Sigmar Gabriel erneut in Siegen
Ex-Außenminister erklärte die Welt - ein bisschen

Sigmar Gabriel: „Amerika wird nie wieder so werden, wie es mal war. Und hoffentlich nicht so bleiben, wie es jetzt unter Trump ist.“ Foto: Christian Hoffmann
  • Sigmar Gabriel: „Amerika wird nie wieder so werden, wie es mal war. Und hoffentlich nicht so bleiben, wie es jetzt unter Trump ist.“ Foto: Christian Hoffmann
  • hochgeladen von Christian Hoffmann (Redakteur)

ch Siegen. Eigentlich liebt der Sozialdemokrat die großen Auftritte. Hier das scharfe Wort in einer Talkshow, dort die spitze Feder in einem Leitartikel, am liebsten aber die freie Rede vor Publikum – wie beim IHK-Jahresempfang in der Siegerlandhalle zum Start ins Jahr 2019. Am Dienstagnachmittag aber nutzte Sigmar Gabriel die kleine Bühne des Museums für Gegenwartskunst, um in einem viel zu kleinen Raum mit viel zu vielen Zuhörern bei viel zu hohen Temperaturen zu brillieren. Der Ex-Außenminister, seit kurzem der neue Vorsitzende der Atlantik-Brücke und damit das Gesicht der Pflege der deutsch-amerikanischen Beziehungen, erklärte auf Einladung seines Parteifreundes Willi Brase und des Wirtschaftswissenschaftlers Prof. Dr. Volker Wulf (Uni Siegen) ein klein bisschen die Welt.

Und die ist – auch mit Blick gen Brüssel und das EU-Ringen um Positionen und Posten bzw. auf den zurückliegenden G-20-Gipfel im japanischen Osaka – komplizierter denn je. Europa schwächelt, das Verhältnis zu den USA ist angespannt, die Rolle Chinas bereitet Sorgen. Mit fester Stimme spricht der einstige SPD-Chef und neue Brückenbauer ins Mikrofon. Er erzählt eine Geschichte. Venedig sei einst im 15. Jahrhundert ein Macht- und Handelszentrum gewesen, so Gabriel. Kontrollierte die Handelswege nach Norden und zum nahen und mittleren Osten hin. Dann verlagerten sich die Handelsachsen, vom Mittelmeer in den Atlantik. Wo einst die Seidenstraße nach China verlief, verlor Venedig seine Bedeutung. Heute lebe kaum ein Venezianer mehr in der Stadt an der Adria, hingegen strömten 30 Millionen chinesische Touristen jährlich an den Ort, der sich in ein Museum verwandelt habe.

Europa passiere derzeit ähnliches. So verlagern sich die politischen – und damit auch die militärischen – Achsen vom Atlantik in den Pazifik, vor allem in Richtung China. Nicht erst seit Trump, sondern bereits seit der Ära des Vorgänger-US-Präsidenten Obama. Gabriel: „Amerika blickt in den Pazifik. Der große Konkurrent ist China. Wir reden nicht mehr von G 20, die Fragmentierung der Machttektonik hat längst eingesetzt. Es geht schlicht und einfach um G 2!“ Beiden, den Vereinigten Staaten und China, gehe es längst nicht mehr um die Stärke des Rechts in internationalen Institutionen, Verträgen und Absprachen. Sowohl Trump als auch das chinesische Regime „sehen die Welt als Arena, als Kampfbahn“ und setzten auf das Recht des Stärkeren.

So zögen sich die Amerikaner auch aus ihren alten Aufgaben und Einflussgebieten zurück, konzentrierten und fokussierten sich. Dies wird sich auch nicht ändern, falls im kommenden Jahr ein Politiker der Demokraten ins Präsidentenamt der USA gewählt wird. Gabriel: „Amerika wird nie wieder so werden, wie es mal war. Und hoffentlich nicht so bleiben, wie es jetzt unter Trump ist.“

Immerhin: Daraus ergebe sich, so der ehrenamtliche Außenpolitiker weiter, eine strategische Gelegenheit bzw. Notwendigkeit. Je nachdem, wie man es betrachtet. Doch Europa befinde sich nicht nur in einer Zeit des Posten-Geschachers, sondern in einer Identitätskrise – gezeichnet von Brexit, Gelbwesten und Populismus. Gabriel hebt den Zeigefinger: „Es droht damit auch ein massiver wirtschaftlicher Bedeutungsverlust!“ Weltpolitisch werde die EU bereits heute als Vegetarier wahrgenommen in einer Welt voller Fleischfresser. „Wenn die Briten dann auch noch gehen, glaubt die Welt, wir sind Veganer. Ich will nicht, dass wir Fleischfresser werden, aber wir werden so was wie Flexitarier werden müssen“, mahnt Sigmar Gabriel.

Seine Forderungen zur Änderung der Situation: Europa, das sich dank bequemer Zurückhaltung in der politischen Auseinandersetzung – „Amerika war ja da!“ – an 70 Jahren Frieden und Wohlstand erfreuen und aus Konflikten freikaufen konnte, müsse die internen Machtachsen gerade rücken. Es müsse dringend den Euro zu einer globalen Leitwährung entwickeln sowie deutlich mehr Geld in Verteidigung und Forschung investieren. Vor allem: „Nur wenn die EU gemeinsam und mit einer Stimme spricht, hat sie die Chance, überhaupt noch von der Welt respektiert zu werden.“

Autor:

Christian Hoffmann (Redakteur) aus Siegen

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