SZ

Ehemaliger Obdachloser berichtet
Fünf Jahre auf der Straße

Lutz ist 54 Jahre alt und hat fünf Jahre seines Lebens „unter freiem Himmel gelebt“, wie er sagt. Im Herbst vergangenen Jahres hat er den Schritt gewagt und ist wieder in eine Wohnung gezogen.
  • Lutz ist 54 Jahre alt und hat fünf Jahre seines Lebens „unter freiem Himmel gelebt“, wie er sagt. Im Herbst vergangenen Jahres hat er den Schritt gewagt und ist wieder in eine Wohnung gezogen.
  • Foto: Sarah Panthel
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sp Weidenau. Trotz seiner Körpergröße ist Lutz ein eher unauffälliger Mann, er ist dunkel gekleidet, sein Kopf ist bedeckt mit einer Kappe, sein bärtiges Gesicht zur Hälfte hinter einer Maske versteckt. Nicht aufzufallen, das hat er perfektioniert, als er auf der Straße lebte. Fünf Jahre hat er „Platte gemacht“. Vor der Obdachlosigkeit führte er ein Leben wie ein „Normalo“, wie er die Menschen nennt, die einen festen Wohnsitz und ein geregeltes Einkommen haben. Und dabei fragt er sich, was eigentlich „normal“ ist. Er trinkt einen Schluck Kaffee, den nimmt er gerne im Café Patchwork in Weidenau zu sich. Regelmäßig kommt er hierher, auch für das Gespräch mit der SZ. Er kommt gerade von der Arbeit. Sortiert Elektroteile. Mehr geht körperlich nicht mehr, ein trauriges Eingeständnis.

sp Weidenau. Trotz seiner Körpergröße ist Lutz ein eher unauffälliger Mann, er ist dunkel gekleidet, sein Kopf ist bedeckt mit einer Kappe, sein bärtiges Gesicht zur Hälfte hinter einer Maske versteckt. Nicht aufzufallen, das hat er perfektioniert, als er auf der Straße lebte. Fünf Jahre hat er „Platte gemacht“. Vor der Obdachlosigkeit führte er ein Leben wie ein „Normalo“, wie er die Menschen nennt, die einen festen Wohnsitz und ein geregeltes Einkommen haben. Und dabei fragt er sich, was eigentlich „normal“ ist. Er trinkt einen Schluck Kaffee, den nimmt er gerne im Café Patchwork in Weidenau zu sich. Regelmäßig kommt er hierher, auch für das Gespräch mit der SZ. Er kommt gerade von der Arbeit. Sortiert Elektroteile. Mehr geht körperlich nicht mehr, ein trauriges Eingeständnis.

"Ich habe meine Obdachlosigkeit selbst zu verantworten"

Lutz ist im südlichen Siegerland wohlbehütet aufgewachsen. „Ich hatte ein gutes Elternhaus, habe die Hauptschule abgeschlossen, meine Lehre gemacht, bin arbeiten gegangen.“ Dann kam eine „Null-Bock-Phase“. Er hatte private Probleme, Stress mit seiner Frau. Er wollte nicht, dass das eskaliert, und nahm Reißaus. „Ich habe meine Obdachlosigkeit selbst zu verantworten, und ich habe mir sie selbst ausgesucht“, sagt der heute 54-Jährige. „Ich habe es immer mit Humor genommen, nie anderen die Schuld gegeben“, sagt er über die Zeit, in der er kein festes Dach über dem Kopf hatte.

„Ich habe mich mit Dosensammeln über Wasser gehalten“, erzählt er weiter. An wirklich guten Tagen hat er damit bis zu 20 Euro bekommen. Hilfe von anderen Menschen annehmen wollte er nie, nicht vom Amt, nicht von der Familie. Betteln kam für ihn auch nicht in Frage. „Ich habe nie Sitzung gemacht, nicht in Siegen, es hätte ja sein können, einer kommt vorbei, der mich kennt.“

Erste Regel: "Verrate deine Platte nicht"

Wo er nachts geschlafen hat, das will er bis heute nicht sagen. „Das ist das Erste, was du lernst, wenn du auf der Platte bist, verrate deine Platte nicht.“ Zu groß ist die Angst, dass ein anderer den Platz nutzen und vor allem verraten könnte. „Du darfst eigentlich nicht auffallen. Ich bin spät gekommen, früh gegangen und habe keinen Müll rumliegen lassen.“ Sein Motto: „Wenn man sich benehmen kann und keinem auf die Füße tritt, dann kommt man gut durch.“ Das falle suchtkranken Obdachlosen schwerer, weiß Lutz. Er selbst habe nie ein Alkohol- oder Drogenproblem gehabt.

Während er von den Nächten erzählt, die er draußen verbracht hat, fällt ihm eine Frau vom Nachbartisch ins Wort. „Ich hab’ immer mein Zelt, aber das ist trotzdem kalt. Einmal wäre ich fast erfroren“, erzählt sie ganz beiläufig, als handele es sich um einen belanglosen Smalltalk. In eine Notunterkunft wollte Lutz nie, dort fühlte er sich nicht wohl. „Ich habe immer zugesehen, dass ich mit zwei Augen zu schlafen konnte, nicht nur mit einem Auge.“ Und er erklärt, warum: „Man denkt, man ist schon unten und da klaut keiner – von wegen.“ Auch in kalten Nächten blieb er lieber unter freiem Himmel. Dank Schlafsäcken habe er die immer gut überstanden.

"In Siegen muss keiner verhungern"

Wo aber sich aufhalten, wenn auch die Tage eiskalt sind? Lutz kennt die Orte. Nachmittags habe er die Zeit oft in der City-Galerie totgeschlagen: „Ich habe mich unten in die Etage gesetzt und ein Buch gelesen.“ Er sei bekannt gewesen und geduldet worden. „Die Leute haben Hausrecht und können einen rausschmeißen“, weiß er. „Ich habe das gesehen wie einen Abenteuer-Urlaub“, sagt Lutz mit ruhiger Stimme über die Obdachlosigkeit. Der „Urlaub“ endete im Herbst des vergangenen Jahres. Im Café Patchwork fand er nicht nur einen Ort zum Aufwärmen, eine warme Mahlzeit und die Möglichkeit für Gespräche, sondern auch Hilfe, um aus der Wohnungslosigkeit zu kommen. Er ist sich sicher: „In Siegen muss keiner verhungern oder ohne Kleidung rumlaufen, man muss nur das Maul aufmachen.“ Mehrfach wurde er von Mitarbeitern der Wohnungslosenhilfe der Diakonie angesprochen, ob er nicht wieder in eine Wohnung ziehen will: „Ich kam ins Grübeln, man wird ja nicht jünger und dann ist da noch die Krankheit“ – Lutz leidet an Multipler Sklerose. „Ich musste mir das erst mal überlegen, zwei Nächte darüber schlafen.“

Am Ende entschied er sich dafür, die Hilfe der Diakonie anzunehmen. „Dann ging alles ganz schnell, nach einem Monat war ich in der Hütte.“ Ein einfacher Weg war es nicht. Viele Gänge zu Ämtern folgten. „Ich bin froh, dass mir jemand dabei geholfen hat.“ Wie das Gefühl war, wieder in einer Wohnung zu leben? „Es war viel zu ruhig, ich konnte gar nicht schlafen. Ich musste mich erst mal wieder daran gewöhnen. Drei Monate hat das gedauert.“ Aber: „Wenn mir jetzt was auf die Nerven geht, dann kann ich einfach nach Hause gehen, das muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen.“ Besonders mit Blick auf die Corona-Pandemie sagt der 54-Jährige: „Ich bin froh, dass ich diesen Schritt gegangen bin.“ Das Sammeln von Pfand-Flaschen wäre in dieser Zeit deutlich schwieriger gewesen, weil sich keine Leute mehr treffen, die gemeinsam feiern und trinken. Trotz seiner Erkrankung hätte er den Gang zum Arzt vielleicht gescheut. „Ich war nie beim Arzt, ich war ja nicht krankenversichert, da gibt es zwar auch ’ne Stelle für, aber die hab ich zum Glück nie gebraucht.“

Autor:

Sarah Panthel (Redakteurin) aus Siegen

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