Es geht um 500 Mill. Euro

 Ludwig-Ferdinand Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg pocht auf das Testament von Fürst Albrecht – und die darin enthaltenen Klauseln. Fotos: Martin Völkel   Gustav Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg argumentiert, dass Gedankengut aus der NS-Zeit heute keine rechtliche und moralische Grundlage mehr habe.
  • Ludwig-Ferdinand Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg pocht auf das Testament von Fürst Albrecht – und die darin enthaltenen Klauseln. Fotos: Martin Völkel Gustav Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg argumentiert, dass Gedankengut aus der NS-Zeit heute keine rechtliche und moralische Grundlage mehr habe.
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vö - Das Medieninteresse hielt sich am Freitagmorgen in überschaubaren Grenzen – obwohl für das Wittgensteiner Fürstenhaus einiges auf dem Spiel steht. Man könnte auch sagen: alles. Das Landwirtschaftsgericht am Amtsgericht Bad Berleburg verhandelte ab 10 Uhr mehr als viereinhalb Stunden über den Erbschaftsstreit im Hause Sayn-Wittgenstein-Berleburg, der seinen Schatten in den vergangenen Monaten und Jahren über Schloss Berleburg legte und in der Odebornstadt für jede Menge Spekulationen gesorgt hatte. Wichtiger sind allerdings die Fakten auf dem Tisch: Zum einen geht es sicherlich um das für Bad Berleburg so prägende Schloss-Gebäude, zum anderen aber um einen rund 14 000 Hektar großen Forstbetrieb, der zum Familienvermögen gehört. Das ist nicht weniger als der größte Privatwald des Landes Nordrhein-Westfalen. Die Rede ist von einem Streitwert von rund 500 Mill. Euro.

Zwei Protagonisten saßen sich gestern im Verhandlungssaal des Gerichtes „Im Herrengarten“ vor Richter Torsten Hoffmann und seinen zwei ehrenamtlichen Kollegen gegenüber: Auf der einen Seite Gustav Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (50), Sohn des vor knapp zwei Jahren verstorbenen Prinzen Richard, auf der anderen der Bad Laaspher Windkraft-Unternehmer Ludwig-Ferdinand Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (77), der ein Cousin von Prinz Richard ist. Die juristische Auseinandersetzung basiert auf einem mehr als sieben Jahrzehnte alten Testament, verfasst von Gustav Albrecht Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg. Der Vater von Prinz Richard wurde 1944 als Soldat der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg in Russland vermisst und 1969 dann offiziell für tot erklärt.

Fürst Gustav Albrecht vererbte das gesamte Familienvermögen nicht seinem Sohn, sondern seinem damals noch nicht geborenen ältesten Enkelsohn. Bedingung: Er müsse als Erwachsener eine adelige, evangelische und arische Frau heiraten. Das Testament wird allerdings von den beiden Streitparteien unterschiedlich interpretiert und ausgelegt. Fakt ist: Weil Prinz Gustav ledig ist, wird die ansonsten übliche Erbfolge von Prinz Ludwig-Ferdinand angefochten. Der Bad Laaspher Unternehmer hat – wie auch Prinz Gustav – vor dem Landwirtschaftsgericht einen Erbschein für die Hof-Folge beantragt. Wem steht demnach die Erbschaft in einer Größenordnung im dreistelligen Millionen-Bereich zu? Mit dieser Frage haben sich Richter Torsten Hoffmann und seine beiden Kollegen zu beschäftigen.

Das taten sie gestern in einer nicht-öffentlichen Anhörung viereinhalb Stunden lang – unterbrochen lediglich von drei kurzen Pausen. Zu einer Entscheidung kam es erwartungsgemäß noch nicht. „Die Entscheidung wird im schriftlichen Verfahren getroffen“, erklärte Julia Lingenhoff, Pressesprecherin am Landgericht Siegen, gestern auf Anfrage der Siegener Zeitung. Einen zeitlichen Rahmen gebe es nicht. Und: Es müsse nicht heißen, dass die gestrige Anhörung das Thema abgeschlossen habe: „Es ist durchaus möglich, dass es weiteren Aufklärungsbedarf gibt.“ Dr. Henrich Schleifenbaum, Rechtsbeistand von Ludwig-Ferdinand Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, lobte im SZ-Gespräch „das hervorragend vorbereitete Gericht und die sehr sachliche Vorgehensweise“. Generell gelte weiterhin die Devise, „dass wir eine familiäre, natürlich etwas emotionale Auseinandersetzung nicht zum Gegenstand einer Presseberichterstattung machen wollen“. Lediglich zu dem in der Diskussion stehenden Testament werde er einige Worte verlieren, so der Siegener Jurist.

Über die Auslegung der Nachlass-Verfügung bestünden unterschiedliche Ansichten. Aus seiner Sicht, so Henrich Schleifenbaum, „wurde das Testament hochverantwortlich verfasst, es handelt sich um ein zu ehrendes Schriftstück“. Zweifelsohne könne man dem entnehmen, dass Fürst Albrecht ein Mensch mit einer konservativen Haltung gewesen sei, er sei allerdings weit davon entfernt gewesen, den Nationalsozialisten nahe zu stehen. Aber genau dies sei in der Berichterstattung einiger Medien suggeriert worden. In dem Testament sei weder die Rede davon, dass die zu heiratende Frau seines Enkelsohns arisch, noch evangelisch sein müsse. „Wo steht das geschrieben?“ In dem Testament habe Fürst Albrecht verfasst, wen er zum Vorerben bestimme – allerdings Klauseln eingebaut: „Es geht ja auch um Fragen der Wirtschaftfähigkeit.“ Diese Position sei Bestandteil der rechtlichen Würdigung durch das Landwirtschaftsgericht Bad Berleburg, so Henrich Schleifenbaum.

Gustav Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg bedauerte in dem Zusammenhang den von der Gegenseite eingeschlagenen Weg und die dafür gewählte Begründung. So berufe sich Prinz Ludwig-Ferdinand auf eine Passage des Testamentes, die die Nacherbfolge an verschiedene Bedingungen knüpfe, zu denen unter anderem gehöre, dass bei Eingehung einer Ehe die Ehefrau des Nacherben adeliger Abstammung sein und die Aufnahmebedingungen nach der Satzung der deutschen Adelsgenossenschaft aus der Zeit des Nationalsozialismus erfüllen müsse, erklärte Dr. Ralf Beke-Bramkamp, Sprecher von Prinz Gustav, gestern auf SZ-Anfrage.

Für Prinz Gustav und seine Familie sei selbsterklärend, dass derlei Gedankengut keine rechtliche und moralische Grundlage mehr habe, und heute nicht mehr als Anspruchsgrundlage für eine Erbberechtigung herangezogen werden könne. Ralf Beke-Bramkamp: „Das ist ja nicht nur in diesem Fall so, es gibt auch andere Beispiele aus der Zeit des Nationalsozialismus, die in der heutigen Zeit einfach keinen Bestand mehr haben.“

Die Stellungnahme aus dem Schloss griff noch einen weiteren Aspekt auf: „Prinz Gustav ist auch weder verheiratet, noch lebt er – wie von der Gegenseite behauptet – in eheähnlicher Gemeinschaft. Prinz Gustav hofft, dass die mündliche Anhörung dem Gericht bei seiner Entscheidungsfindung helfen konnte und das Verfahren nun zügig zu einem Abschluss kommt.“

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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