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Leere Tische in Restaurants und Bars (mit Kommentar)
Gastronomen profitieren von Corona-Hilfe

Die Zapfhähne im Siegener Wirtshaus Schloss-Stüberl von Inhaber Horst Rzimski bleiben zu – ebenso wie das Restaurant selbst. Der Gastronom hofft auf die Hilfen – und eine schnelle Wiedereröffnung.
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  • Die Zapfhähne im Siegener Wirtshaus Schloss-Stüberl von Inhaber Horst Rzimski bleiben zu – ebenso wie das Restaurant selbst. Der Gastronom hofft auf die Hilfen – und eine schnelle Wiedereröffnung.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

tika Siegen/Bad Berleburg. Die Küche bleibt kalt, die Tische leer. In vielen Restaurants in diesem Monat komplett, andere forcieren einen Abhol- und Lieferdienst. Mit dem „Wellenbrecher-Lockdown“ sind sie gezwungen, erneut zu schließen. Der Bund hat nun Entschädigungen angekündigt, die bedeutend großzügiger ausfallen sollen als noch in der Phase der ersten Corona-Welle.
Unternehmen erhalten pauschal 75 Prozent des Umsatzes aus dem November 2019. Für jene Betriebe, die erst später eröffnet haben, will der Bund indes einen Mittelwert aus den bisher generierten Umsätzen errechnen – oder den Umsatz aus dem Oktober 2020 zugrunde legen.
Mehr Segen als FluchFür das traditionsreiche Gasthaus „Zum weißen Ross“ in Bad Berleburg – dieses besteht seit 1726 – mehr Segen als Fluch.

tika Siegen/Bad Berleburg. Die Küche bleibt kalt, die Tische leer. In vielen Restaurants in diesem Monat komplett, andere forcieren einen Abhol- und Lieferdienst. Mit dem „Wellenbrecher-Lockdown“ sind sie gezwungen, erneut zu schließen. Der Bund hat nun Entschädigungen angekündigt, die bedeutend großzügiger ausfallen sollen als noch in der Phase der ersten Corona-Welle.
Unternehmen erhalten pauschal 75 Prozent des Umsatzes aus dem November 2019. Für jene Betriebe, die erst später eröffnet haben, will der Bund indes einen Mittelwert aus den bisher generierten Umsätzen errechnen – oder den Umsatz aus dem Oktober 2020 zugrunde legen.

Mehr Segen als Fluch

Für das traditionsreiche Gasthaus „Zum weißen Ross“ in Bad Berleburg – dieses besteht seit 1726 – mehr Segen als Fluch. Erst im Mai, nachdem Gastronomen wiedereröffnen durften, haben sie ihren eigentlich für März geplanten Start nachgeholt. Nun mussten sie wieder schließen – und bieten einen Abholservice. „Der Vorschlag, den Mittelwert der Umsätze von diesem Jahr als Grundlage wählen zu dürfen, ist für uns optimal – und er ist gut für Gründer. Wir sind froh, dass wir überhaupt Hilfe vom Staat bekommen. Klar ist aber auch und nicht nur deshalb: Langfristig wird das Leben teurer“, erklärte Manuel Grabiger. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Kathrin Grabiger hat er das historische Gebäude in der Bad Berleburger Innenstadt im vergangenen Jahr erworben, „als Corona noch nicht absehbar war“, erinnerte sich der Betreiber. Nach der Eröffnung im Mai lief vor allem das Biergarten-Geschäft gut – und spülte Geld in die Kasse. Umsätze, die den Inhabern nun zugute kommen. „Durch den Biergarten hatten wir trotz Corona einen guten Sommer. Dass wir gerade eröffnet hatten, war in diesem Fall sicherlich ein Vorteil: Die Menschen waren neugierig und wollten probieren.“ Seit Donnerstag hat das „weiße Ross“ nun auf einen Abholservice umgestellt, um nicht schließen zu müssen.

Persönliche Reserven angezapft

Hinzu kommt, dass das Betreiberpaar Grabiger nur wenige Meter Luftlinie weiter auch das Bistro „Kaffeemühle“ am Marktplatz in Bad Berleburg betreibt und für dieses ebenfalls entsprechende Hilfen erhalten hat. „Wir haben dort eine relativ hohe Pacht, betreiben das Ganze vorwiegend mit 450-Euro-Kräften, die wir alle beurlauben mussten. Nur so konnte es funktionieren.“ Akute Geldnot haben die Grabigers zwar nicht, dennoch haben auch sie ihr Geld „zurückgehalten“. Um zu überleben – privat wie beruflich – haben sie dafür ihre persönlichen finanziellen Reserven angezapft. Konkret waren dies Mittel, die sie als Selbstständige für ihre Altersvorsorge zurückgelegt hatten.

Kein Ende der Pandemie abzusehen

Auf diese Weise können sie jedoch den neuerlichen „Wellenbrecher-Lockdown“ überstehen, zumindest wenn dieser „nicht drei Monate dauert“, erklärte Grabiger vielsagend. Dass er aber mit dem Monatswechsel beendet ist, daran glaubt der Gastronom mitnichten. „Wenn man realistisch ist, wird das nichts. Es ist kein Ende der Pandemie abzusehen. Aber die Einbußen des Jahres fängst du ohnehin nicht mehr auf.“ Seine Hoffnung ruht nun auf Mitte Dezember. In den beiden verbleibenden Wochen des Jahres winken dann ein abgespecktes Weihnachtsgeschäft und Heilige-Tage-Wanderer, wenn diese denn unterwegs sein dürfen. Klar ist: „Es ist ein riesiger Stress, der mit Corona verbunden ist.“

75 Prozent eine große Hilfe

Gewissermaßen Glück im Unglück hat Horst Rzimski. Der Inhaber des Schloss-Stüberl in Siegen hat sein Lokal im Juli 2019 eröffnet. Und setzt nun große Hoffnungen in die durch die Bundesregierung in Aussicht gestellte Entschädigung. Derzeit hat er sein gesamtes Personal beurlaubt, einschließlich der Auszubildenden, die nur noch die Berufsschule besucht. „Viele Buchungen sind in diesem Jahr weggebrochen – Weihnachtsfeiern und Familienfeste. So gesehen wären die 75 Prozent ohne Corona ein Tropfen auf den heißen Stein – die Auswirkungen von Corona einberechnet, sind sie eine große Hilfe“, sagte Rzimski, für den ein To-go-Service allerdings nicht in Frage kommt – damit zieht er die Lehren aus dem Frühjahr, als er einen genau solchen Service angeboten hatte. „Da kam keiner, nur die ganz großen Freunde des Hauses – ansonsten haben wir uns die Beine in den Bauch gestanden. Kaum jemand macht sich die Mühe und läuft den ganzen Berg zu uns hinauf“, erzählte der Inhaber, der für den kommenden Mittwoch einen Gänsekeulen-Verkauf geplant hatte – bislang gibt es dafür keine Anmeldungen, die Aktion fällt aller Voraussicht nach aus.

Corona zehrt an den Nerven

Die Situation ist angespannt, geradezu prekär für alle Gastronomen. Aber: „Ich sehe das diesmal lockerer als beim ersten Mal. Wenn Ende ist, ist Ende. Dann werden wir das abwickeln und ich werde mir einen Job suchen. Nach 27 Jahren in der Selbstständigkeit lassen die Kräfte nach“, verschwieg der 50-Jährige nicht. Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat gezehrt – nicht nur finanziell. „Wir sind täglich zwölf bis 16 Stunden im Betrieb. Man muss einigen Gästen immer wieder erklären, dass sie eine Maske aufsetzen müssen, dass wir diese Regeln nicht erfunden haben.“ Dies sei der deutlich kleinere Anteil aller Gäste, oft aber Gäste aus der Risikogruppe.

"Alles bleibt ungewiss"

Dass er das Schloss-Stüberl direkt im Dezember wiedereröffnen kann, darauf setzt Rzimski noch nicht. „Es gibt ohnehin nur drei Wochen im Dezember, die Woche zwischen den Jahren ist es eine tote Woche für die Gastronomie. Das Weihnachtsgeschäft ist ohnehin weggebrochen“, sagte der Inhaber, der einen Glühwein-, Bockwurst- und Erbsensuppenverkauf auf dem Außengelände plant – wenn es möglich ist. Bis Februar will er dieses Angebot aufrecht erhalten, wenn sein Betrieb bis dahin tatsächlich durchhalten kann. „Es bleibt prekär, es bleibt alles ungewiss.“

Kommentar: Hilfe verschafft Luft Die Bundesregierung hat Nägel mit Köpfen gemacht – und zweifellos unbürokratische und schnelle Hilfen für Unternehmen und Selbstständige bereitgestellt. Viele von ihnen könnten den Betrieb ansonsten nicht mehr aufnehmen. Die 75-Prozent-Regelung ist dabei eine im wahrsten Sinne des Wortes belastbare Größe – sie hilft den Betroffenen unmittelbar weiter. Wie nachhaltig die Mittel sind, dies allerdings zeigen erst die kommenden Monate. Die größten Profiteure der Entschädigung für die Schließungen sind zweifellos die Gastronomen. Sie erhalten die Mittel, während die monatlichen Kosten signifikant schrumpfen. Denn ein großer Posten ist durch die Betriebsschließung gestrichen: die Ware. Zumindest im November dürfte bei den meisten viel Geld „hängen“ bleiben. Dies soll aber keinesfalls bedeuten, dass sich die Gastronomen durch die neuerliche Soforthilfe „gesundstoßen“ können. Im Gegenteil: Es verschafft ihnen dringend benötigte Luft zum atmen – und wohl auch etwas Hoffnung. Mit den Mitteln können sie laufende Kosten decken und möglicherweise das ein oder andere finanzielle Loch der Vormonate stopfen – prekär bleibt ihre Lage dennoch. Ohnehin lohnt es, bei dem Hilfspaket genauer hinzuschauen: Horizontal wie vertikal profitieren die betroffenen Branchen in höchst unterschiedlichem Maße. Einerseits wären da etwa die Gastronomen – oder beispielsweise die Kinobetreiber. Ein Kino muss gewöhnlich einen horrenden Teil des Ticketpreises an den Filmverleiher abführen. Dabei bleibt ein bedeutend kleinerer Teil des Umsatzes als Gewinn übrig – bei der angekündigten Hilfe hingegen stehen Kinos viel besser da als im regulären Betrieb. Doch auch für sie gilt: In den vergangenen Monaten waren sie arg gebeutelt. Nennenswerte Bundesstarts ließen sich an einer Hand abzählen, Besucher blieben allzu oft aus. Die Hilfen sind auch für sie bitter nötig. Andererseits sind da aber etwa die selbstständigen Künstler – ihr Umsatz entspricht nahezu auch dem Gewinn, unter dem Strich fehlt ihnen bei einer Erstattung von 75 Prozent schlichtweg Geld. Klar ist: Insgesamt profitieren alle Betroffenen, sie kassieren Geld, auf das sie hoffen, aber mit dem sie nicht rechnen durften. Insofern dürfte es auch kaum Klagen geben. Allerdings sollte die Bundesregierung – je nach weiterem Verlauf der Pandemie – kurzfristig ein Auge auf die haben, die auch nach Hilfszahlungen vergleichsweise schlechter da stehen als durchschnittlich. Langfristig sollte sie alle Branchen im Blick behalten und dabei ihre eigenen Entscheidungen berücksichtigen – denn langfristig ist die kurzfristige Soforthilfe nur ein Tropfen auf den heißen Stein. t.karl@siegener-zeitung.de
Die Zapfhähne im Siegener Wirtshaus Schloss-Stüberl von Inhaber Horst Rzimski bleiben zu – ebenso wie das Restaurant selbst. Der Gastronom hofft auf die Hilfen – und eine schnelle Wiedereröffnung.
Manuel und Kathrin Grabiger haben den Bad Berleburger Gasthof „Zum weißen Ross“ im Mai eröffnet.
Autor:

Timo Karl (Redakteur) aus Erndtebrück

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