Fluor macht Haifischzähne zur Waffe

»Forum Siegen« startete Vortragsreihe »Chemie – Leben und Wissenschaft«

Siegen. Gestern, am 12. Mai 2003, jährte sich der 200. Geburtstag des in Darmstadt geborenen Chemikers Justus Freiherr von Liebig. Er starb 70-jährig in München. Liebig begründete den Laboratoriumsunterricht an den deutschen Hochschulen. Er leistete bedeutende Arbeiten auf dem Gebiet der organischen, technischen, analytischen, physiologischen und landwirtschaftlichen Chemie (z.B. setzte er die Mineraldüngung durch). Schlagartig bekannt wurde er seinerzeit mit seiner Erfindung des Fleischextrakts, welches er kreierte, als beim damaligen großen Lederbedarf in Südamerika gleichzeitig auch riesige Mengen Fleisch anfielen. Anlässe genug für »Forum Siegen« im Jahr der Chemie mit einer Vortragsreihe »Chemie – Leben und Wissenschaft« Interessierten Einblicke in neue Forschungsergebnisse zu gewähren und dabei gleichzeitig neugierig zu machen auf die Wissenschaft rund um die Moleküle.

Als größten Erfolg für das »Forum Siegen« würden es die Veranstalter werten, so Forum-Leiter, Prof. Dr. Gerd Hufnagel, jetzt bei der Auftakt-Veranstaltung, wenn sich im Anschluss an die einzelnen Vorträge ähnlich viele Anregungen und lebhafte Diskussionen anschlössen wie im vorangegangenen Wintersemester beim Forum-Thema »Islam«.

Die Chemie begleitet unseren Alltag vom Aufstehen bis zum Zubettgehen, etwa bei der täglichen Benutzung von Zahnbürste und Zahnpasta. Sowohl die Zahnbürste aus Kunststoff als auch die fluorhaltige Zahnpasta für die richtige Mundhygiene sind Produkte moderner chemischer Forschung.

Um Fluor und Zähne ging es dann auch ganz konkret im Auftaktvortrag im Siegener Medien-und Kulturhaus Lÿz. Prof. Dr. Wolfgang Hasenpusch referierte zum Thema »Fluor in unserem Gebiss und warum uns manch’ Fisch überlegen iss - Erfindung aus dem Meer«. Der aus Brunsbüttel stammende Chemiker, der seit zehn Jahren an der Siegener Universität im Bereich der anorganischen Chemie lehrt, arbeitet seit 26 Jahren bei der Frankfurter Degussa AG, jetzt im Bereich Innovationsmanagement. Gleichzeitig hat sich Hasenpusch seit etlichen Jahren dem Tiefseetauchen verschrieben. Dabei ist es ihm gelungen, mittels Unterwasserbetrachtungen an Pflanzen und Tieren in unterschiedlichsten Tiefseeregionen rund um den Erdball neue Fragestellungen und Forschungsthemen für die anorganische Chemie herauszuarbeiten.

Am Anfang dieser Beobachtungen standen Fragen wie »Wie elegant bewegt sich ein Fisch, wie elegant sind seine Kauapparate, aus welchem Material besteht das?« Je tiefer Hasenpusch im wahrsten Sinne des Wortes in die Materie eintauchte, desto stärker wuchs in ihm auch der Respekt vor den perfekten Bauplänen der Natur. Zugleich entstand der Wunsch, sich Prinzipien der Natur abzuschauen und sie für die Umsetzung neuester chemischer Herausforderungen zu nutzen. Damit bedient sich Hasenpusch auch der Methoden der Bionik, einer Wissenschaft, die seit rund 40 Jahren die Grenzgebiete zwischen Biologie und Technik untersucht.

Ergebnisse solcher Forschungen sind dann beispielsweise die unterschiedliche chemische Zusammensetzung von Zähnen von Fischen und Menschen. So ist eben der Fluorgehalt in den Haifischzähnen verantwortlich für die mehr als messerscharfen, resistenten Waffen der Haie. Für den modernen Chemiker stellt sich da zwangsläufig die Frage, ob nicht Fluor, wenn noch gezielter den bisweilen stark vernachlässigten menschlichen Gebissen zugeführt, beispielsweise in Nano-Struktur-Form, Zähne sogar wieder reparieren könnte. Inzwischen liegen diesbezüglich schon handfeste Patentanmeldungen vor.

Ob Nano-Struktur-Formen bei der Zahnreparatur oder die Entwicklung neuer Außenfarben, die sich resistenter gegenüber Wind, Regen und Frost zeigen (abgeschaut vom Wachshöcker-Prinzip auf der Blattoberfläche von Pflanzen): Beides sind nur Beispiele dafür, wie in Zukunft sämtliche Wissenschaftsbereiche viel stärker als bisher zusammenarbeiten müssen, um das Überleben der Menschheit zu sichern. Dabei könnte zukünftig den Weltmeeren wesentlich mehr Bedeutung zukommen als bisher, so Hasenpusch.

Wissenschaftler unterschiedlichster Fachbereiche stimmen inzwischen längst in ihrer Vermutung überein, dass in Zukunft nicht mehr Kriege ums Erdöl oder andere Ressourcen geführt werden, sondern um die immer größer werdende globale Trinkwasserknappheit. Die Erdoberfläche ist zu 71 Prozent mit Wasser bedeckt, davon bestehen 97 Prozent aus Salzwasser, 2 Prozent befinden sich in vereister Form an den Polen, und lediglich 0,6 Prozent des insgesamt vorhandenen Wassers ist überhaupt als Trinkwasser zu gebrauchen.

Die Süßwassergewinnung aus Meerwasser könnte demnach zu einem der wichtigsten Forschungsthemen der kommenden Jahrzehnte werden. Hasenpusch spekulierte darüber hinaus, ob sich (auch in Anbetracht der sich immer mehr ausbreitenden Wüstengebiete) das Meer nicht nur als Produktionsraum, sondern als der Lebensraum der Zukunft erweisen könnte. Bei dem Auftaktvortrag am Donnerstag Abend entpuppte sich Hasenpusch gleichzeitig als geborener Conférencier, der es trefflich verstand, einerseits komplizierte Zusammenhänge so darzustellen, dass sie auch für Nicht-Chemiker sofort verständlich waren, und andererseits mittels fast sketchreifer Einlagen, wie beispielsweise ein Griff zum Haifischgebiss, den Vortrag noch kurzweiliger zu gestalten. Damit fühlt Hasenpusch sich übrigens ganz in der Tradition Liebigs, der seinerzeit seine neuesten Forschungsergebnisse seinen Zeitgenossen in Kabarettform näher brachte. Die »Forum Siegen«-Reihe wird am Donnerstag, 15. Mai, um 20 Uhr im Lÿz fortgesetzt.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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