Ferndorfer greift nach Filmpreisen

Für den Golden Globe nominiert: Volker Bertelmann. Foto: Jan Schäfer In seinem Düsseldorfer Tonstudio schreibt Volker Bertelmann alias Hauschka auch Filmmusik. Foto: Jan Schäfer
  • Für den Golden Globe nominiert: Volker Bertelmann. Foto: Jan Schäfer In seinem Düsseldorfer Tonstudio schreibt Volker Bertelmann alias Hauschka auch Filmmusik. Foto: Jan Schäfer
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js Ferndorf/Düsseldorf. Das Zeitfenster, in dem Volker Bertelmann an seinem Arbeitsplatz in Düsseldorf anzutreffen ist, wird immer kleiner. Seit Jahren schon tourt der gebürtige Ferndorfer unter seinem Künstlernamen Hauschka mit Konzerten um den ganzen Globus, um die Zuhörer mit seinem präparierten Klavier in experimentelle Klangwelten zu entführen. So prall gefüllt wie in diesem Jahr war sein Kalender allerdings nie zuvor – auch beim Besuch der SZ sitzt der 50-Jährige praktisch auf gepackten Koffern. Nach Toronto, New York, London und Mexiko geht es wieder nach Los Angeles. Hollywood hat gerufen.

Musikalische Erfolge feierte der Band-erprobte Bertelmann, der sowohl sein Medizin- als auch das BWL-Studium für die echte Leidenschaft an den Nagel hängte, insbesondere als Solokünstler. Sein erstes Album unter dem Pseudonym Hauschka – „Substantial“ – veröffentlichte er 2004, viele weitere folgten. Unter seinem Künstlernamen perfektionierte der klassisch ausgebildete Pianist, der sein Instrument als Achtjähriger bei einem Heiligabendkonzert in der Ferndorfer Kirche für sich entdeckte, seinen kreativen Umgang mit dem Klavier. Mit Klebebändern, Ketten, Tischtennisbällen, Leder-, Filz- und Gummistücken und vielem mehr präpariert Volker Bertelmann die Saiten des Instruments und holt aus ihm völlig neue Klänge heraus – sowohl im Studio als auch auf der Bühne.

Als Künstler hat er sich in all den Jahren breiter aufgestellt, als es die reine Diskografie seiner Solo-Alben vermuten lässt. Bertelmann komponiert klassische Konzerte, arbeitet mit anderen Musikern zusammen und lässt sein präpariertes Piano zum Teil eines Orchesters werden. Und dann ist da noch der Cineast Volker Bertelmann, der schon mit 18 Jahren seine erste Filmmusik schrieb. Immer wieder übersetzte er die Bilder auf der Leinwand in musikalische Stücke, als Freundschaftsdienst schrieb er Scores für Studentenfilme – Produktionen, die ihm kein Geld einbrachten, dafür aber die ersten Kontakte in die Branche der Filmemacher.

2012 zeichnete Volker Bertelmann alias Hauschka verantwortlich für den Soundtrack von Doris Dörries Films „Glück“. Um das Ergebnis sehen zu können, musste er sich selbst ein Kinoticket kaufen, schmunzelt er. Aber, kein Problem, weitere Aufträge folgten. Die Musik zur deutsch-israelischen Dokumentation „Schnee von gestern“ (2014) etwa stammt aus seiner Feder, der erste Auftrag aus Hollywood kam ein Jahr später – für den Horrorthriller „The Boy“. Sönke Wortmann vertraute Bertelmann die musikalische Vertonung seines Filmexperiments „Deutschland – Dein Selbstporträt“ (2016) an.

Oftmals kommen die Kontakte nach Konzerten zustande. So auch vor einem guten Jahr, als Volker Bertelmann nach seinem Auftritt im australischen Melbourne von Garth Davis angesprochen wurde. Der Regisseur hatte gerade die erste Schnittfassung seines ersten Spielfilms fertiggestellt und fragte den Künstler aus dem fernen Deutschland, ob er nicht Lust habe, die Musik für „Lion“ zu schreiben – gemeinsam mit dem Amerikaner Dustin O’Halloran. Aber sicher hatte er die; immerhin sind Bertelmann und der US-Pianist seit Jahren gute Freunde. Ein Zufall, vielleicht auch Schicksal. „Dustin ist einer der wenigen, mit denen ich mir so eine Zusammenarbeit vorstellen kann“, sagt Volker Bertelmann. Er habe das Gefühl gehabt, dass dieser Auftrag wie für die beiden gemacht gewesen sei. Bei einer solchen Kooperation dürfe keiner der Beteiligten egoistisch sein und den Drang verspüren, sich um jeden Preis selbst zu verwirklichen. Auf beide Künstler traf das zu.

Vor einem Jahr etwa sah sich das Komponisten-Duo erstmals den so gut wie fertig gestellten Film mit prominenter Besetzung an – neben Oscar-Preisträgerin Nicole Kidman spielen Dev Patel („Slumdog Millionaire“), David Wenham und Rooney Mara mit. Ausgesprochen gut habe ihm das ergreifende Drama um die Suche nach Herkunft und Identität gefallen, auf das die deutschen Kinogänger noch bis Februar warten müssen. „Der Film würde sogar ohne Musik funktionieren“, ist Bertelmann überzeugt von der Produktion. Kurz vor Weihnachten war der Auftrag erteilt, die beiden Musiker begannen, erste Ideen für den Score zu sammeln – Volker Bertelmann in Düsseldorf, Dustin O’Halloran in Los Angeles. Drei Wochen später flossen bei einem Treffen in Kalifornien erste Töne zusammen, das Thema von „Lion“ war geboren. Gemeinschaftlich seien sie auf die berührende Melodie gekommen, die sich durch den gesamten Film zieht und die Sehnsucht des Protagonisten zum Ausdruck bringt, berichtet Bertelmann.

Die meiste Arbeit wurde in „Fernbeziehung“ erledigt – mit neun Stunden Zeitverschiebung. „Dadurch waren wir beinahe ein 24-Stunden-Betrieb“, erklärt der gebürtige Ferndorfer. Wenn er sein Tagewerk vollbracht hatte, begab sich Kollege O’Halloran in L.A. erst an seine Arbeit. Beinahe organisch sei das abgelaufen. Das direkte Feedback habe beiden sehr geholfen. Und das Ergebnis stimmte sowohl den Regisseur als das Studio zufrieden. Zur Premiere des Films reiste Volker Bertelmann im September zum Toronto Film Festival. Nicht auf Einladung des Studios, sondern auf eigene Kosten. „Dazu stehen wir auf der Rangliste zu weit unten“, winkt er ab. Viel Initiative ist gefordert von Komponisten, die im Hollywood-Netzwerk Kontakte knüpfen wollen. „Die Investitionen lohnen sich aber.“

Immerhin: Nicht nur, dass Volker Bertelmann seit der Premiere auf zahlreichen roten Teppichen unterwegs war und bei Premierenfeiern wie in New York und London mit hochkarätigen Stars Applaus erntet – auch die „Award Season“, die heiße Phase der großen Hollywood-Filmpreise, hat bereits vielversprechend begonnen. Nominiert wurde der „Lion“-Soundtrack bereits für die „Hollywood Music In Media Awards“, am Sonntagabend war Hauschka in Los Angeles, wo er als Nominierter auf der Gästeliste der „Critics’ Choice Awards“ stand. Die nächste Nominierung folgte am Montag: Am 8. Januar kann Bertelmann auf einen Golden Globe Award hoffen. Der Weg zu den Oscars öffnet sich immer mehr.

Ob das kommende Jahr ähnlich turbulent wird wie das jetzige? Einen Gang herunterzuschalten, dagegen hätte der dreifache Familienvater nichts. Parallel zur Filmmusik stellt er gerade sein neues Hauschka-Album mit dem Titel „What If“ fertig, das Ende März erscheinen wird. Die Bühnen der Welt wird Bertelmann auch 2017 bereisen. Gleichzeitig komponiert er weitere Scores. James Francos „In Dubious Battle“ steht noch in der Warteschleife; Musik: Hauschka. Zwei Soundtracks entstehen gerade noch im Düsseldorfer Studio, weitere Aufträge sind bereits in Sicht. Eine Änderung wird es dabei geben: Künftig möchte Volker Bertelmann seine Filmmusik unter seinem bürgerlichen Namen schreiben – um eine gewisse Trennlinie zwischen One-Man-Band Hauschka und Komponist Bertelmann zu ziehen. Eine Trennlinie, die Freiheit schafft: Ein Bertelmann-Score klingt eben nicht automatisch nach Hauschka. 

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Jan Schäfer

Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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