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Ego-Shooter-Spiele als "Brandbeschleuniger"
Expertin über mögliche Gründe von School Shootings

Die Gründe für School Shootings sind sehr komplex. Man kann die Anzeichen aber erkennen und die Jugendlichen dann behandeln.
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lh Siegen. Mitten im Siegener Zentrum und doch so ruhig gelegen: Die Praxis von Dr. Nina Aulmann lädt zum Ankommen ein. Sie arbeitet als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Traumatherapeutin. Aus gegebenem Anlass nimmt Nina Aulmann Stellung zu den komplexen Hintergründen, die Kinder und Jugendliche zu sogenannten "School Shootings" veranlassen können. Aus ihrer täglichen Arbeit weiß sie, wo die Probleme der Jugendlichen entstehen und auf welche Weise man diese behandeln kann.
"School Shootings" sind lange geplantBesonders im...

lh Siegen. Mitten im Siegener Zentrum und doch so ruhig gelegen: Die Praxis von Dr. Nina Aulmann lädt zum Ankommen ein. Sie arbeitet als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Traumatherapeutin. Aus gegebenem Anlass nimmt Nina Aulmann Stellung zu den komplexen Hintergründen, die Kinder und Jugendliche zu sogenannten "School Shootings" veranlassen können. Aus ihrer täglichen Arbeit weiß sie, wo die Probleme der Jugendlichen entstehen und auf welche Weise man diese behandeln kann.

"School Shootings" sind lange geplant

Besonders im Hinblick auf die jüngsten Ereignisse in Essen, Bremerhaven und zuletzt an einer Grundschule in Uvalde im US-Bundesstaat Texas ist klar: Waffengewalt an Schulen ist ein ernst zu nehmender Tatbestand, der sich im Falle von geplanten School Shootings (einen deutschen Begriff gibt es nicht, Anm. d. Red.) bereits lange im Voraus ankündigt. "Das Problem an dem Thema School Shooting ist, dass es so hochkomplex ist: Ego-Shooter-Spiele und Mobbing reichen als Begründung nicht aus, das Thema muss multifaktoriell gesehen werden", weiß Nina Aulmann. Grundsätzlich müsse man zwischen dem impulsiven Amoklauf und dem lange vorbereiteten School Shooting unterscheiden, bei dem ein Täter meist nach Beendigung seiner Schullaufbahn in Aktion tritt. Gerade dann werden Lehrer oft zum ersten Opfer und sind besonderer Gefahr ausgesetzt. Aufgrund der langen Planung ließen sich School Shootings frühzeitig verhindern, da sich solche Taten im Verhalten der Jugendlichen ankündigten. Voraussetzung ist aber eine entsprechende Wachsamkeit des Umfelds.

Wertschätzung im frühkindlichen Alter

Die Basis für erhöhte Gewaltbereitschaft sei eine Kombination aus mehreren Faktoren: Sowohl die Neurobiologie und Genetik spielen eine Rolle, aber auch Psychodynamik, biografische und soziologische Aspekte. Viele Betroffene, so Aulmann, durchlebten Depressionen, erführen Zurückweisungen und litten unter mangelnder Wertschätzung, was dazu führe, dass sie sich zurückziehen und isolieren. Immer öfter werden Kinder sich selbst überlassen oder vernachlässigt. "Manchmal sind die Eltern überfordert, wenn es um den Medienkonsum oder das Aufwachsen der Kinder allgemein geht. Immer häufiger geht der elterliche Instinkt verloren", betont die Expertin. Wichtig sei es deshalb, schon im frühkindlichen Alter den Kindern genügend Zuwendung und Beachtung zu schenken und sie als Personen wertzuschätzen. 

Viele Täter leiden unter Narzissmus

Gewalttätige Absichten und Motivationen werden auch bei Jugendlichen oft durch ein sogenanntes "high arousal" – ein Dauererregungszustand im Gehirn – ausgelöst. Die Emotionen werden dabei in der Großhirnrinde verarbeitet. Im Erregungszentrum des Gehirns, in der Amygdala, findet die Bewertung von Erinnerungen statt, dazu gehören auch Ängste. Oftmals kann die Vernunft die Erregung bei Patienten nicht mehr unterdrücken und setzt aus, wodurch sich Verhaltensauffälligkeiten etablieren. "Viele Täter haben bereits frühkindliche Störungen und leiden unter Narzissmus, der durch die Übererwartungen und die Kälte des Elternhauses entsteht", sagt Nina Aulmann. Ego-Shooter-Spiele seien dabei vor allem "Brandbeschleuniger". 

Problemlösung durch Therapie

Nina Aulmann erklärt, dass fehlende Wertschätzung und Anerkennung umgelenkt werden müsse. Statt sich bei Ego-Shootern zu profilieren, müsse sowohl in der Schule als auch im Elternhaus ausreichend Wärme und Rückhalt geboten werden. Um Probleme zu therapieren, sucht die Tiefenpsychologie nach den Ursachen des Verhaltens und nimmt sich vorhandener Depressionen an. Patienten werden stabilisiert und entwickeln im Idealfall ein gesundes Selbstwertgefühl. "Die Hemmungen, zur Psychotherapie zu gehen, sind niedriger geworden und die Lobby wächst – trotzdem ist es noch etwas anderes, als mit Bauchschmerzen zum Arzt zu gehen", erklärt Nina Aulmann. "Das, was wir brauchen, sind mehr Therapeuten."

Die Gründe für School Shootings sind sehr komplex. Man kann die Anzeichen aber erkennen und die Jugendlichen dann behandeln.
School Shootings durch präventive Arbeit verhindern: Dr. Nina Aulmann gibt Einblicke in die psychotherapeutische Betreuung und Behandlung von Kindern und Jugendlichen.
Autor:

Lena Heinrich

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