Fotos sind „angerichtet“

Jürgen Königs hat Fotografien in der Art-Galerie „angerichtet“. Foto: gmz

gmz Siegen. Ein einfacher Küchentisch, mit den Utensilien für die nächste Mahlzeit: Coeur-de-Boeuf-Tomaten, Kürbisse, Zucchini, auf einem Teller, der auf einer Tischdecke steht. Eine Szene aus dem Alltag, wie man sie jederzeit in einer Küche antreffen könnte. Ein Stillleben, das die Fülle des „einfachen Lebens“ zelebriert. Unspektakulär festgehalten in einer Schwarz-Weiß-Aufnahme von Prof. Jürgen Königs. „Angerichtet“ heißt die Ausstellung auch passenderweise, die heute um 19 Uhr in der Siegener Art-Galerie eröffnet wird. Aber: So unspektakulär ist das Bild auf den zweiten Blick gar nicht. Leicht verzerrt ist das Bild, der Teller scheint in der Aufnahme sein Form zu verlieren, scheint dem Betrachter an den Bildrand entgegenzukommen. Schaut man sich die anderen Arbeiten an, stellt man fest, dass manches Gemüse, manche Küchenutensilien wie Pfannenwender, Kartoffelstampfer oder Bratpfannen in den Aufnahmen ein Eigenleben entwickeln, dass sie sich so der bekannten „Realität“ entziehen und eine eigene entwerfen. Da sind zum Beispiel die aufgeschnittenen Paprika, die wie merkwürdige Flugtiere aussehen und befremdend wirken. Da ist der aufgeschnittene Kürbis, dessen „Innereien“ beim Betrachter einen Hautgoût-Geschmack evozieren und gleichzeitig unwiderstehlich faszinieren. Da sind die Perspektivverschiebungen, die den Tisch mit Gemüse beinahe nach vorne aus dem Bild treten lassen und gleichzeitig das Arrangement oben „festhalten“, indem die Aufnahme oben von einem schmalen Streifen, der das gleiche Motiv enthält, aber seitenverkehrt, begrenzt wird, so dass dessen enorme Tiefe den unteren Bildteil „zurechtrücken kann“. Diese Effekte erzielt Jürgen Königs mit seiner Lochkamera. Mit dieser Kamera, die er nach seinen Bild-Vorstellungen baut, kann er verschiedene „Verzerrungen“ oder Verschiebungen erzielen. Das geschieht beispielsweise durch die Verwendung eines zylindrischen oder kegelförmigen Negativträgers oder durch die Bearbeitung des Negativs mit Schnitten oder Faltungen, die dann auch im Bild sichtbar werden – und bei dem eingangs beschriebenen Stillleben die Faltung einer gestärkten Tischdecke im Negativ aufgreifen.

Es sind Veränderungen, mit denen Jürgen Königs das Vertraute „unvertraut“ macht, das Bekannte verändert, mit Witz (sagenhaft: der Birnen-Ingrès-Rücken!), manchmal mit einem Hauch Morbidität oder Groteske, manchmal mit Lust am Spiel. Dabei geht es ihm nicht um die bloße Verwirrung, sondern um die viel weitergehende Frage, ob die Fotografie, die ja gemeinhin als ein Abbild der Realität gilt, diesen Anspruch überhaupt erfüllen kann.

Im Laufe seiner langen Fotografenjahre mit der Lochkamera zeigen seine Arbeiten immer deutlicher, dass das fotografische Abbild der Wirklichkeit kein Spiegel des Gesehenen ist, sondern eine Setzung, die vom Fotografen definiert wird. Insofern sollte sich der Betrachter immer der Distanz von Bild, Vorlage und „Wahrheit“ bewusst bleiben. Auf ästhetisch packende Weise!

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