Französische Orgelmusik

Das Programm einer Idee: von Bönig in St. Joseph gespielt

ars Weidenau. Im Rahmen der achten Siegener Orgelwochen gastierte der aus Bamberg gebürtige Prof.Dr. Winfried Bönig, zurzeit Domorganist in Köln, in der Weidenauer St.-Joseph-Kirche an einer universell einsetzbaren Orgel, die aber ihre besonderen Meriten bei der Musik entfaltet, die etwa zwischen 1840 und 1920 geschrieben wurde, einer Musik, die leider noch immer als »spätromantisch« bezeichnet wird. In einer kurzen, gehaltvollen Ansprache führte Bönig aus, dass er ausschließlich Werke der französischen Orgelschule spielen werde, und zwar von Joseph Jongen, Louis Vierne, César Franck und Charles Marie Widor.

Knappe Hinweise zu den einzelnen Stücken erwiesen sich im Nachhinein als hilfreich für das Verständnis, da es sich ausnahmslos um hierzulande selten gespielte Werke handelte, die sich insgesamt als ebenso hörenswert wie von der deutschen Orgeltradition deutlich abweichend erwiesen. Der Organist entfaltete die sinnlich-farbige Welt der Kompositionen zum Staunen, teilweise spektakulär, verblüffte die vielen kundigen Hörer durch ein atemberaubend differenziertes Klangbild, das selbst aus eher mittelmäßigen Vorlagen wie Viernes vier Stücken aus den »Pièces de Fantasie« leuchtende und von innen pulsierende Edelsteine schliff. In traditionellen Formen breitete sich teilweise gleißnerische Sinnlichkeit aus, nicht mehr vom liturgischen Zusammenhang, sondern vom Konzert und vom Geschmack der Konzertbesucher her gedacht.

Widor hat in »Bachs Memento« eine eigene Bach-Bearbeitung im weichlichen, verspielten, melodien- und wiederholungsseligen Geschmack seiner Zeit vorgelegt, Stücke, die besonders ohrenfällig neuen Wein in alte Schläuche gießen. Der Bach-Choral »Wachet auf, ruft uns die Stimme« wird zum biedermeierlichen »Marche des Veilleur de Nuit« (Marsch der Nachtwächter), eine Pastorale von Bach erklingt allzu getragen und wie mit Seufzern durchsetzt, das Finale der Matthäus-Passion wirkt durch allzu dick aufgetragenen Triumph dennoch oder gerade deshalb viel kraftloser als das Original. Bönig nahm diese interessante Retrospektive auf den französischen Geist der Zeit – sentimental, rückwärtsgewandt, ein bisschen schwülstig und gefangen in fragwürdiger Heldenverehrung – jederzeit ernst, stellte den impressionistischen Farbenreichtum in den Mittelpunkt seiner lang umjubelten Interpretation, machte die Musik da stark, wo ihre Stärken liegen.

César Francks kurz vor seinem Tod geschriebener Choral a-Moll gilt als sein geistiges Vermächtnis. Der dreiteilige Choral auf ein eigenes, choralartiges Thema ist einfach, übersichtlich, fast schulmäßig gestaltet. Auch hier zeigte sich bei der beeindruckenden Wiedergabe die an klassischen Formmustern orientierte Komposition in auffallender Kombination mit neuen und ungewöhnlichen Farbkontrasten. Die schweifenden, an Eindrücken und Empfindungen orientierten Harmonien müssten die alten Formen sprengen. Vor allem gilt das für die alles noch einmal zusammenfassenden und abrundenden Schlussteile.

Nach dem für ein Orgelkonzert ungewöhnlich intensiven Applaus gab es als Zugabe eine Toccata des Elsässers Leon Boëllmann, ebenfalls ganz in der französischen Orgeltradition stehend und damit die überzeugende Programmidee noch einmal bestätigend.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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