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Lockdown bremst Lernaktivtäten
Finanzspritze für Nachhilfe- und Förderprogramme

Deutlich stärker als vor dem zweiten Lockdown wird die Nachhilfe nun auch für Grundschüler gebucht.
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  • Deutlich stärker als vor dem zweiten Lockdown wird die Nachhilfe nun auch für Grundschüler gebucht.
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nja Siegen/Kreuztal. Homeschooling, Wechselunterricht, Pauken mit FFP2-Maske im gut durchlüfteten, dafür aber unterkühlten Klassenraum: Was Schülerinnen und Schüler in den vergangenen gut zwölf Monaten alles mitgemacht haben, ist wahrlich nicht ohne. Im zweiten Lockdown haben deutsche Schüler laut Ifo-Umfrage täglich nur 4,3 Stunden gelernt – mehr als drei Stunden weniger als vor Corona. Im Schnitt! Welche Auswirkungen dies auf die Lernentwicklung hat und haben wird, das lässt sich heute wohl erst erahnen. Der Bund will nun beim Gegensteuern helfen: Zwei Milliarden Euro sollen in die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen fließen. Das stielte das Bundeskabinett am Mittwoch mit dem „Aktionsprogramm Aufholen“ ein. Damit sollen die Folgen der Corona-Maßnahmen abgemildert werden.

nja Siegen/Kreuztal. Homeschooling, Wechselunterricht, Pauken mit FFP2-Maske im gut durchlüfteten, dafür aber unterkühlten Klassenraum: Was Schülerinnen und Schüler in den vergangenen gut zwölf Monaten alles mitgemacht haben, ist wahrlich nicht ohne. Im zweiten Lockdown haben deutsche Schüler laut Ifo-Umfrage täglich nur 4,3 Stunden gelernt – mehr als drei Stunden weniger als vor Corona. Im Schnitt! Welche Auswirkungen dies auf die Lernentwicklung hat und haben wird, das lässt sich heute wohl erst erahnen. Der Bund will nun beim Gegensteuern helfen: Zwei Milliarden Euro sollen in die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen fließen. Das stielte das Bundeskabinett am Mittwoch mit dem „Aktionsprogramm Aufholen“ ein. Damit sollen die Folgen der Corona-Maßnahmen abgemildert werden.

Eine Milliarde Euro soll zügig in Nachhilfe- und Förderprogramme für Schüler fließen, die Lernrückstände aufholen müssen. Die zweite Milliarde Euro wird in soziale Projekte investiert. Dabei sollen psychische Krisenfolgen abgefedert werden. Bestehende Programme im Bereich frühkindlicher Bildung, in der Schulsozialarbeit und im Freizeitbereich sollen aufgestockt werden. Und: Mit einer Einmalzahlung von 100 Euro für Kinder aus Familien, die auf Hartz IV angewiesen sind oder ein sehr geringes Einkommen haben, sollen je nach Bedarf Freizeitaktivitäten ermöglicht oder unterstützt werden.

Größere Freude auf gemeinsames Lernen

Nachhilfe – das ist sicherlich kein Wort, das Jugendlichen ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Doch haben Lockdown und Kontaktbeschränkungen dazu geführt, dass sich mehr Schüler als sonst auf das gemeinsame Lernen tatsächlich freuen. Ronald Kern als Inhaber der Schülerhilfe Siegen und Daniel Reuber vom Studienkreis Siegen-Mitte haben dies selbst miterlebt: Kinder, die glücklich sind, mit den Nachhilfelehrern von Angesicht zu Angesicht zu pauken! Seit fünf Wochen etwa laufe der Präsenzunterricht wieder, sagt Kern. Zuvor wurde online unterrichtet. Begonnen habe man im analogen Klassenraum mit den Grundschülern, mittlerweile aber schauen auch die Älteren wieder persönlich vorbei, um in Gruppen von bis zu 5 Schülern Defizite aufzuarbeiten.

"Die Coronapandemie hat Lernzeit
und Lerninhalte deutlich reduziert."

Ronald Kern und Daniel Reuber
Schülerhilfe und Studienkreis Siegen

Aber: Die Nachfrage sei in den vergangenen Wochen und Monaten rückläufig, sagen Kern und Reuber unabhängig voneinander. Reuber: „Vielleicht hängt das damit zusammen, dass es keine blauen Briefe gibt? Manche Eltern haben die Nachhilfe momentan vielleicht nicht als dringlich auf dem Schirm.“ Bei Jugendlichen, die zur Nachhilfe kommen, aber zeige sich: „Die Lücken sind massiv!“

Schüler freuen sich auf gemeinsames Lernen.
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Ronald Kern hat die Erfahrung gemacht: „Je weniger Notendruck, desto weniger Nachhilfe wird gebucht.“ Vielleicht sei aber auch „nur“ die Verwirrung zu groß: „Eltern wissen vielleicht gar nicht, dass wir unter Hygieneauflagen Präsenzunterricht anbieten.“

Bei den Kindern und Jugendlichen, die Hilfe suchen, spüre er hingegen vermehrt deutlich mehr Druck. Die Schüler litten unter dem Chaos des Hin und Her. „Eine Drittklässlerin brachte uns einen Stapel PDFs mit, die sie in sechs Wochen durcharbeiten sollte, aber gar nicht öffnen konnte. Andere bemühten den Schülerhilfe-Drucker, um an ihr Material zu gelangen. Welche „Sickerverluste“ es zu beklagen gebe, das werde sich wahrscheinlich erst noch zeigen. Auch für ihn stehe aber fest: „Die Wissensstände sind schlechter geworden.“

Nachhilfe für Grundschüler deutlich stärker gebucht

Der Unterricht für etwa ein Drittel der Schüler im Studienkreis Siegen-Mitte werde über das Bildungs- und Teilhabepaket öffentlich finanziert, sagt Reuber. Zahlreiche dieser Kinder seien im Lockdown nicht nur im übertragenen Sinne von der Bildfläche verschwunden „und bis jetzt auch nicht wieder aufgetaucht“, bedauert er: „Wir sorgen uns.“ Andere Schüler berichteten, während des Distanzunterrichts höchstens zwei bis drei Stunden am Tag gelernt zu haben, an manchen Tagen auch gar nicht. Deutlich stärker werde Nachhilfe nun auch für Grundschüler gebucht. Das mache mittlerweile rund 15 bis 20 Prozent der Schülerschaft aus. „Vor zwei Jahren waren Erst- bis Viertklässler die absolute Ausnahme!“ Auf die Ausgestaltung des „Aufhol“-Förderprogramms sind beide gewerbliche Nachhilfeanbieter gespannt – und natürlich bereit zur Mitwirkung.

 Im Kreuztaler Rathaus bemüht man sich derzeit um Gelder aus dem NRW-Landesprogramm „Extra-Zeit zum Lernen“.
  • Im Kreuztaler Rathaus bemüht man sich derzeit um Gelder aus dem NRW-Landesprogramm „Extra-Zeit zum Lernen“.
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Und auch die Schulträger dürften die Ohren gespitzt haben. Im Kreuztaler Rathaus bemüht man sich derzeit um Gelder aus dem NRW-Landesprogramm „Extra-Zeit zum Lernen“ und steht in Kontakt mit den Schulen vor Ort. Auch so sollen pandemiebedingte Benachteiligungen bereinigt werden. Zweimal pro Woche bietet in naher Zukunft jeweils ein Fachkräfte-Tandem drei Stunden lang Nachhilfe in Kleingruppen an.

”Weniger als 150 Euro pro Kind” Es wird davon ausgegangen, dass jeder vierte Schüler Lernstände aufholen muss. Mit dem Fördergeld für Nachhilfeprojekte sollen laut dpa die Länder Programme ausbauen können, etwa Sommercamps und Nachhilfekurse während des Schuljahrs. Die Kurse könnten von Stiftungen, Vereinen, Initiativen, VHS, pensionierten Lehrkräften, Lehramtsstudenten und auch kommerziellen Nachhilfeanbietern übernommen werden. Der Deutsche Städtetag fordert eine schnelle Umsetzung des Aufholprogramms. „Wir müssen Kindern und Jugendlichen unmittelbar helfen, damit sie soziale und psychische Folgen durch die Lockdowns bewältigen können“, sagte Vizepräsident Markus Lewe dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Es dürfe keine Zeit mit komplizierten Antragsverfahren verplempert werden. Das Deutsche Kinderhilfswerk kritisiert das Paket als völlig unzureichend. Im Endeffekt würden damit weniger als 150 Euro pro Kind in die Hand genommen. „Das wird bei Weitem nicht ausreichen, um auch nur annähernd die Bedarfe“ zu decken. Dafür seien „die Befunde der Studien über die Auswirkungen der Pandemie auf die physische und psychische Verfassung unserer Kinder zu gravierend“. Im Kreuztaler Rathaus bemüht man sich derzeit auch um Gelder aus dem NRW-Landesprogramm „Extra-Zeit zum Lernen“ und steht in Kontakt mit den Schulen. Auch so sollen pandemiebedingte Benachteiligungen bereinigt werden. Zweimal pro Woche bietet in naher Zukunft jeweils ein Fachkräfte-Tandem drei Stunden lang Nachhilfe in Kleingruppen an.
Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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