G8: Gute Idee – schlechte Umsetzung

Stadträtin Birgitta Radermacher und Dr. Bettina Wolf von der Arbeitsagentur Siegen lauschen den Worten des Regierungsschuldirektors Reinhold Klüter. Foto: juli
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juli Weidenau. Die heutigen Neuntklässler sind in gewisser Weise Versuchsobjekte. Sie sind die ersten, die in NRW nach zwölf Schuljahren ihr Abitur, im Volksmund G8-Abi, ablegen. Die Vorbereitung laufen auf Hochtouren. „(Über-)Leben mit G8...!? Wie bewältigen wir die Schulzeitverkürzung – und was kommt auf uns zu?“ hieß eine öffentliche Podiumsdiskussion am Fürst-Johann-Moritz-Gymnasium in Weidenau in der Reihe „Forum am Fürst“. Fazit: Man ist nicht gegen das „Turbo-Abi“, aber die Umsetzung läuft schlecht.

„Wo stehen wir? Wo sind Baustellen? Wie geht’s weiter?“ Schulleiter Rüdiger Käuser machte deutlich, dass es um einen Zwischenstand geht, bevor zwei Oberstufen-Schülerinnen Ergebnisse einer Umfrage im Fach Sozialwissenschaften in den Klassen sechs bis neun präsentierten. Vor- und Nachteile des früheren Abis und die Ergebnisse der Umfrage fasste Moderatorin Beate Schmies zusammen: Viele Themen werden im Unterricht nur flüchtig behandelt, im Jahr 2013 strömen doppelt so viele Schulabgänger auf den Arbeitsmarkt und an die Universitäten (dann machen die heutigen „Neuner“ und „Zehner“ ihr Abitur), die Schüler haben weniger Freizeit, sparen aber auch ein Jahr Schulzeit. Die meisten Schüler finden, das Abi nach acht Jahren sei zu schaffen, aber eine gute Idee werde schlecht umgesetzt.

Auf dem Podium diskutierten die Siegener Stadträtin Birgitta Radermacher und Dr. Bettina Wolf, die Leiterin der Agentur für Arbeit in Siegen. Beide äußerten die Meinung, dass Deutschland sich in der Bildung internationalen Standards anpassen müsse, also auch einen früheren Berufseinstieg schaffen müsse. Auch bezüglich der Inhalte müsse man den Blick auf Europa richten, damit die Berufsanfänger konkurrenzfähig blieben.

Kritischer sah Prof. Dr. Sabine Hering, Prorektorin für Lehre, Studium, Weiterbildung und Studienreform der Universität Siegen, die Schulzeitverkürzung: „Ich finde es zu jung.“ Wenn die Zeit zu Entwicklungschancen fehle, könne das später der Berufszufriedenheit schaden.

Der Regierungsschuldirektor der Bezirksregierung Arnsberg, Reinhold Klüter, erklärte, mit dem verkürzten Abi werde ein anderer Weg zum selben Ziel beschritten: Die Stofffülle werde ein Stück weit durch exemplarisches Lernen ersetzt. Weniger Themen würden intensiver behandelt, es würden mehr Bezüge zwischen Themen hergestellt.Peter Giesler von der Schulpflegschaft sagte, G8 sei auch bei den Eltern akzeptiert, aber: „Die Lehrpläne stehen nicht. Schulbücher fehlen.“ Schülersprecher David Stein kritisierte die lange Mittagspause und – auf die Frage, wie der Mehr-Unterricht geregelt werde: „Es wird einiges ausgelassen bzw. nur angekratzt. Für die Allgemeinbildung ist das schädlich.“ „Wir müssen eigenverantwortlich den Mangel verwalten“, beschwerte sich ein Lehrer aus dem Publikum.Unter der Umstellung auf G8 leiden nicht nur Abiturienten, Lehrer und Unis: Die Haupt- und Realschulabgänger des Jahres 2013 werden auf dem Ausbildungsmarkt das Nachsehen haben. Bettina Wolf sagte, die jungen Leute müssten sich frühzeitig überlegen, was sie beruflich einmal machen wollten. Für den Ausbildungsmarkt sei die Herausforderung des Doppeljahrgangs noch viel größer als für die Unis.Die Uni Siegen bereitet sich laut Hering mit mehr Professoren auf den Ansturm vor. Hauptproblem seien aber die Räume: „Wir fangen schon kräftig an zu bauen.“ Schlimmstenfalls müssten die Studenten vorübergehend mit provisorischen Pavillons Vorlieb nehmen. Die Erfahrungen anderer Bundesländer hätten gezeigt: „Am Ende wird es gar nicht so dramatisch wie befürchtet.“

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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