Für Visionsamputierte

Deutschmann gibt mit „Finalissimo” Jahrhundert-Rückblick

sz Siegen. „Wir wollen das Jahrhundert in den Griff bekommen”, kündigt der Alt-Betzdorfer Matthias Deutschmann ganz optimistisch an, natürlich das vergangene Jahrhundert, denn er weiß, dass man als „Kabarettist nur zurückschauen darf” und gelegentlich etwas „aufgewühlten Schlamm” in die Gegenwart mitbringen. Dabei kommt er an Udo Jürgens („immer derselbe, ob mit „17 oder 70 Jahr’”) nicht vorbei, am Wandel des Kriegesgeschehens – von „Stahlgewittern” zu „Kollateralschäden mit Menschenbeilage”, um schließlich bei den „sympathischen Verlierern” unter den Großen des 20. Jahrhunderts zu landen, den Luxemburgs, Trotzkis – oder Lafontaines („obwohl – das letzte Buch war auch nicht so gut”). Ihre Fans, die „Visionsamputierten”, treffen sich im Club der „Anonymen Sozialdemokraten”, haben, „wenn überhaupt, dann nur eine Meinung” ––oder gehen hin und wieder zu Deutschmann, der am Samstagabend im Lÿz (also sozusagen im „Dunstkreis von Betzdorf” und Lassie-Verbot) seinen Rückblick auf die letzten 100 Jahre vorstellte: „Finalissimo” – die zweite.

Doch so final ist das gar nicht, was Deutschmann zu sagen hat, nachdem die technischen Probleme gelöst sind („sonst denken die Leute noch, wir wären in Amerika”). Bestes Indiz dafür ist, dass er „Finalissimo” immer wieder den Umständen anpasst, frei assoziierend, nach allen Seiten offen austeilend. Deutschmann zeigt dabei schon im Programmtitel die ironisch-skeptische Brechung, die seine Bilanz charakterisiert, spielt virtuos mit dem Publikum und der eigenen „Spontaneität”, auch der auf dem Cello. Und denkt mit pointiert formulierter Wehmut an die Zeiten zurück, als „ein Skandal noch ein Skandal” war. Sogar bei Kohl ist davon nichts zu spüren. Der hat zwar ganze Generationen von Führungskräften in der CDU „liquidiert”, aber das ist auch nur „virtueller Stalinismus”. Übrig geblieben ist Merz, ein typischer Sauerländer: zu „früh gesät”. Strauß – der war wenigstens noch sein eigener Waffenhändler, brauchtekeinen Schreiber in Kanada. Das „Weißwurschtring- Mitglied” (manche hielten ihn für ein zahlendes Mitglied der „Illuminati”) war ein sympathischer Krimineller, er hatte Humor. Zum Beispiel mit der Anschaffung der Starfighter. Mit denen hat man damals zählen gelernt, auf der Wiese vor dem Haus. Das dauerte zwar, ging aber immer noch schneller als in der Waldorfschule. Natürlich will Deutschmann mit einer solchen Bemerkung keinen Zwei-Fronten-Krieg anfangen, zwischen der humanistischen Abendgymasiumsfront und den Waldorfianern... Und sticht mit scheinbar bierernster Betroffenheit in die Ecke der politischen Korrektheit, die, so hat man den Eindruck, auch das politische Kabarett zu korrigieren droht.

Die gläserne Reichstagskuppel ist insofern das Sinnbild der neuen Republik: „Demokratie lebt vom Zuschauen”. Hintersinniger kann man es nicht sagen. – Für Deutschmann gibt es im neuen Jahrhundert viel zu tun. Man denke nur an die cellistischen Möglichkeiten der Nationalhymne!gmz

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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