte schon den Magneten der immer näher rückenden Schule. Der Kompass meines Herzens zeigte allerdings in eine andere Richtung …“
Rüdiger Fries , „Mein Schulweg“ . (Infos unter Tel. (02 71) 7 35 66 oderper Mail fries.r@freenet.de)

Autor:

just (Kulturredaktion) aus Siegen

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