Funkmeister lehrt Jazzer das Tanzen

Hiram Bullock machte aus der »very jazzy« Oase einen Funk-Schuppen / Reihe »SI-Jazz«

aww Siegen. »Very jazzy in here« – Hiram Bullock kann sich den einen oder anderen spitzen Kommentar zur gediegenen Atmosphäre in der Oase nicht verkneifen. Vermutlich ist es der Funkmeister nicht gewöhnt, dass die meisten Musikfans seine in die Beine gehenden Songs lieber sitzend als tanzend genießen wollen. So muss sich das Gitarren-As mächtig ins Zeug legen, bevor – nehmen wir es vorweg – am Ende das Eis restlos weggetaut ist und stimmungsmäßig richtig die Post abgeht. Anfänglich aber tut sich die Menge im leidlich besuchten Lÿz-Schauplatz eher schwer mit enthusiastischen Reaktionen. »Are you ready, are you really ready?« fragt Bullock vier-, fünfmal – und erwartet eigentlich heftigeren »Gegenwind«.

Aus der Ruhe bringen lässt er sich davon nicht, und auch sein äußerst sympathischer Humor geht ihm über der Tour nicht verlustig. »We’re comin’ to get you«, kündigt er an – »Wir kriegen euch!« Und er soll damit recht behalten. Auch mit dem Titel seines neuen Albums »Too Funky 2 Ignore«. Noch Fragen? Im Übrigen macht Mr. Bullock glasklare Ansagen, wo es an diesem Donnerstagabend langgehen soll. Ungewöhnlich für Oase-Gigs: »Wir werden keine Pause machen, wir machen nie eine Pause«, poltert das 51-jährige Energiebündel. Denn: »We rock!« Gut so. Dem Spannungsbogen und der »Dramaturgie« eines Konzerts tut das Ausbleiben einer Pause immer gut.

Dann satte zweieinhalb Stunden lang Monster-Funk-Grooves, punktuelle Rockeinlagen und die eine oder andere gefühlvolle, ausgefuchst arrangierte Soul-Jazz-Ballade. Dabei vereint Hiram Bullock alle nötigen Qualitäten eines singenden, gitarrespielenden Frontmanns in Fülle auf seiner Person. Eine Stimme, die vor Coolness, Soul und Sex-Appeal nur so trieft. – Eine Gitarre, die zwischen glockenklaren funky Rhythmen und sehr eigenwillig gestalteten Soli zu keiner Sekunde langweilig wird. – Ein Showman, der mit viel Humor, Agilität und einer sympathischen Portion Selbstironie die Blicke auf sich bannt. Ohne dabei, und auch das macht ihn noch sympathischer, seine Sidemen zu bloßen Statisten verkommen zu lassen. Jeremy Gaddie (Drums), Frank Gravis (Bass) und der ganz neu verpflichtete Keyboarder Chris Codish bekommen alle ihre Soli, mehrfach und ausgedehnt. Eine vorzügliche Backing-Band und darüber hinaus jeder einzelne ein starker Individualist an seinem Instrument.

»Ich weiß, dass ihr hierher gekommen seid, um Jazz zu hören, aber jetzt ist es erst mal Zeit für Boogie.« Langsam, aber so sicher wie nur irgendwas, verwandelt sich die Oase in einen Tanzschuppen. Zunächst nur vereinzelte Damen, die vormachen, wie es geht. Dann – zum Finale hin – ist es, als werde ein Schalter umgelegt. Bei einem Medley aus Rock-Klassikern wie »Honky Tonk Women«, »Money For Nothing« und »Proud Mary« nimmt Bullock ein Bad in der Menge, stakst über Stühle, dabei immer die Gitarre im Anschlag, und vor der Bühne drängen sich die Tanzwütigen. Mit einer monströsen Version von »Little Wing« feiert Hiram Bullock bei der Zugabe sich, seine Band, sein Publikum und Jimi Hendrix. Wow!

»Wenn wir wiederkommen, spielen wir auch ein bisschen mehr Jazz«, hatte der Meister zuvor angekündigt. Wiederkommen? Auf jeden Fall, Mr. Bullock. Mehr Jazz? Auf gar keinen Fall, Mr. Bullock.

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