Fliegenplage nach Todesfall

 Das sieht eklig aus, und Ralf Höfer geht gar nicht mehr gern in sein Badezimmer. Hier muss er nämlich erst mal Fliegen jagen – sie kommen aus der Nachbarwohnung. Foto: ihm
  • Das sieht eklig aus, und Ralf Höfer geht gar nicht mehr gern in sein Badezimmer. Hier muss er nämlich erst mal Fliegen jagen – sie kommen aus der Nachbarwohnung. Foto: ihm
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ihm - Ralf Höfer öffnet die Tür zum Bad ganz vorsichtig. Die dicken schwarzen Fliegen sollen nicht in den Flur entwischen. Mit einer Zeitung bewaffnet, wagt er sich in den kleinen Raum. Vier Fliegen erlegt er – nicht auf einen Streich, sondern fein säuberlich nacheinander. Dann werden die Kadaver in ein Marmeladenglas verfrachtet. Seit einigen Tagen sammelt der Mieter an der Weißtalstraße die Fliegenleichen – sozusagen als Beweismittel. „Ich hätte mal früher damit anfangen sollen, dann wäre jetzt das Glas schon viel voller.“

Die Fliegenplage kommt aus der Wohnung über Ralf Höfer. Den Bewohner dieser Nachbarwohnung hat die Polizei vor knapp drei Wochen tot aufgefunden. Die Kripo nahm die Leiche in Augenschein und ließ dann den Bestatter seines Amtes walten. Gelüftet wurde auch, aber dann schlossen die Polizisten die Wohnung ab und schickten den Schlüssel an das Nachlassgericht.

Ralf Höfer hat im April selbst die Polizei gerufen, denn seit längerem ließ der Nachbar nichts mehr von sich hören. Und weil im Briefkasten noch die Post vom Februar steckte, befürchtete man Schlimmes. Das bestätigte sich. Zu vermuten ist, dass der Tote schon länger in der Wohnung lag.

Inzwischen sieht man an den zugehängten Fenstern, dass sich in den vergangenen Wochen eine Menge Leben in der Wohnung im zweiten Stock entfaltet hat. Die Fliegen krabbeln innen über die Fensterscheiben. Ralf Höfer ist ganz und gar nicht damit einverstanden, dass die Tierchen sich mittlerweile einen Weg in seine Wohnung gebahnt haben. Er vermutet ein Schlupfloch am Abflussrohr.

Beschwerden beim Vermieter halfen ebenso wenig wie ein Nachhaken bei der Polizei. Die SZ-Recherchen förderten eine klare Zuständigkeit zutage: Das Nachlassgericht ist am Zuge.

Detlef Balzer, Vorstand der Baugenossenschaft Siegerland e.G. (BGS) als Vermieterin der Wohnungen, bedauert: „Uns sind im Moment die Hände gebunden, wir können gar nichts tun.“ Immerhin: Ein Brief der BGS ans Nachlassgericht hat offenbar die Dringlichkeit der Angelegenheit unterstrichen. Das Gericht hat, so Pressesprecherin, Sabine Metz-Horst, „extrem schnell gearbeitet“. Es sei schon ein Nachlasspfleger bestellt. Das sei eine außergewöhnlich rasante Bearbeitung eines Todesfalls.

Die Polizei, die ihrerseits zu keinerlei Auskünften über den Todesfall bereit ist, hat immerhin die Erbberechtigten des Verstorbenen gleich an das Gericht gemeldet. Deswegen konnten sie sogleich angeschrieben werden, berichtet Sabine Metz-Horst. Einige der Geschwister hätten das Erbe schon wenige Tage nach dem Tod ausgeschlagen, auf die Äußerung der anderen Erben warte man noch.

Die Regelung des Nachlasses – und dazu gehört eben auch das Wohnungsinventar – sei eine rein privatrechtliche Angelegenheit, sagte die Juristin: „Da darf sich der Staat nicht einmischen.“ Aber der Nachlasspfleger ist befugt, in die Wohnung zu gehen und zu tun, was getan werden muss. In diesem Fall ist offenkundig zu säubern, zu entrümpeln, und eventuell muss ein Kammerjäger in Aktion treten.

Warum ist der Nachlasspfleger noch nicht in die Wohnung gegangen? „Leider ist er noch nicht verpflichtet worden“, sagt Sabine Horst-Metz. Sie hofft aber, dass das am Freitag der Fall sein wird. Beim Verpflichtungsgespräch bekommt der Nachlasspfleger dann den Schlüssel ausgehändigt.

Es gibt also Hoffnung auf ein fliegenfreies Wochenende für Ralf Höfer. Alle anderen Behörden erklärten sich unterdessen für nicht zuständig. Das Ordnungsamt der Stadt Siegen sieht keine Gefahr für die „öffentliche Sicherheit und Ordnung“, sagt Dr. Sabine Schutz, Pressesprecherin der Stadt Siegen. Das Kreissgesundheitsamt betrachtet die Angelegenheit als Privatsache. Pressesprecher Torsten Manges: „Wenn Sie Schimmel in der Wohnung haben, müssen Sie das mit Ihrem Vermieter klären. Er muss den Mangel beseitigen.“

Hier schließt sich der Kreis. Denn beseitigen kann der Vermieter nichts, solange der Nachlasspfleger die Wohnung nicht freigibt.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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