Gebt alles, Damen und Herren!

»S-Klassik«: Philharmonie Südwestfalen und Arabella Steinbacher mit formidabler Leistung

aww Siegen. Leicht gemacht haben es sich die Philharmonie Südwestfalen und ihr Chefdirigent Russell N. Harris mit der Programmauswahl für ihr jüngstes »S-Klassik«-Galakonzert nicht. Was wäre nahe liegender gewesen, als im Mozart-Jahr etwas Gefälliges, Erfolgsicherndes aus dem Köchel-Verzeichnis herauszupicken? Das heimische Orchester wählte indes nicht den Weg des geringsten Widerstandes, sondern ließ sich auf weniger leicht Bekömmliches ein. Dafür gebührt ihm Lob und höchste Anerkennung. Denn Arnold Schönberg ist nun nicht eben ein Paradebeispiel für populäre »Klassik«, und auch Schostakowitsch gehört nicht unbedingt zu jenen, die sich einen Namen damit gemacht haben, ein musikalisches Rundum-sorglos-und-Wohlfühl-Programm feilzubieten, nach dem man/frau sich genüsslich einem Gläschen Sekt widmet und sich gegenseitig bestätigt: »Nein, war das wieder schön.«

Dass Letzterem trotzdem so war und nicht nur beim anschließenden Empfang der Sparkasse Siegen, die das jährliche »S-Klassik«-Konzert nun bereits zum 15. Male initiierte (seit 1998 in Zusammenarbeit mit Theater Siegen Konzert), einhelliges Lob auf die Philharmonie und den voraufgegangenen Konzertabend zu vernehmen war, lag sicherlich zum einen an der Auswahl der Stücke, die so extravagant gar nicht waren, zum anderen aber auch an der ungeheuren Intensität und Lebendigkeit, mit denen die Philharmonie und Solistin Arabella Steinbacher zuvor im voll besetzten Gläsersaal musiziert hatten. Jedem, der nicht dabei sein konnte, sei deshalb mit Nachdruck empfohlen, sich um eine der Restkarten für die Konzertwiederholung heute Abend, 20 Uhr, an gleicher Stelle zu bemühen.

Die »Begleitmusik zu einer Lichtspielszene« op. 34 (1929/30) des Zwölftöners Arnold Schönberg klang so fremdartig nicht, wie zunächst vielleicht zu erwarten war. Das Programm hinter der Musik (»Drohende Gefahr – Angst – Katastrophe«) war hörend durchaus nachzuvollziehen, die Musik trotz krasser Gegensätze von Momenten mit nahezu lyrischen Qualitäten bis hin zu jähen Eruptionen immens stimmungsvoll und trotz manch schroffer Dissonanz zu keiner Zeit nervtötend, weil wie aus einem Guss und aus einem Fluss kommend wirkend und transportiert von einem vorzüglich zusammenarbeitenden Orchester. Ein auch für in dodekaphonischen Sphären weniger erfahrenen Rezipienten recht ohrenfreundliches Stück, wenngleich freilich keinesfalls einfach.

Zu virtuosen Höhenflügen, die niemals dem Selbstzweck dienen, sondern immer dem musikalischen Ganzen, der Idee, dem Inhalt beigeordnet sind, lässt Johannes Brahms seit fast 130 Jahren die Solisten seines Violinkonzertes D-Dur op. 77 ansetzen. Arabella Steinbacher wurde diesem Anspruch gerecht, inszenierte nicht sich selbst und ihr Können, sondern die Musik. Da bedurfte es keiner effektvoll-ausgreifenden Gesten, keines majestätisch-kraftstrotzenden Bogenstrichs nach dem Motto »Achtung, Zuhörer, nun kommt was Schweres«. Schweres spielte die Violinistin mit ebenso großer äußerer Gelassenheit und angenehmer Zurückhaltung wie vermeintlich Leichtes. Und immer wieder faszinierte, wie »leicht« das alles klang, faszinierte die Zartheit des Tons, die perfekte Intonationsreinheit etwa in den ergreifenden harmonisierten Stellen der langen Kadenz im ersten Satz. Füßetrampeln und einzelne Bravo-Rufe am Schluss und sogar spontaner Applaus nach dem ersten Satz gaben dem Gefühl des Publikums Ausdruck, hier gerade etwas ganz Besonderes erlebt zu haben. Die Solistin bedankte sich per Zugabe.

Und dann das Orchester: Dmitri Schostakowitschs 5. Sinfonie in d-Moll op. 47 hatte es sich vorgenommen – und zeigte damit, wie viel es drauf hat. Besonders beeindruckend: der schmerzhaft-schöne, traurig-langsame Satz mit seiner farbigen Harmonik und dem äußerlich sichtbar tief mitempfundenen und »mitgelittenen« Dirigat von Russell N. Harris. Der musikalische Leiter nickte seinem Orchester nach dem Largo/Largamente zufrieden, anerkennend und offenkundig tief berührt zu. Danach hätte eigentlich nichts mehr kommen sollen. Aber es stand noch das Finale aus. Hier, wie auch schon im Kopfsatz, war mitunter die brachiale Kraft Schostakowitsch’scher Klanggewalt erlebbar. »Gebt alles, meine Damen und Herren«, war aus Harris’ Gesten herauszulesen. Sie gaben alles. Bravo!

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