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Drei Senioren berichten von ihrem Weihnachten 1945
„Es gab ja nichts, aber Essen war da und der Frieden“

Familie Bröcher Weihnachten 1944, Tochter Elfriede, heute Kost, in der hinteren Reihe rechts. Ihr Vater erlebte das Christfest 1945 nicht mehr, er wurde erschossen.
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  • Familie Bröcher Weihnachten 1944, Tochter Elfriede, heute Kost, in der hinteren Reihe rechts. Ihr Vater erlebte das Christfest 1945 nicht mehr, er wurde erschossen.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

sp Helberhausen/Olpe/Wilnsdorf. Vor 75 Jahren, im Mai 1945, endete in Deutschland und in Europa der Zweite Weltkrieg. Geliebte Menschen waren verwundet, gefallen, vermisst oder in Gefangenschaft. Häuser waren zerstört, die Not war groß. Fast an allem mangelte es. Nur wenige Monate später feierten die Menschen das erste Weihnachten nach sechs Jahren Krieg. Mit der SZ sprachen zwei Männer und eine Frau darüber, wie sie das Fest 1945 erlebten.
Kirche aus alten Brettern gebautFünf Jahre war Friedrich Klein aus Helberhausen im Krieg, nach dessen Ende kam er in amerikanische Kriegsgefangenschaft in Bamberg. „Wir hatten ein sehr gutes Lager“, sagt der heute 98-Jährige. „Bamberg war das Beste, was wir hatten.

sp Helberhausen/Olpe/Wilnsdorf. Vor 75 Jahren, im Mai 1945, endete in Deutschland und in Europa der Zweite Weltkrieg. Geliebte Menschen waren verwundet, gefallen, vermisst oder in Gefangenschaft. Häuser waren zerstört, die Not war groß. Fast an allem mangelte es. Nur wenige Monate später feierten die Menschen das erste Weihnachten nach sechs Jahren Krieg. Mit der SZ sprachen zwei Männer und eine Frau darüber, wie sie das Fest 1945 erlebten.

Kirche aus alten Brettern gebaut

Fünf Jahre war Friedrich Klein aus Helberhausen im Krieg, nach dessen Ende kam er in amerikanische Kriegsgefangenschaft in Bamberg. „Wir hatten ein sehr gutes Lager“, sagt der heute 98-Jährige. „Bamberg war das Beste, was wir hatten.“ Jeweils zu zweit waren die insgesamt 250 Soldaten in kleinen Häuschen untergebracht, in denen zuvor Munition gelagert worden war. „Weihnachten war keine große Feier“, berichtet Friedrich Klein, der damals 23 Jahre alt war. Aus alten Brettern und Material, das sie in dem Lager fanden, bauten die Männer eine Kirche. „In der haben wir Weihnachten gefeiert.“ Evangelisch oder katholisch, jeder habe sie für die Festtage nutzen können. „Es wurde gesungen, wir hatten einen Pastor aus den Gefangenenreihen.“

Briefe aus der Heimat

Besuch von der Familie gab es keinen, Friedrich Kleins Frau hätte auch nicht kommen können, sie musste arbeiten. Aber: „Meine Eltern haben geschrieben, meine Schwester und meine Frau vor allen Dingen.“ Das Lager führte ein amerikanischer Kommandant mit schwedischen Wurzeln. Er sei ein freundlicher Mann gewesen, sagt Klein: „Wir wurden gut versorgt.“ An Weihnachten „bekamen wir ein paar Plätzchen und eine Apfelsine“. Im März 1946 wurde Friedrich Klein entlassen und kam wieder nach Hause. Er wurde Stadtarchivar von Hilchenbach.

Vater in Gefangenschaft, Bruder erschossen

„Es war ein sehr trauriges Weihnachtsfest“, kann sich Elfriede Kost erinnern. Ihr Bruder war in französischer Kriegsgefangenschaft, ihr Vater war erschossen worden. Elfriede Kost feierte mit ihren anderen zwei Geschwistern und der Mutter zu Hause bei Morsbach im Oberbergischen Land. Dort lebte Elfriede Kost, bevor sie eine Arbeit in Olpe fand, wo sie heute noch lebt. In ihrem Elternhaus waren Flüchtlinge untergebracht worden, die aus unterschiedlichen Orten in Deutschland kamen. An die genaue Anzahl kann sich die heute 90-Jährige nicht mehr erinnern. Gemeinsam wurde gegessen, gespielt und geredet.

Eine sehr arme Zeit

Sie weiß noch, dass ihre Mutter für alle Kaffee aus gerösteten Roggenkörnern zubereitete. „Wir hatten eine Kuh und deshalb immer ein bisschen Butter.“ In der Adventszeit wurde Spritzgebäck gebacken, mit Schmalz, das nach der Schlachtung eines Schweins gewonnen wurde. „Wir hatten ja kein Geld, es war eine sehr arme Zeit, wir haben aus allem, was da war, was gemacht“, berichtet Elfriede Kost. „Das Wichtigste waren immer die Krippe und der Weihnachtsbaum in der Stube.“ Und die wurde vor den Festtagen ordentlich geschrubbt, dabei halfen alle mit. Dem Esel von der Krippe war ein Ohr angebrochen, und weil kein Kleber vorhanden war, wurde eine Mischung mit Mehl angerührt, um das abgebrochene Stück wieder zu fixieren.

Vergebliches Warten aufs Glöckchen

Am ersten Weihnachtstag stand die Familie um 4 Uhr auf, um in die Christmette zu gehen, die um 5 Uhr begann. „Wir sind 20 Minuten zur Kirche gelaufen, im dicken Schnee.“ Jedes Weihnachten mussten die Kinder nach dem Besuch in der Kirche im Flur stehenbleiben und sich in Geduld üben, das war Tradition. Dann läutete der Vater das Glöckchen – das Zeichen für die Kinder, um in den geschmückten Raum mit dem gedeckten Tisch und den Geschenken zu kommen. In diesem Jahr aber wartete die damals 15-Jährige mit ihren Geschwistern vergeblich darauf. „Es war das Glöckchen, das fehlte“, erzählt Elfriede Kost mit gebrochener Stimme. „Unsere Mutter hat uns dann gerufen.“ Als die 90-Jährige erzählt, kommen Erinnerungen an ihren aus Ottfingen stammenden Vater. Er hatte nie in den Krieg ziehen wollen, aber er musste. „Ich weiß noch, wie er sich auf sein Fahrrad setzte und losfuhr. ,Tschüss Friedchen’, das war das Letzte, was er gesagt hat.“

Von der Uniform in zivile Kleidung

Werner Schmidt ist ein Urgestein in Wilnsdorf. Man kennt ihn, in zahlreichen Vereinen war er aktiv, und er ist Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande. 100 Jahre alt ist er, im Januar wird er 101. Sein Alter merkt man ihm nicht an. Als der Zweite Weltkrieg beendet wurde, war er 25 Jahre alt und wurde aus der Wehrmacht entlassen. Er hatte nur ein Ziel, er wollte nach Hause, wieder nach Wilnsdorf zurück. Als er im Elternhaus ankam, zog er als erstes die Uniform aus und kleidete sich zivil. Als ehemaliger Soldat hätte er sich eigentlich regelmäßig bei den Amerikanern melden müssen. „Oben bei der Kalteiche haben wir uns versteckt.“ Wenn abends die Luft rein war, kamen er und die anderen ehemaligen Soldaten wieder nach Hause, um dort zu schlafen.

Essen und Frieden

Es sei eine Zeit gewesen, die alles andere als sicher war. „Es fliegen keine Flieger mehr“, nur daran habe man gemerkt, dass der Krieg vorbei gewesen sei, berichtet Schmidt. „Jeder hatte Angst, es gab ja keine Polizei, an wen hätten wir uns wenden können? Das war das Schlimmste, die Unsicherheit.“ Kurz vor Weihnachten habe sich die Stimmung etwas verändert, sagt der heute 100-Jährige, „dann ging es ein bisschen besser“. „Es gab ja nichts, aber Essen war da und der Frieden“, betont er mit eindringlicher Stimme. „Das kann ich nicht genug erwähnen.“ Und: „Essen war ausschlaggebend, man war satt und wir hatten einen Weihnachtsbaum.“ Gegessen wurde, was die Hausschlachtung hergab. Auf dem Land hatte man Hühner und Schweine. Und Kuchen gab es, gebacken im Backhaus.

Die Kirchen waren voll

Gefeiert hat Werner Schmidt Weihnachten 1945 mit seinen Eltern und seinen zwei Schwestern und der kleinen Nichte, deren Vater im Krieg gefallen war. „Wir haben erzählt, Gesprächsstoff war da, und wir hatten ein Radio.“ Er erinnert sich: „Die Kirchen beider Konfessionen waren voll“ und „die Leuten waren erst mal froh, dass der Krieg zu Ende war“. Äußerlichkeiten wie festliche Kleidung, „das war alles zweitrangig. Man hatte die alten Klamotten an, wenn sie noch passten“.

Autor:

Sarah Panthel (Redakteurin) aus Siegen

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