Gericht verurteilt 44-Jährigen für Vergewaltigung
Gefängnis für eine perfide Scharade

sos Siegen. Dass die Handlungen des 44-jährigen Angeklagten perfide und manipulativ seien, darin waren sich Staatsanwältin Katharina Burchert und Verteidiger Michael Aßhauer gestern einig. In ihren Plädoyers vor der 1. großen Strafkammer des Landgerichts Siegen ließen sie keinen Zweifel daran, dass der Mann einem 14-jährigen Mädchen in einem Chatroom von Oktober bis Dezember 2012 drei verschiedene Identitäten vorgespielt und sie so gezwungen hat, sexuelle Handlungen an sich selbst vorzunehmen. Diese sollte sie in Form von Fotos oder Videos dokumentieren (die SZ berichtete). Die Kammer unter Vorsitz von Richterin Sabine Metz-Horst verurteilte den 44-Jährigen zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und drei Monaten sowie einer anschließenden Unterbringung in der Sicherheitsverwahrung.

Staatsanwältin Burchert hatte in ihrem Plädoyer ausgeführt, dass hier ganz klar Vergewaltigungen in fünf Fällen sowie vier Fälle der Beschaffung von Jugendpornografie vorlägen. Der Angeklagte habe die Schwächen der 14-Jährigen schnell erkannt, beispielsweise dass sie in der Schule gemobbt worden sei und sich selbst nicht schön gefunden habe, und sie daraufhin manipuliert. Das Opfer habe sich Gegenstände einführen müssen, die „die anatomischen Grenzen überschritten“ hätten.

Hier liege eine „extrem hohe kriminelle Energie“ vor, so Burchert. Zumal der Mann wegen einer gleichgearteten Tat schon einmal eine Haftstrafe von fünf Jahren und neun Monaten verbüßt hatte. Danach sei er extrem schnell rückfällig geworden: Nach seiner Entlassung im August 2018 habe er bereits einen Monat später Kontakt zu der 14-Jährigen aufgenommen und im Oktober die erste Tat begangen. Selbst Hausbesuche und Handyüberprüfungen im Herbst 2018 hätten den 44-Jährigen nicht davon abgeschreckt, die Taten zu begehen. „Der Angeklagte hat es genossen, die Scharade aufrecht zu erhalten und Macht über die Geschädigte auszuüben.“

Als herauskam, dass ihre drei vermeintlichen Freunde gar nicht existierten, sei für das Mädchen eine Welt zusammengebrochen, so Katharina Burchert. Es leide heute an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Die Staatsanwältin forderte eine Freiheitsstrafe von neun Jahren und die Unterbringung in der Sicherheitsverwahrung.

In der Anklageschrift habe nichts von Vergewaltigung gestanden, so Verteidiger Aßhauer, auch von einer besonderen Schwere sei niemand ausgegangen. Laut Strafgesetzbuch, Paragraf 177, Absatz 6, den auch Burchert bemüht hatte, liege eine besondere Schwere unter anderem dann vor, wenn „der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder vollziehen lässt oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder von ihm vornehmen lässt“. Das lasse Raum für Interpretationen: Werde der Tatbestand erfüllt, obwohl der Täter körperlich nicht anwesend gewesen sei, fragte er in Richtung der Kammer.

„Sie war 14 und damit sicher besonders schützenswert, aber sie war nicht mehr ganz unbedarft“, sagte Michael Aßhauer und las er aus dem Chatverlauf zwischen dem Angeklagten und der 14-Jährigen vor. Nachdem dieser geschrieben hatte, dass einer ihrer Kontakte sie doch nur benutzte, antwortete sie: „Und ich ihn; ab und zu brauche ich es … Das ist die Schlampe in mir.“ Solche Äußerungen solle das Gericht im Gedächtnis behalten, wenn es die psychische Störung der Geschädigten betrachte. Es sei infrage zustellen, ob diese nur auf die Tat seines Mandanten zurückzuführen sei.

Ja, Aßhauer halte das Verhalten für perfide. „Aber war es auch Gewalt?“ Seiner Meinung nach handele es sich hier viel eher um Überredung. „Kann ein ,Nein’ nicht auch zu einem ,Ist okay’ oder einem ,Ja’ gebracht werden?“ Zudem sei das Mädchen durchaus in der Lage gewesen, Forderungen abzulehnen, was aus dem Protokoll ihrer Vernehmung hervorgehe.

Im Gegensatz zu dem Fall, wegen dem der Angeklagte bereits verurteilt wurde, habe es diesmal keinen direkten Kontakt und keinen Geschlechtsverkehr gegeben. „Vielleicht hat er aus der Vortat wenigstens die Erkenntnis gewonnen, dass er das Mädchen nicht treffen darf.“ Aßhauer sah die Voraussetzungen für eine Sicherheitsverwahrung nicht gegeben und bat um ein mildes Urteil.

Nach der Einschätzung des Gerichts sei die 14-Jährige naiv gewesen und habe Wärme gesucht, die ihr der Angeklagte als die fiktiven Personen Bibi, Marius und Sammy vorgegaukelt habe. Nur aufgrund verschiedener Drohungen (z. B. Bibi müsse sich prostituieren, wenn keine Videos mehr folgten, Sammy werde von Japanern erpresst und brauche neue Fotos) sei sie auf die Forderungen des Angeklagten eingegangen. „Da ist nichts von Freiwilligkeit.“

Richterin Metz-Horst folgte der Staatsanwältin in der Beurteilung der Taten als Vergewaltigung, wobei sie die letzten beiden Fälle zusammenfasste, sodass letztendlich vier statt fünf Vergewaltigungen und drei Beschaffungen von Jugendpornografie im Raum standen. Bezüglich der posttraumatischen Belastungsstörung war das Gericht überzeugt, dass diese durch den Angeklagten ausgelöst worden sei.

In der Beurteilung der Straftaten sei man von einer erheblich verminderten Steuerungsfähigkeit ausgegangen. Der 44-Jährige habe zwar zielgerichtet gehandelt, doch sei seine Pädophilie als „schwere andere seelische Abartigkeit“ einzuordnen, aufgrund derer er womöglich unfähig gewesen sei, das Unrecht der Tat einzusehen. „Im Zweifel für den Angeklagten“, so Metz-Horst.

Anders als die Staatsanwaltschaft sei das Gericht vom Grundtatbestand ausgegangen und nicht von einer besonderen Schwere, so Metz-Horst. Deswegen sei der Strafrahmen auch ein anderer, nämlich sechs Monate bis 5 Jahre. Weil jedoch nicht davon ausgegangen werden könne, dass nach dem Strafvollzug keine Gefährdung mehr von dem Angeklagten ausgehe, habe kein Weg an der Sicherheitsverwahrung vorbeigeführt.

Autor:

Sonja Schweisfurth (Redakteurin) aus Siegen

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