Führen nur Irrtümer zum »Feindbild Islam«?

Theologische Verwandtschaft zum Christentum / Vortrag von Prof. Dr. Thomas Naumann

ewi Siegen. Angst vor dem Islam: Die schwierige Annäherung an das Thema Islam in der Ringvorlesung Forum Siegen, im vorhergehenden Vortrag zeitnah vorangebracht, wurde am letzten Donnerstag zugunsten einer Untersuchung der Geschichte europäischer Irrtümer über den Islam eher etwas zurückgestellt. Prof. Dr. Thomas Naumann, evangelischer Theologe von der Universität Siegen, sprach über das »Feinbild Islam – Historische und theologische Gründe einer europäischen Angst«. Und auch wenn das Thema theologische Elemente enthielt, blieb doch eine nähere theologische Differenzierung zwischen Christentum und Islam aus. Stattdessen wurden die beiden Weltreligionen auf die gleiche Stufe gestellt, was der Referent in der Diskussion so erläuterte: Er könne nicht ausschließen, dass Gott sich nach der Offenbarung in Jesus Christus auch noch dem Propheten Mohammed geoffenbart habe. Und auch insofern entzog sich Naumann einer weitergehenden Differenzierung, als er Religion und Kultur weitgehend auseinander hielt und deshalb die spezifische Sozialisation der Menschen im Islam offenbar nur sehr bedingt der Religion zuschreiben wollte.

Während erst Mitte Januar in Katar unter Muftis und anderen islamischen Rechtsgelehrten aus 58 Ländern nur Einer offen der Ansicht widersprochen hat, dass die Selbstmordattentäter in Palästina Märtyrer seien, erklärte Naumann, dass im »fanatischen und gewaltbereiten Islamismus ... Missbrauch einer Religion« liege. Aber auch so flöße der Islam in Europa Angst ein. Die Kriege, die im Namen des Christentums geführt wurden, standen aus heutiger Sicht im Widerspruch zu seiner Lehre, beim Islam indes, so der Referent, legen wir andere Maßstäbe an.

In Europa galt der Prophet Mohammed laut Naumann lange als Lügner. Die großen christlichen Kirchen hätten sich aber davon distanziert und viel für die Integration getan. Auf der evangelikalen Seite seien allerdings z. T. die alten Ressentiments noch präsent. Auch seitens der arabisch-muslimischen Welt gebe es Vorurteile gegenüber Europa und Nordamerika, doch lägen diese historisch und sachlich auf einer anderen Ebene. Die christlichen seien theologisch verankert und zielten gegen den Islam als Religionssystem. Sie reichten ins 8. Jahrhundert zurück. In sechs »Streifzügen« in die europäisch-islamische Geschichte hielt der Referent deshalb den Fehlurteilen über den Islam quasi den Spiegel vor.

Die frühe islamische Expansion im 7. Jahrhundert habe Europa schockiert. Der »Völkersturm der Sarazenen aus der Wüste«, der sie bis vor die Tore von Wien führte, weckte eine biblische Erinnerung: Ismael, der erste Sohn Abrahams und seiner Magd Hagar, auf den sich die Muslime zurückführen, war in die Wüste gegangen. Für seine Nachfahren verwenden die Christen ethnische und nicht religiöse Begriffe (2. Streifzug). Immer wieder ist das Bild des Kriegers bestärkt worden, der mit dem Koran und dem Schwert gegen die Ungläubigen zieht. Doch sei dies eher die christliche Expansionspraxis gewesen. Der Islam habe die Menschen vom Joch der Byzantinischen Kirche befreit. Juden und Christen gälten nach dem Koran nicht als Ungläubige, weshalb sie unter den Muslimen besser dagestanden hätten als zuvor (3. Streifzug).

Die theologische Verwandtschaft zwischen Christentum und Islam führt zur Zuspitzung seitens der Christen. Beide Religionen wenden sich anders als das Judentum an alle Menschen. Während Thora und Bibel für die Muslime durch den Koran »überboten« werden, behalten sie doch als Vorläufer Bedeutung. Aus christlicher Sicht liegt darin indes eine Demütigung, weshalb hier der Islam als Häresie gilt und Mohammed lange Zeit »verteufelt« wurde (4. Streifzug). Die mittelalterlichen Kreuzzüge, die von Muslimen als religiöses Anliegen zunächst kaum erkannt wurden, haben die Christen als bedeutende Anstrengung zur Befreiung der christlichen Stätten verstanden. Dabei erfuhren sie den Orient als kulturell weit überlegen, der für rund tausend Jahre Motor der Weltzivilisation gewesen sei (5. Streifzug). In der späteren Epoche der europäischen Expansion sieht sich Europa dann haushoch überlegen. Den Muslimen wird »lasterhafte Sinnlichkeit« nachgesagt (G. W. Hegel). Die Angst verschwindet, Überheblichkeit und Verachtung bleiben (6. Streifzug).

Naumann empfahl abschließend: Alte Vorurteile revidieren, Begegnungen mit Moslems suchen und kulturell vielfältiger werden. Der Islam sei weder schlechter noch besser als das Christentum.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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