Erstaunliche Gnade

ars Siegen. Gewichtiges Schaffen am Mittwochabend auf der Bühne des Apollo-Theaters: Dutzende Mikrophone, Percussionsinstrumente und zwei ineinander geschobene Flügel stellen den Raum zu, die Musiker bahnen sich mühsam einen Weg zu ihren technisch aufgerüsteten Instrumenten. Der Sender WDR 3 produziert einen Livemitschnitt, Patrick Hahn führt sachdienlich in das Werk des amerikanischen Komponisten George Crumb ein, der 80 Jahre wird und mit diesem und anderen Konzerten für sein Schaffen geehrt wird. Prof. Martin Herchenröder und sein Studio für Neue Musik der Universität Siegen, das Collegium musicum der Universität und das Amerikahaus Köln veranstalten gemeinsam ein NRW-weites Festival, in dessen Mittelpunkt die Kompositionen von Crumb stehen.

Der Liederzyklus „The River Of Life“ aus dem Jahr 2003, mit dem Untertitel „Lieder der Freude und der Sorge“, führen sinnlich und ganz unmittelbar in die Kompositionsweise Crumbs ein. Acht Hymnen und Spirituals aus den Zeiten der Siedler plus ein instrumentales Zwischenspiel belegen Crumbs intensive Auseinandersetzung mit der amerikanischen Volkskultur, die scheinbar einfach neben eine avantgardistische Begleitung mit vier Percussionisten (New Art Ensemble: Alfred und Hans-Peter Achberger, Mihaela Despa und Simon Roloff) und einen Spieler am verstärkten Flügel (Fuat Kent) gestellt wird.

Einfache religiöse Volksgesänge wie „Give Me That Old Time Religion“, „Were You There When They Crucified My Lord“, „One More River To Cross“ und das allbekannte „Amazing Grace“ wurden von Ann Crumb, der Tochter des Komponisten, fast unverändert, allenfalls etwas zerdehnt oder pointiert, gesungen, das „Moderne“ ergab sich aus der sehr subtilen und klangdifferenzierten Begleitung, die Crumbs Stärke, die Überfülle an Klangassoziationen und seine ungemein sinnliche Kommentierung der spirituellen Hintergründe und metaphysischen Abgründe, offenlegte. Manchmal, wie gleich bei der letzten Strophe des Eingangsliedes, „Shall We Gather At The River“, von Crumb offensichtlich als Chiffre für Übersinnliches wie Evolution, Seelenwanderung und Erlösung genommen, entsteht eine fast unerträgliche Spannung zwischen dem trivialen Text und seiner trivialen Melodie und einer fast unamerikanisch zarten, wehrlosen Subtilität der am Rande des Hörbaren agierenden Begleitung. Ähnlich zart, aber noch intensiver erklang die Begleitung zu „Amazing Grace“.

Vor der Pause agierten die Pianisten Peter Degenhardt und Fuat Kent an zwei verstärkten Flügeln mit Holz, Metall Gummi und undefinierbaren Materialien, häufig stehend und wie Ringer über das offenliegende Innenleben des Flügels gebeugt. Die fast martialisch anmutende Pose ließ bei den beiden Werken für zwei verstärkte Flügel, „Zeitgeist“ – den beiden Pianisten gewidmet – und „Otherwordly Resonances“ mit den bezeichnenden Satztiteln „Double Helix“, „Celebration And Ritual“ und „Palimpsest“ von allerlei außerweltlichen Einflüssen gespeiste feine Musik erklingen, die selten lauter und angriffslustiger wurde. Bei der „Doppelhelix“ doppeln sich die Klaviere mit kurzen, repetierten Themen, die manchmal auch minimal voneinander abweichen. Ob in der Kunst oder in der Biologie: Entwicklungen und Individuierungsprozesse entstehen durch viele Wiederholungen und kleine Abweichungen. Im kurzen „Palimpsest“ ließ Crumb drei Schichten unterschiedlich stark und scharf aufscheinen – eine beseelte und vergeistigte Miniatur, aber auch eine Hommage an alteuropäische Kultur und Geistigkeit, der George Crumb noch mehr verdankt als seinen amerikanischen Wurzeln.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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