Fallpauschale: Bonus soll Anreiz sein

Neues Abrechnungssystem in Krankenhäusern / Unwägbarkeiten bei schweren Fällen

kk Siegen. Das neue Jahr ist nicht mehr weit. Zumeist beginnt es mit guten Vorsätzen. Mit diesen allein ist es im Krankenhausbereich schon lange nicht mehr getan. Es muss gespart werden. Das ist auch das Ziel des neuen Abrechnungssystems. DRG heißt es in Kurzform – »Diagnosis Related Groups«, sprich Fallpauschalen, in der ausgeschriebenen Variante. Mitmachen müssen die Krankenhäuser ab 2004. Eine Anwendung des neuen Berechnungsmodus ist in 2003 freiwillig möglich. Der Freiwilligkeit wurde nun in Anbetracht kärglicher Resonanz etwas nachgeholfen. Für 2003 wurde den Krankenhäusern eine Nullrunde verordnet. Eine Ausweitung des Defizits um etwa vier Prozent droht. Kliniken, die bereits im nächsten Jahr auf DRG umsteigen, winkt ein Bonus-Bonbon in Höhe von 0,81 Prozent des 2002er Budgets. Für so manches Haus dürfte das Anschub sein, doch noch kurzfristig auf das Fallpauschalen-Abrechnungssystem umzusteigen.

Wie das funktioniert und welche Auswirkungen auf Krankenhäuser und Patienten zu erahnen sind, darüber sprach die SZ mit Axel Körver, Leiter Controlling im Siegener St.-Marien-Krankenhaus, der stellvertretend für die Einrichtungen in der Region Auskunft gab.

Körver: »Seit zehn Jahren gibt es zur Abrechnung ein Mischsystem.« Das bestehe bereits aus Fallpauschalen (ein Viertel bis ein Drittel der Erlöse), zum überwiegenden Teil indes aus Pflegesätzen. Die variieren je nach Abteilung. So ist beispielsweise die Gastroenterologie vergleichsweise günstig, die Onkologie eher teuer. Nunmehr steht das vollpauschalisierte Entgeltsystem ins Haus. 642 Fallpauschalen wurden für die Startzeit festgesetzt. Anpassungen an die tatsächlichen Kosten sind bis 2007 ebenso möglich wie die Ausweitung der Fallpauschalen auf bis zu 800.

Grundlage der Berechnung ist erst einmal ein zu Jahresbeginn 2002 unter Beteiligung von rund 200 Kliniken ausgehandelter Wert, der den durchschnittlichen Aufwand eines Krankenhauses für einen Fall festlegt. Bei der Eingruppierung werden Haupt- und Nebenerkrankungen berücksichtigt. Dieser Wert wird mit einem so genannten Basisfallwert multipliziert. Bis 2005 darf dieser zwischen den Einrichtungen variieren. Grund: Er richtet sich nach der Budgethöhe in 2002. Die Abschaffung der Tagessätze soll vor allem zu einer Verkürzung der Liegezeiten führen.

Axel Körver: »In der Theorie ist das ein gerechtes System.« Aber auch ein solches System kann in der Praxis Schwächen haben. Betroffen sein könnten besonders kostenintensive Bereiche mit langen Liegezeiten. In den Sinn kommen dem Fachmann die Geriatrie, die Onkologie, die Rheumatologie, die Palliativmedizin und die Intensivmedizin. Im Klartext: Gibt es in diesen Sparten zu viele Patienten, kommt das die Klinik teuer zu stehen.

Müssen Patienten, die besonders aufwändige Behandlungen benötigen, nun um eine optimale medizinische Versorgung fürchten? Körver: »Die Krankenhäuser haben einen Versorgungsauftrag.« Den hätten sie zu erfüllen. So ganz genau weiß aber noch niemand, welche Folgen DRG zeigen kann. Körver: »Vielleicht wird es auch Versuche geben, die Patientenströme zu steuern.« Will heißen: lukrativen, einfacheren Fällen den Vorrang zu geben. Sein Haus, so Körver, suche nach Wirtschaftlichkeitsreserven, erarbeite standardisierte Behandlungsprozesse.

»Wartezeiten gibt es auch heute schon in bestimmten Bereichen«, erläutert der Fachmann. Die Anzahl der Herzschrittmacher zum Beispiel werde mit den gesetzlichen Krankenkassen ausgehandelt und sei zumeist äußerst knapp bemessen. Körver: »Für darüber hinaus gehende Eingriffe gibt es nur einen Bruchteil des Geldes.«

Die Krankenhäuser tragen seit etwa zehn Jahren Sparstrümpfe. Die verordnete Nullrunde für 2003 vergrößert die Finanzierungslücke noch einmal. Körver: »Für einige Krankenhäuser kann das die Insolvenz bedeuten.« Da kann der Zuschlag für die frühzeitige Anwendung von DRG zumindest ein bisschen helfen. Niemand aber weiß, zu welchen Mitteln gegriffen wird, wenn die Häuser auch künftig keinen festen Finanzboden haben, ihnen womöglich der Gang zum Konkursverwalter droht.

Auch Axel Körver kann noch nicht exakt vorhersehen, welche Folgen das vollpauschalisierte Entgeltsystem zeigen wird. Grundsätzlich stünden die Chancen – die Schwachstellen immer im Blick – nicht schlecht. Sorgen, Patienten könnten zu früh entlassen werden, steuert er entgegen: »Der medizinische Dienst der Krankenkassen wird verstärkt ein Auge auf die Qualität der Behandlung haben.« Auch stünden die Krankenhäuser im Wettbewerb. Für die Sorge von Reha-Einrichtungen und Hausärzten, auf sie könne Mehraufwand zukommen, hat er aber Verständnis.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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