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Eine Woche ohne Uhr
Experiment gescheitert

Dutzende von Zeitmessern takten normalerweise unseren Tag. Der souveräne Umgang mit der Zeit ohne Uhr ist hingegen alles andere als einfach.
  • Dutzende von Zeitmessern takten normalerweise unseren Tag. Der souveräne Umgang mit der Zeit ohne Uhr ist hingegen alles andere als einfach.
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  • hochgeladen von Christian Hoffmann (Redakteur)

ch Siegen. Ein Tag hat 24 Stunden oder 1440 Minuten oder 86 400 Sekunden. Jede Menge Zeit, die wir vermessen, die wir – wenn wir nicht schlafen – verplanen, verteilen, mal vergeuden, dann wieder „vernünftig” nutzen. Tick, tack. Zig kleine und große Zeitmesser geben den Takt vor, wir leben mit und nach der Uhr. Wäre es da nicht schön, aus dem analogen oder digitalen Rhythmus auszusteigen? Mal ohne Chronograph und Chronometer auszukommen? Über die Zeit zu verfügen und sie selbstständig und selbsttätig zu vergeben? Nicht nur am langen Wochenende oder im Urlaub?

Ein schöner, durchaus reizvoller Gedanke, wenn man den Stress und die Hetze, die von montags bis sonntags durch das Vermessen erzeugt werden, im Hinterkopf hat. Das Leben ohne Uhr, für viele kaum vorstellbar.

ch Siegen. Ein Tag hat 24 Stunden oder 1440 Minuten oder 86 400 Sekunden. Jede Menge Zeit, die wir vermessen, die wir – wenn wir nicht schlafen – verplanen, verteilen, mal vergeuden, dann wieder „vernünftig” nutzen. Tick, tack. Zig kleine und große Zeitmesser geben den Takt vor, wir leben mit und nach der Uhr. Wäre es da nicht schön, aus dem analogen oder digitalen Rhythmus auszusteigen? Mal ohne Chronograph und Chronometer auszukommen? Über die Zeit zu verfügen und sie selbstständig und selbsttätig zu vergeben? Nicht nur am langen Wochenende oder im Urlaub?

Ein schöner, durchaus reizvoller Gedanke, wenn man den Stress und die Hetze, die von montags bis sonntags durch das Vermessen erzeugt werden, im Hinterkopf hat. Das Leben ohne Uhr, für viele kaum vorstellbar. Wie sonst sollte man pünktlich aufstehen, die Kinder in die Schule bringen, von einem Termin zum nächsten eilen und am Abend in der Hobbymannschaft kicken oder im Chor singen? Der Gedanke reift zur Idee, dann zum Plan: Ich möchte mich ein paar Tage dem Terminmarathon entziehen, die Uhr nicht länger mit mir am Arm rumtragen, die Zeit nicht mehr bloß ertragen müssen. Eine kleine Auszeit, hoffentlich mit vielen Pausen zum Entschleunigen, vielleicht gar zum Langweilen.

Eine Urlaubswoche ohne Terminstress

Ich bereite mich vor. Weil ich ahne, dass das Unterfangen schwierig wird, lege ich das Experiment in die zweite Woche der Herbstferien. Da habe ich frei. Der Sohn muss nicht in die Schule, nur die Tochter besucht die Kita. Keine Musikschule, kein Reitunterricht, kein Fußballtraining. Weniger Orga, weniger grundsätzlicher Stress.

Ich lese. Dicke Wälzer, etwa die Bücher des Münchener Zeitforschers Karlheinz Geißler. Der besaß noch nie eine Armbanduhr. Der Diktatur eines Zeitmessgeräts wollte er sich nicht unterwerfen. Sein Rezept für einen gelassenen Umgang mit der Zeit: natürlicher Rhythmus anstatt mechanischer Takt, vorgegeben von Atomuhren oder Quarzlaufwerken. Eine dem natürlichen menschlichen Zeitempfinden angepasste Minute habe schlicht und einfach mal 50, mal 70 Sekunden. Diese vage Exaktheit des Maßes genüge.

Überall Uhren

Reicht es da, die Uhr zur Seite zu legen? „Eigentlich nicht”, denke ich mir beim Blick auf die Zeiterfassung rund um mich herum. Egal ob Smartphone, PC-Uhr, Wanduhr oder leuchtende Zahlen auf den Uhren von Herd, Mikrowelle, Businformationssystem und Fotokopierer: Ich bin umgeben von Zeitmessern. Der Blick trifft beinahe unweigerlich auf Zifferblätter oder Digitalanzeigen.

Ich schaue. Youtube zum Beispiel. Immerhin sieben Tage hat der hippe Joseph Bolz – besser bekannt als „DeChangeman”, der mal ohne Fleisch auskommt und dann wieder auf das Auto verzichtet – ohne Uhrzeit gelebt. Auch der Regisseur und Drehbuchautor hat sich eine nicht so arbeitsintensive Zeit ausgesucht, ebenfalls den Urlaub. Sein Motiv: Er wollte wissen, ob seine innere Uhr wirklich funktioniert. Also wurde das Handy umständlich abgeklebt, der Computer bekam Streifen von Malerkrepp verpasst. Wenn Bolz draußen unterwegs war und sein Blick eine Uhr streifte, hat er schnell auf den Boden geschaut. Während der Woche hat er sich vor allem nach dem Tageslicht gerichtet. Gut, dass er sich mit dem Juni einen besonders hellen Sommermonat für seinen Selbstversuch ausgesucht hat.

Nur nicht den Arzttermin verpassen!

Ich hingegen befinde mich mitten im Herbst, kurz vor der Umstellung auf die graue Winterzeit. Die Tage werden kürzer, die Dunkelheit hält länger an. Eine Herausforderung für die innere Uhr, der ich ab sofort folgen möchte – und nicht nur für sie, wie ich bald merke. Zum Beispiel direkt beim Start in die Woche, sprich in den Versuch: Ein Arztbesuch steht an, 8.40 Uhr bin ich dran. Das strikte Patientenmanagement der Arzthelferinnen duldet keine Verspätung, das weiß ich. Also liege ich schon nachts wach, um ja nicht das Aufstehen zu verpassen. Nicht die innere Uhr, sondern die innere Unruhe in mir zwingt mich aus dem Bett. Frühstück mit Frau und Kindern, mein Blick wandert nervös zwischen Küchenmobiliar, Wänden und Decke, weicht all den Uhren aus.

Bald schon haste ich zur Bushaltestelle, Auto fahren ist heute wegen der Untersuchungsmedikamente und deren Nebenwirkungen verboten. Ich bin viel zu früh dran. Ich stehe und warte. Wie so oft in diesen Tagen: Während „Zeitprofis” wie Geißler, Bolz und Co. auf die Signale ihres Körpers hören und damit indirekt Zeitspannen fühlen können, verstehe ich meinen Körperrhythmus nicht mehr und habe zugleich verlernt, zu warten, ohne dass es mich stört.

Ich nutze die Zeit zum Nachdenken, während ich mir den Blick auf die Kirchturmuhr verbiete: Ob es wohl noch die Zeitansage per Telefon gibt? (Ja, gibt es. Das Sprüchlein: „Beim nächsten Ton ist es …” klingt vertraut, ist jedoch teuer: 42 Cent beim Anruf vom Mobiltelefon aus).

Erst nervös, dann schlecht gelaunt

Es bleibt nicht die einzige Ernüchterung: Statt zu entspannen bin ich erst von einer nervösen, später von einer schlechten Grundstimmung erfasst. Egal ob ich Elterntaxi für die Kinder spiele, mich mit Freunden treffe, „um die Mittagszeit” koche oder anderen Alltagsterminen nachgehe: Ich bin entweder viel zu spät oder viel zu früh dran. Die Erzieherinnen schauen vorwurfsvoll, weil die Kleine die Hälfte des Laternenbastelns verpasst, der Freundeskreis hat Fragezeichen auf der Stirn, unser Sohn schimpft, weil seine und meine innere Uhr in Sachen Hungergefühl gänzlich voneinander abweichen, und die anderen Termine streiche ich bereits am Tag zwei.

Einher mit der schlechten Laune geht der Entzug. Ich muss ständig auf die Uhr schauen. Das wird mir bewusst. Alle 18 Minuten im Schnitt, so die Forscher des deutschen „Menthal-Balance-Projektes”, möchte ich mich vergewissern. Allein 88 Mal am Tage schalte ich das Smartphone ein, 35 Mal davon, um auf die Uhr zu gucken. Hinzu kommt eben der Blick auf die vielen anderen Zeitmesser.

Entspannung beim Glockenläuten

Ein Zwang. Tatsächlich? Ihn zu vergegenwärtigen und den Blick zu unterdrücken ist nicht weniger zwanghaft … Erst das abendliche Läuten der Glocken der Christuskirche in der Weidenauer Nachbarschaft bedeutet Erlösung. Gott sei Dank! Der Tag ist vorüber, die Abendstunden kann ich genießen. Oder zum Nachgrübeln nutzen: Was habe ich alles im Haus und im Garten wann geschafft, oder eben nicht? Woran kann ich mich zeitmäßig orientieren (denn wenn ich ehrlich bin, bekomme ich es vielleicht hin, die Uhr zu verbannen, nutze aber das Verhalten der anderen um mich herum, um die Uhrzeit „zu erraten” – oder frage jene anderen in meiner verspürten Not schlicht und einfach: „Wie spät ist es?”)? Warum fallen mir die Zwangspausen, die doch der „Rekreation” dienen sollen, so schwer?

Das ist der springende Punkt. Ich höre das imaginäre Seufzen Karlheinz Geißlers. Zeit sei gar nicht knapp, sagt er. Es gebe genug davon. „Und es kommt jeden Tag gleich viel Zeit nach.“ Das Problem sei ein anderes: „Wir haben zu viel zu tun.“ Die vermeintlich knappe Zeit sei im Grunde „ein Ausdruck dessen, was wir auch noch tun wollen, aber nicht schaffen“.

Er hinterfragt das Grundsätzliche, er hat ja Zeit. Genau diese Zeit, wie wir sie geordnet haben, ist ja in der Tat nicht von Natur aus so. Warum teilen wir den Tag in 24 Stunden ein und nicht in 36? Oder in zehn? Geißler: „Warum machen wir es nicht wie die Italiener, die bis ins 18. Jahrhundert nur die hellen Stunden gezählt haben?” Wir würden anders leben, anders arbeiten.

Bis zum Grundsätzlichen gelange ich nicht. Auf Hunger und Licht kann ich mich nicht verlassen, ohne Uhr geht es nicht. Nur wer Single und ohne Job und anderweitige Verpflichtungen ist, kann ohne die kleinen und großen Zeitmesser im Alltag auskommen. Ein Eingeständnis: Das Experiment ist am dritten Tag gescheitert.

Innere Uhr funktioniert beim Espresso

Nur in zwei Alltagsmomenten funktioniert meine innere Uhr – beim täglichen Espresso zwischen 14 und 15 Uhr, der die Mittagsmüdigkeit vertreiben muss, und bei der biologischen Geisterstunde. Wenn wir schlafen, läuft unser Körper sozusagen auf Sparflamme, Temperatur und Blutdruck sinken, Puls und Atmung werden langsamer. Nach dem Einschlafen wechseln sich Tiefschlaf- und Traumphasen etwa im 90-Minuten-Rhythmus ab. Danach ist der Schlaf nur noch leicht, weshalb nach vier Stunden die Tendenz besteht, das erste Mal richtig aufzuwachen. Geht man, so wie ich, um 0 Uhr ins Bett, ist ein Aufwachen um 4 Uhr durchaus wahrscheinlich. Wahrhaftig, immer dann ist bei mir die biologische Mitternacht angesagt. Nacht für Nacht. Der Blick auf die Uhr ist wenigstens dieses eine Mal überflüssig!

Autor:

Christian Hoffmann (Redakteur) aus Siegen

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