Es reicht jetzt

Der gewaltsam herbeigeführte Tod des 16-jährigen Schülers aus Rothemühle hat riesengroße Bestürzung, Trauer und Fassungslosigkeit ausgelöst. Der zwei Jahre jüngere Klassenkamerad gestand die Tat, mit der er ein so junges Leben beendet und seins einhergehend mit zerstört, zumindest aber mit einem dunklen Schatten für immer belegt hat. Man kann sich gar nicht vorstellen, welche Trauer, welche Verlustschmerzen und welche Verzweiflung dieses schreckliche Geschehen in beiden Familien auslöste.

In den Freundeskreisen sowie bei den anderen Klassenkameraden und an der Gesamtschule in Wenden insgesamt herrscht ebenfalls blankes Entsetzen und grenzenlose Traurigkeit. Die mannigfaltigen Beileidsbekundungen zeugen derweil von enormer Anteilnahme auch über den genannten Personenkreis hinaus.

An dieser Stelle stellt sich die Frage nach der Beteiligung der Öffentlichkeit. Natürlich haben der Suchaufruf der Polizei am Mittwochvormittag und die Suchaktion am Abend mit Hunderten an Einsatzkräften das Interesse am Schicksal des zu dieser Zeit noch vermissten 16-Jährigen geweckt. Die Meldungen vom Auffinden des Leichnams, von der Festnahme des Klassenkameraden sowie vom Geständnis desselben verstärkten die verzweifelte Suche nach Antworten auf das „Warum?“.

Polizei und Staatsanwaltschaft haben in bis dahin ungewöhnlich schneller Form öffentlich Antworten auf die wichtigsten Fragen gegeben, auch um den unsäglichen Mutmaßungen in den „sozialen“ Netzwerken frühzeitig entgegenzuwirken respektive diese einzudämmen. Hierfür gebührt den Behörden Lob, ganz abgesehen von der schnellen und zugleich erfolgreichen Ermittlungsarbeit.

Die Pressemitteilungen sowie die umfangreichen Informationen in der Pressekonferenz am Donnerstagabend haben alle Informationen geboten, die für die Öffentlichkeit ausreichen sollten. Alle darüber hinausgehende Details dürften eigentlich nur für die juristische Behandlung und vor allem ausschließlich den Familien zur Aufarbeitung des verstörenden Geschehens dienen. Aber muss die Öffentlichkeit nun möglichst alles aus dem Leben des jugendlichen Opfers und noch jüngeren Tatverdächtigen erfahren? Nein!

Daher stimmt es sehr, sehr nachdenklich, dass manche Medienvertreter nach wie vor versuchen, noch mehr Informationen bzw. Gerüchte über das Leben beider zu erhalten und dafür ganz offensichtlich noch nicht einmal halt davor machen, Mitschüler oder andere Kinder und Jugendliche aus dem privaten Umfeld zu befragen. Dieses Verhalten führte unter anderem dazu, dass die Gemeinde Wenden am Wochenende eine zusätzliche bauliche Abgrenzung an der Gesamtschule errichtet hat, um die Schülerinnen und Schüler heute – am ersten regulären Schultag nach dem Bekanntwerden der Tatumstände – vor den lästigen, unnötigen und pietätlosen „Angriffen“ der Medien besser zu schützen. Unglaublich, dass dies notwendig ist.

Die Kinder und Jugendlichen insbesondere an der Gesamtschule in Wenden leiden unter dem schrecklichen Verbrechen, und niemand weiß wirklich, ob und wie jeder einzelne der Schüler psychisch damit klarkommt. Da bedarf es keiner weiteren Belastung einiger Medienvertreter.

Hier darf auch nicht die gern genutzte Begründung „Die Leute wollen das doch lesen“ herhalten. Ernsthaft: Wer das wirklich lesen, hören oder sehen möchte und dafür in Kauf nimmt, dass die Kinder und Jugendlichen ohne Beistand von Eltern oder Psychologen den Fragen der Medienvertreter ausgesetzt werden, die sollten von der Journaille nicht bedient werden, sondern eher einen Psychiater aufsuchen. Daher, werte Kollegen, lasst die betroffenen Familien, Freunde, Bekannte sowie die Schüler- und Lehrerschaft die schrecklichen Vorkommnisse in Ruhe verarbeiten und sie ohne Belästigung trauern. Die Öffentlichkeit ist über alles Wichtige im Zusammenhang mit der Tat informiert, dem ureigenen Auftrag der Presse ist Genüge getan. Es reicht jetzt.

Holger Böhler

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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