Froschgrüne Haarpracht oder falscher Irokese
Friseure müssen nach Lockdown Katastrophen bereinigen

Es war durchaus – im übertragenen Sinn – zum Haareraufen, was Tony Daniel, Inhaber des Friseursalons Unicut in Siegen, und Kollegen nach dem Lockdown zu sehen bekamen – und retten sollten: laienhafte Stylingversuche der Kunden, die aus der Not heraus selbst Hand angelegt hatten – bei sich selbst bzw. oft beim Partner.
  • Es war durchaus – im übertragenen Sinn – zum Haareraufen, was Tony Daniel, Inhaber des Friseursalons Unicut in Siegen, und Kollegen nach dem Lockdown zu sehen bekamen – und retten sollten: laienhafte Stylingversuche der Kunden, die aus der Not heraus selbst Hand angelegt hatten – bei sich selbst bzw. oft beim Partner.
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  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

nja Siegen/Olpe. Die Versuchung war groß, nicht jeder konnte ihr widerstehen, und das Resultat war hier und dort zum Haare-Raufen – wenn denn noch genügend Volumen dafür greifbar war. Der Corona-Lockdown für Friseure ließ Colorierungen verblassen, Häupter wucherten zu – und so wurde im heimischen Wohnzimmer zur Schere gegriffen, wurde versucht, dem sich vom Haaransatz ausbreitenden Grau oder dem viel zitierten „Straßenköterblond“ mit frischer Farbe Einhalt zu gebieten. „So einfach scheint unser Handwerk dann doch nicht zu sein“, kommentiert Friseurmeister Tony Daniel augenzwinkernd durchaus bemerkenswerte Selbstversuche einiger Kunden, die nun, seit dem 1. März, bei ihm im Siegener Salon „Unicut“ an der Friedrichstraße um Hilfe bitten: „Ein paar Gruselgeschichten waren schon dabei.“

Haareschneiden? "Das kann doch nicht so schwer sein"

Frauen hätten am Haupte ihrer Männer Hand angelegt, und auch Kumpels untereinander – nach dem Motto: „Das kann doch nicht so schwer sein.“ Kann es offensichtlich doch. „Da waren die Seiten komplett abrasiert und oben auf dem Kopf stand noch ein Sträußchen“, erinnert er sich. Ponys wurden eigenhändig-unfreiwillig verunstaltet, und wenn der Ehefrau aus Angst vor dem eigenen Versagen beim Stylen der besseren Hälfte die Hände zittern, bleibt dies nicht immer  folgenlos. Daniel: „Ich konnte nicht alles sofort retten. Bei manchen Kunden brauche ich zwei Haarschnitte, bis das gewünschte Erscheinungsbild wieder hergestellt ist.“ Einige Kunden hätten allerdings auch durchaus  Talent bewiesen.
Die Wiedersehnsfreude sei sehr groß gewesen, dass die Preise angehoben wurden sei nicht kritisch hinterfragt worden: „Vielmehr haben sich viele Kunden sehr großzügig gezeigt“, freut sich der Siegener Stylist über die insgesamt in der Bevölkerung gewachsene Wertschätzung seiner Branche.

Ein "umgekehrter Irokese" als Higlight für Eckhard Stahl aus Wenden

Das unterstreicht auch Friseurmeister Eckhard Stahl aus Wenden: „Die Trinkgeldkasse war noch nie so voll wie jetzt. Die Leute sind einfach happy, wieder zu uns kommen zu dürfen.“ Sein „Heimwerker-Highlight“: ein „umgekehrter Irokese“. Das „Opfer“: Ein Mann um die 50 suchte Hilfe, dessen Frau die Haarschneidemaschine im Nacken angesetzt, dann aber wohl nicht bemerkt hatte, dass der Aufsatz auf der Strecke geblieben war. Erst als sie oben auf dem Kopf angekommen war, wurde offenbar, dass sie eine komplette Schneise geschnitten hatte: „Da war in der Tat alles weg“, sagt Stahl und gibt zu, dass er sich spontan schlapp gelacht habe ob des Anblicks und der Frage des Do-it-yourself-Opfers: „Ist hier noch was zu retten?“ Stahl: „Ich habe die übrig gebliebene Haarpracht auf 3 Millimeter runtergeschnitten – und fertig.“

Junge Lehrerin mit froschgrünem Haaransatz

„Haarmeisterin“ Sandra Kinkel aus Freudenberg erzählt, immer wieder lachend, von „schiefen und viel zu kurz geschnittenen Mikroponys“, „Topfhaarschnitten“, die Frauen ihren Partnern verpasst haben, weil die Schneidemaschine schon im Nacken zu weit oben angesetzt worden sei: „Kindheitstraumata wurden wieder wach!“
Dauerhaft in Erinnerung bleibt wohl auch das „Outing“ einer Kundin um die 30, von Beruf Lehrerin. Sie hatte eigentlich nur den Ansatz nachfärben wollen, im Lockdown, und betrat den Salon mit einer Mütze auf dem Kopf. Als das für die Verschönerung auserkorene „Aschblond“ nämlich auch auf das noch blondierte Haar traf, brach sich ein „tragischer Farbstich“ Bahn. Das so entstandene „Froschgrün“ habe während des Digital-Unterrichts für gute Laune in der Schülerschaft gesorgt, erfuhr Sandra Kinkel, während sie professionell „Ton angebend“ das Farbdesaster bereinigte.
So munter diese Geschichten auch sind – dass die Corona-Inzidenz zumindest im Kreis Siegen-Wittgenstein am Mittwoch die 100er-Schallmauer durchbrochen hat, treibt den Friseuren natürlich auch die Sorgenfalten in die Stirn. Salons, mit denen die SZ sprach, sind zum Teil bis Ende April ausgebucht und auch montags geöffnet. Ob bald der nächste Lockdown droht – das weiß derzeit niemand auch nur „ansatzweise“ ...

Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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