„Es gehört zum Leben dazu“

 So winzig können die Textilien für die „Sternenkinder“ sein, zeigt Marin Gumm. Foto: Peter Barden

pebe - Für Eltern ist es eine furchtbare Situation: Ihr Kind, auf das sie sich gefreut hatten, stirbt im Mutterleib oder kurz nach der Geburt. „Sternenkinder“ werden diese Kinder häufig genannt. Dass das Glück zerbricht, ehe es richtig beginnen konnte, ist für die betroffenen Eltern eine traumatische Erfahrung. Dennoch wünschen sich viele eine Erinnerung – ein Andenken an ihr Baby, um zu begreifen und zu betrauern, dass dieses kleine Leben, das für sie „ihr“ Kind war, wirklich existiert hat.

„Viele Eltern wünschen sich ein Erinnerungsfoto“, weiß Marin Gumm. Eine Idee, die im ersten Moment befremdlich klinge, gibt die 28-Jährige zu, aber doch sehr nachvollziehbar sei. Und an deren Verwirklichung sie seit einiger Zeit mitarbeitet. Die Hobbyfotografin gehört zu einer großen Reihe von Fotografinnen und Fotografen, die auf Wunsch würdevolle, ästhetische Bilder der verstorbenen Kinder und ihrer Eltern anfertigen.

Sie sei im Internet auf dieses Angebot gestoßen, erzählt die junge Frau. „Dein Sternenkind“ heißt die Privatinitiative, die sich als ehrenamtliches Hilfsangebot für betroffene Eltern versteht. „Erst einmal war ich geschockt, das ist ein echtes Tabuthema“, erzählt die Zahnarzthelferin, selbst Mutter zweier Kinder. Dann aber habe sie sich von dieser Idee angesprochen gefühlt.

„Jede Situation ist anders“,sagt Marin Gumm, wenn sie sich auf den Weg zu den Eltern macht, nachdem diese bei der Initiative ihren Wunsch gemeldet haben und sie für die Aufgabe vorgesehen ist. Zweimal war sie bisher im Einsatz. Manche Eltern wollten ihr Kind in der akuten Situation auch gar nicht sehen, berichtet sie. Im Abschiedsraum würden die kleinen Körper in Deckchen gehüllt oder in ein Körbchen gelegt. Leichter sei es, wenn das Kind noch im Zimmer bei den Eltern sei, „das ist dann besser aushaltbar“. In jedem Fall werde sie mit einer „sehr persönlichen Situation“ konfrontiert, mit der Trauer er Eltern und „meist ganz viel Liebe für das Kind“.

In einer solchen Situation sei der professionelle Abstand nötig, um nicht in die Gefühlswucht hineingezogen zu werden. Mit den Eltern überlege sie, in welcher Position das Kind fotografiert werden solle. Manche Eltern wollten es auf dem Arm behalten, als Ausdruck der „normalen elterlichen Nähe“, berichtet Marin Gumm, andere wollten nur Detailaufnahmen beispielsweise der Händchen oder der Füßchen. Die Eltern bekämen später eine CD mit farbigen und Schwarzweiß-Versionen der gewünschten Bilder.

Marin Gumm erinnert sich, dass ihr erster Kontakt mit einem kleinen Kinderleichnam eine „besondere Situation“ gewesen sei. „Man lernt dann aber, wie nahe der Tod am Leben ist“, überlegt sie. Sie gehe mittlerweile anders mit dem Wissen um Schwangerschaft und Geburt um. Und dann fügt sie an: „Das erste Sternenkind vergisst man nicht.“

Viele Eltern wünschten sich, dass ihre Kinder bekleidet im Sarg lägen, und auch für sie als Fotografin sei es „würdevoller, ein angezogenes Kind zu fotografieren“. Aber für ein vielleicht handspannengroßes Körperchen gebe es nun einmal keine winzigen Kleidungsstücke mehr. Da müssten dann kleine, besonders gestaltete Säckchen genutzt werden. „Wenn es in Stoff gekleidet ist, trauen sich manche Eltern sogar eher, dieses kleine, so zerbrechliche Wesen anzufassen“, sagt Marin Gumm. Und hatte dann eine Idee.

Sie fragte ihre Mutter, Elke Ohrndorf, die im vorigen Jahr gemeinsam mit Klaudia Gräbener die Idee verwirklichte, Frauen zum Stricken zusammenzubringen. „Plauder-Masche“ heißt das Ergebnis dieser Aktivität. Dort, an der Kölner Straße im Alten Flecken, traf die SZ in gemütlicher Atmosphäre die junge Fotografin und einen Teil der strickenden Frauen. Diese hätten sich sofort mit Begeisterung auf die Idee eingelassen, für diesen besonderen Zweck Deckchen und Säckchen aus weicher Wolle zu stricken. Auch für sie zunächst eine merkwürdige Erfahrung: „Wenn man überlegt, was man da strickt“, meint Klaudia Gräbener.

Eine Mitstrickerin erzählt von eigenen Erfahrungen: Sie habe selbst Fehlgeburten gehabt, und es sei für sie erst einmal eine schlimme Zeit gewesen, die Deckchen zu stricken: „Mir fiel nachts meine Geschichte wieder ein.“ Und ihre Tischnachbarin meint: „Es gehört doch zum Leben dazu.“ Die gestrickten Sachen hat Marin Gumm für den Einsatz immer dabei, erzählt sie. Sie kläre vor Ort ab, welche Krankenhäuser mit entsprechenden Textilien ausgestattet seien. Einfach seien die Einsätze nicht, sagt sie, und wenn sie Rufbereitschaft habe, dann seien Abende und Nächte auch „unruhiger“, aber „ich will das weiter machen“, nickt sie.

Die Fotografen könnten sich übrigens im sicheren Forum der Initiative über ihre Einsätze austauschen, um sich auch selbst zu entlasten. Alle arbeiteten ehrenamtlich, den betroffenen Eltern entstünden keinerlei Kosten. 

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