Für die Wisente wird es enger

 Die freilebende Wisent-Herde – hier im Wald zwischen Kühhude und Bad Berleburg – muss künftig mit weniger Lebensraum auskommen. Archivfoto: Dirk Manderbach
  • Die freilebende Wisent-Herde – hier im Wald zwischen Kühhude und Bad Berleburg – muss künftig mit weniger Lebensraum auskommen. Archivfoto: Dirk Manderbach
  • hochgeladen von Archiv-Artikel Siegener Zeitung

vö - Ist das der erhoffte Durchbruch im fest gefahrenen Konflikt um das Wisent-Projekt – oder könnte hier möglicherweise der Anfang vom Ende eingeläutet worden sein? Die gestrige Sitzung der Koordinierungsgruppe lässt viel Raum für Spekulationen – denn der Lebensraum der Wisente wird eingeengt. „Die seit dem Jahr 2013 laufende Freisetzungsphase im Artenschutzprojekt zur Auswilderung von Wisenten im Rothaargebirge soll für die nächsten drei bis fünf Jahre in einem neu abgegrenztem Projektgebiet im Hochsauerlandkreis und im Kreis Siegen-Wittgenstein fortgesetzt werden“, hieß es am Mittwoch in einer gemeinsamen Pressemitteilung aller Beteiligten vielsagend.

Darauf habe sich die Koordinierungsgruppe unter dem Vorsitz von Siegen-Wittgensteins Landrat Andreas Müller verständigt. Eingebracht habe den Vorschlag die Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen, Ursula Heinen-Esser, die an den Beratungen teilnahm – erstmals überhaupt war eine Ministerin beim Zusammentreffen der Steuerungsgruppe. „Es war das Ergebnis verschiedener Vorabstimmungen, das auf umfassende Zustimmung stieß und dessen Umsetzung in den nächsten Wochen durch die beteiligten Behörden und Dienststellen des Landes und der beteiligten Kreise unter Einbeziehung des Trägervereins vorbereitet werden soll.“ Zumindest indirekt wurde bestätigt, was die Siegener Zeitung in der Vorwoche bereits angedeutet hatte.

Auch die Landräte des Hochsauerlandkreises, Dr. Karl Schneider, und des Kreises Olpe, Frank Beckehoff, stimmten dieser Lösung für eine notwendige Übergangsphase ausdrücklich zu. Dies ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund zu sehen, dass die Waldbauern, die gegen den Wisent-Trägerverein klagen, in diesen beiden Kreisen heimisch sind. Das gestrige Treffen sei gekennzeichnet gewesen „durch eine große Kompromissbereitschaft aller Beteiligten, gemeinsam eine Übergangslösung zur Befriedung der aktuellen Situation zu finden“.

Konkret habe die Ministerin angeboten und vorgeschlagen, das Projektgebiet zukünftig im Wesentlichen auf im Eigentum des Landes Nordrhein-Westfalen liegende Staatswaldflächen zu verlagern. Im Kreis Siegen-Wittgenstein sollen zukünftig Flächen in einem Bereich zwischen Rothaarkamm und dem zu Beginn des Projektes eingerichteten Auswilderungsgehege in der Nähe des Forsthauses Homrighausen zwischen Bad Berleburg und Kühhude begrenzt werden. Dabei handelt es sich ausschließlich um Flächen im Eigentum der Wittgenstein-Berleburg’schen Rentkammer, „die diesen Lösungsansatz positiv begleitet“. Das gesamte Projektgebiet würde dann zukünftig eine Fläche von rund 1500 Hektar umfassen. Daneben sollten die Wisente mit geeigneten Maßnahmen dazu gebracht werden, ihr Streifgebiet zukünftig auf das neue Projektgebiet zu beschränken. Dazu gehörten zum Beispiel eine Verstärkung von Lenkungsfütterungen, insbesondere aber auch eine für andere Wildarten durchlässige Einfassung des Gebietes, dessen Freizeit- und Erholungswert nicht verloren gehen solle. „Die Führung der Wander- und Erholungswege, die durch das zukünftige Projektgebiet führen und zu denen unter anderem auch der populäre Rothaarsteig und der Waldskulpturenweg gehören, soll nicht verändert werden. Es soll ganz bewusst erreicht werden, dass das Artenschutzprojekt neben der Wisent-Wildnis am Rothaarsteig für Naturliebhaber auch hier erlebbar bleibt.“

Die Koordinierungsgruppe wolle damit eine Befriedung der schon seit Langem andauernden Konflikte rund um das Projekt erreichen. In der gestrigen Sitzung hätten sowohl der Trägerverein mit seinem Vorsitzenden Bernd Fuhrmann an der Spitze und die betroffenen Waldbauern, für die unter anderem Philipp Freiherr Heeremann als Landesvorsitzender des Waldbauernverbandes teilnahm, der jetzt angedachten Übergangslösung zugestimmt und als guten Ansatz bewertet, um die nächsten Schritte im Artenschutzprojekt in Ruhe und mit aller Ausgewogenheit und Offenheit prüfen und vorbereiten zu können. „Wir werden uns diese Zeit für die Beobachtung nehmen. Am Ende muss die Frage beantwortet werden, ob die Wisente endgültig ausgewildert werden oder ob das Projekt beendet wird“, sagte Landrat Andreas Müller im Gespräch mit der SZ.

Als Grundlage für die langfristigen Planungen und Entscheidungen wolle die Koordinierungsgruppe weiterhin das mit dem Umwelt- und Landwirtschaftsministerium bereits im vergangenen Jahr verabredete unabhängige Gutachten zu den bisherigen Erkenntnissen der Freisetzungsphase erarbeiten lassen, um dann über die Zukunft des Projektes entscheiden zu können.

Es sei wichtig, mit der jetzt angestrebten Übergangslösung die für die Erarbeitung eines ausgewogenen und alle Aspekte berücksichtigenden Gutachtens notwendige Zeit und Ruhe gewinnen zu können, betonten Ministerin Ursula Heinen-Esser und Landrat Andreas Müller laut Pressemitteilung und appellierten an alle Beteiligten, diese neue Phase der Beruhigung auch zu leben und alle Möglichkeiten zu nutzen, die Zukunft des Artenschutzprojektes gemeinsam zum Erfolg zu führen. Wie es nun mit den laufenden Gerichtsverfahren weitergehen wird, vermochte auch der Landrat gestern noch nicht zu sagen: „Dafür ist es noch zu früh. Wichtig ist aber, diesen Kompromiss, der erreicht wurde, jetzt auch mit Leben zu füllen.“

Das Ministerium und der dann zukünftig flächenmäßig stark betroffene Landesbetrieb Wald und Holz , der unter anderem mit seinem stellvertretenden Leiter Heinrich Barkmeyer vertreten war, sicherten nach Darstellung der Beteiligten ebenso wie die betroffenen Kreise zu, alles daran zu setzen, die Übergangslösung noch in 2019 Wirklichkeit werden zu lassen, was eine wichtige Botschaft für die betroffenen Waldbesitzer sei. Von diesen, so machte Freiherr Heeremann deutlich, werde aber auch erwartet, dass bis dahin trotzdem alles Mögliche – zum Beispiel in Form von Ablenkungsfütterungen – dafür getan werde, die Wisentherde im bisherigen Projektgebiet zu halten, um Schäden für die Waldbestände so weit wie möglich zu vermeiden.

Das in der Koordinierungsgruppe ebenfalls vertretene Bundesamt für Naturschutz und auch der Trägerverein betonten die besondere Bedeutung des für den Artenschutz in Europa beispielhaften Projektes, aber auch die artenschutzrechtlichen Aspekte und Konflikte, die in dem anstehenden Gutachten abzuarbeiten wären. Die jetzt anstehende Übergangsphase in einem deutlich verkleinerten, der Größe der Herde aber noch angemessenen Projektgebiet sei nur vertretbar, wenn alle Beteiligten zu gegebener Zeit die Ergebnisse des Gutachtens unvoreingenommen bewerten und dann entscheiden würden.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de komplett überarbeitet.
3 Bilder

Optimiertes Stellenanzeigen-Portal
Mit 57jobs.de einen neuen Job finden

Neues Design und neue Angebote für Unternehmen, aber bewährte Technik: Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de einem Relaunch unterzogen, der sowohl die Suche nach einem neuen Job als auch die Suche nach neuen Fachkräften noch einfacher gestaltet. Auf dem Portal der Siegener Zeitung und des Wochenanzeigers finden sich unter den ständig 10.000 Jobangeboten aus Siegerland, Wittgenstein sowie den Kreisen Olpe und Altenkirchen auch sämtliche Anzeigen aus den...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen