SZ

Beschäftigte der Behindertenhilfe
Forderung nach Corona-Bonus

Die Pandemie hat auch den Alltag in den Wohnstätten für Menschen mit Beeinträchtigungen durcheinandergebracht. Strukturen brachen weg – nicht nur während der Quarantäne. Elvira Grieb, Matthias Wagner, Pflegerin Renate Schreiber und Andreas Schürmann freuen sich auf die Zeit, wenn das Virus nicht mehr das Leben mitbestimmt.
  • Die Pandemie hat auch den Alltag in den Wohnstätten für Menschen mit Beeinträchtigungen durcheinandergebracht. Strukturen brachen weg – nicht nur während der Quarantäne. Elvira Grieb, Matthias Wagner, Pflegerin Renate Schreiber und Andreas Schürmann freuen sich auf die Zeit, wenn das Virus nicht mehr das Leben mitbestimmt.
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  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

nja Siegen/Olpe. Applaus ist eine nette Geste. Eine Sonderzahlung als Anerkennung für das Corona-bedingt deutlich stärker belastende Engagement aber wäre nicht nur willkommen, sondern im Zuge der Gleichgehandlung auch angebracht: Das meinen nicht nur Beschäftigte in der heimischen Behindertenhilfe, die sich an die SZ gewandt haben, sondern viele Tausend Unterzeichner einer Onlinepetition unter der Überschrift „1500 Euro auch für die Behindertenhilfe“. Dass Bund und das Land NRW Beschäftigten in der Altenpflege eine Corona-Prämie auszahlten und jenen in der Eingliederungshilfe nicht – das sorgt für Unverständnis unter jenen, die sich täglich in den Wohnheimen um Menschen z. B. mit geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen kümmern. Tenor der Kritik: Es fehle die Wertschätzung.

nja Siegen/Olpe. Applaus ist eine nette Geste. Eine Sonderzahlung als Anerkennung für das Corona-bedingt deutlich stärker belastende Engagement aber wäre nicht nur willkommen, sondern im Zuge der Gleichgehandlung auch angebracht: Das meinen nicht nur Beschäftigte in der heimischen Behindertenhilfe, die sich an die SZ gewandt haben, sondern viele Tausend Unterzeichner einer Onlinepetition unter der Überschrift „1500 Euro auch für die Behindertenhilfe“. Dass Bund und das Land NRW Beschäftigten in der Altenpflege eine Corona-Prämie auszahlten und jenen in der Eingliederungshilfe nicht – das sorgt für Unverständnis unter jenen, die sich täglich in den Wohnheimen um Menschen z. B. mit geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen kümmern. Tenor der Kritik: Es fehle die Wertschätzung.

"Aufgaben unterscheiden sich nicht großartig"

„Die Aufgaben unterscheiden sich nun wirklich nicht großartig“, sagen zwei Pflegefachkräfte, die in der AWo-Wohnstätte Buschhütten arbeiten und an das Land appellieren: „Lassen Sie uns nicht leer ausgehen!“ Sechs Wochen lang – die SZ berichtete – stand das Wohnheim unter Quarantäne, weil sich Bewohner mit dem Coronavirus infiziert hatten. „Wir wurden zunächst in Arbeits-Quarantäne geschickt, das heißt: Wir durften nur zwischen Wohnstätte und unserem Zuhause hin und her pendeln.“ Ausreichender Schutz – das bedeutete FFP2-Masken, Kittel, Masken, Brillen, Handschuhe und Füßlinge bei der oft auch körperlich anstrengenden Pflege. „Unsere Bewohner haben unter der Situation mit Besuchs- und Arbeitsverbot gelitten, weil viele die Situation auch nicht verstanden haben. Ihre normale Tagesstruktur brach weg, wir sind wie Außerirdische verkleidet zu ihnen gekommen, waren ihre Sozialkontakte, haben versucht, ihnen ihre Einsamkeit zu nehmen. Und die nicht infizierten Bewohner wollten natürlich auch unsere Aufmerksamkeit“, so die Pflegekräfte, die namentlich nicht in Erscheinung treten möchten.

Schutzkleidung erschwert die Pflege massiv

Von Mehrarbeit ist die Rede – auch heute noch: Schließlich seien die berufstätigen Bewohner nach wie vor nur in einem 14-tägigen Rhythmus in der Werkstatt, und es werde darauf geachtet, dass sich die einzelnen Wohngruppen nicht mischen. „In manchen Situationen muss man zudem einfach die Maske absetzen“, beschreibt ein Pfleger das tägliche Abwägen des richtigen, angemessenen Verhaltens: „Bei einem Trauergespräch z. B, wenn ein Bewohner einen geliebten Menschen verloren hat. Da gehört mehr zu als das gesprochene Wort!“ Abstandhalten sei oft nicht möglich.
Das sieht Thomas Bär genauso. Er ist als Fachbereichsleiter der Lebenshilfe Wohnen/Wohnverbund NRW gGmbH für fünf stationäre Einrichtungen der Eingliederungshilfe in Eschenbach, Deuz, Wilnsdorf, Olpe und Wenden zuständig. Im November gab es in den Siegerländer Häusern Infizierte – und somit bis zu vier Wochen Quarantäne, mit allem drum und dran. Die Pflege in voller Hygienemontur sei sehr beschwerlich, macht er an einem Beispiel verständlich: „Wenn eine 50 kg leichte Pflegerin in Schutzkleidung einen 100 kg schweren Bewohner unter der Dusche pflegt, dann ist das z. B. äußerst anstrengend! Dann braucht sie anschließend eine halbe Stunde Pause.“

Arbeitgeber haben Verständnis für Forderung nach Corona-Bonus

Die Masken erschwerten zudem die Kommunikation mit den Bewohnern, die den Mund-Nase-Schutz meist nicht akzeptierten – weil sie die Hintergründe nicht verstünden. Zur normalen Verständigung zähle nun einmal auch die Mimik. Die Mitarbeiter hätten sich schon gefragt: „Warum gibt es für uns keinen Bonus?“ Der Arbeitgeber zeigte Verständnis: „Unser Träger hat auf freiwilliger Basis aus eigener Tasche je nach Stellenanteil bis zu 600 Euro Sonderprämie gezahlt. Jene Mitarbeiter, deren Arbeitsplatz von Infektionen und Quarantäne betroffen waren, erhielten darüber hinaus eine weitere Sonderprämie.“
„Wir können als Träger solche Prämien nur zahlen, wenn sie vom Bund und/oder Land zu 100 Prozent finanziert werden“, schreibt hingegen der AWo-Bezirksverband Westliches Westfalen auf Anfrage. Mit Blick auf die vielen Berufsgruppen, die Ansprüche geltend machen könnten, „sprechen wir uns dafür aus, Corona-Prämien, die letztendlich von der Gesellschaft finanziert werden müssen, nicht über die Altenpflege hinaus zu forcieren. Wir setzen weiterhin auf prozentuale Erhöhungen unserer Tarife, da diese Anhebungen langfristiger und nachhaltiger wirken als Prämien.“

Was sagen Bund und Land?

Was sagen Bund und Land zu den Forderungen, denen sich auch die Pflegeverbände angeschlossen haben?

  • „Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales sieht derzeit keine Möglichkeit, den Beschäftigten im Bereich der Eingliederungshilfe eine Corona-Prämie zu ermöglichen. Die Ausführung der Eingliederungshilfe liegt in der ausschließlichen Zuständigkeit der Länder und Kommunen. Die Finanzierung erfolgt über Verträge zwischen Leistungserbringern und Leistungsträgern. Die Möglichkeit zur Vereinbarung etwaiger Sonderzahlungen besteht grundsätzlich auf diesen Ebenen.“
  • „Die Beschäftigten in der Eingliederungshilfe leisten ihre wertvolle Arbeit in diesen pandemischen Zeiten unter besonderen Belastungen“, teilt das NRW-Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales mit. „Dies gilt allerdings auch für sehr viele, weitere Beschäftigte in weiten Teilen des Gesundheits- und Sozialwesens.“ Der Bundesgesetzgeber habe sich dafür entschieden, sich mit einer Prämie auf die Alten- und Krankenpflege zu beschränken. Entsprechend der Entscheidungen, an denen sich das Land zu orientieren habe, seien weitere Sonderleistungen nicht geplant. Die Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialwesen benötigten dauerhafte Wertschätzung: faire Rahmenbedingungen wie eine angemessene Bezahlung über flächendeckende Tarifverträge und „beschäftigtengerechte“ Arbeitszeitmodelle. Dafür wolle man sich weiter einsetzen. Mit dem Corona-Steuerhilfegesetz gebe es für alle Arbeitgeber eine Möglichkeit, ihren Arbeitnehmern seit dem 1. März 2020 Corona-Boni in Form von Beihilfen und Unterstützungen bis zu einem Betrag von 1500 Euro steuer- und abgabenfrei zu gewähren. Die Steuerbefreiung sei bis zum Juni 2021 befristet.
Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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