SZ

Prozess gegen Pflegevater
Gefesselt, geknebelt, missbraucht

ihm Siegen/Kirchhundem. Ohne sichtbare Emotionen, ganz sachlich las Staatsanwältin Katharina Burchert die Anklage vor. Nur wenige Minuten dauerte der Vortrag – und doch fächerte sich mit jedem Satz ein Kaleidoskop des Grauens auf. Sechs Taten, begangen an einem kleinen Mädchen. Gewalt, Fesseln, Schmerzen. Im Juristendeutsch heißt das „Beischlafhandlungen an einem Kind unter 14 Jahren mit Eindringen in den Körper“. Die Details sind so schrecklich, dass sich ihre Schilderung in der Zeitung verbietet.
Zusammenhang mit anderem ProzessDer Prozess, der gestern vor der 1. großen Strafkammer begann, hatte vor wenigen Tagen bereits eine Vorgeschichte vor der 2. Strafkammer.

ihm Siegen/Kirchhundem. Ohne sichtbare Emotionen, ganz sachlich las Staatsanwältin Katharina Burchert die Anklage vor. Nur wenige Minuten dauerte der Vortrag – und doch fächerte sich mit jedem Satz ein Kaleidoskop des Grauens auf. Sechs Taten, begangen an einem kleinen Mädchen. Gewalt, Fesseln, Schmerzen. Im Juristendeutsch heißt das „Beischlafhandlungen an einem Kind unter 14 Jahren mit Eindringen in den Körper“. Die Details sind so schrecklich, dass sich ihre Schilderung in der Zeitung verbietet.

Zusammenhang mit anderem Prozess

Der Prozess, der gestern vor der 1. großen Strafkammer begann, hatte vor wenigen Tagen bereits eine Vorgeschichte vor der 2. Strafkammer. Hier wurde, wie berichtet, ein 28-Jähriger Mann zu knapp vier Jahren Haft wegen sexuellen Missbrauchs an einem vierjährigen Jungen sowie Herstellung und Besitz von kinderpornografischem Material verurteilt. In diesem und in dem gestern begonnenen Verfahren geht es um die gleiche Familie, die in einem Kirchhundemer Ortsteil lebt – eine Pflegefamilie, die ein leibliches Kind (eben den Vierjährigen) und drei Pflegekinder betreute. Der vergangene Woche Verurteilte war ein Freund der Familie, seit gestern nun steht der Vater selbst vor Gericht. Er soll die ältere der beiden Pflegetöchter schwer sexuell missbraucht haben.

Der 39-jährige Torsten H. wurde gestern von zwei Justizbeamten in den Gerichtssaal Nr. 165 geführt. Er sitzt seit Februar in Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Attendorn – und er bestreitet die Vorwürfe, wie im Vorfeld der Verhandlung zu hören war.

Gestern äußerte er sich nicht zur Sache – das war auch nicht vorgesehen –, sondern lediglich zu seiner Person. Seine Meldeadresse in Kirchhundem existiere nicht mehr, antwortete er mit gepresster Stimme auf entsprechende Fragen von Richterin Elfriede Dreisbach, er sei jetzt in Attendorn. Die Ehe der Pflegeeltern steht vor dem Ende, er sei „noch“ verheiratet, sagte er. Beigeordnet war ihm für den gestrigen Tag Rechtsanwältin Ruth Köster als Pflichtverteidigerin.

Mädchen soll gefesselt und geknebelt worden sein

Was das kleine Mädchen zwischen Juli 2017 und Januar 2020 erleiden musste, ist für die ermittelnden Behörden vor allem zeitlich nur mit Mühe zu rekonstruieren. Die Frage, wann genau die einzelnen Taten stattgefunden haben sollen, ist kaum zu klären, denn das Kind kann keine Datumsangaben machen.

Die Taten, die mehrfach mit Fesselungen und Knebelungen verbunden gewesen sein sollen, habe der Angeklagte dem Mädchen gegenüber damit begründet, dass es „nicht lieb gewesen sei“, sagte Burchert. Etliche Gegenstände, die der Täter den Ermittlungen zufolge bei den Missbrauchstaten benutzte, befinden sich bei der Staatsanwaltschaft.

Elfriede Dreisbach teilte nach dem Verlesen der Anklageschrift mit, dass es keinerlei Vorgespräche zwischen den Verfahrenbeteiligten im Hinblick auf eine mögliche „Verständigung“ gegeben habe. Damit unterscheidet sich das Verfahren von dem anderen oben genannten – hier war es zu einer Verständigung gekommen, da der Angeklagte geständig war und so dem kleinen Jungen eine Vernehmung erspart blieb. Gestern beantragte Rechtsanwalt Thomas Trapp als Vertreter der Nebenklage bereits vorsorglich den Ausschluss der Öffentlichkeit und auch des Angeklagten bei der eventuell erforderlichen Vernehmung des Opfers. Das Kind ist im Grundschulalter.

Dass sich die Strafkammer mit zwei Berufsrichtern und zwei Schöffen offenbar auf eine umfangreiche Beweisaufnahme einrichtet, darauf deuten nicht nur die fünf weiteren Termine hin, die bis zum 22. September angesetzt sind, sondern auch eine Information der Vorsitzenden: Auf Wunsch der Kammer habe die Polizei in Olpe ein Video vom Dachboden des Wohnhauses der Pflegefamilie angefertigt, auch der Zugang zum Dachboden sei gefilmt worden. Einige der angeklagten Taten sollen sich hier oben abgespielt haben.

Zwei Jugendämter, zwei Entscheidungen 

Besonderes Aufsehen hatte der mutmaßlich doppelte Missbrauch in der Kirchhundemer Pflegefamilie aus mehreren Gründen erregt. Zum einen hat das Jugendamt Olpe die beiden Mädchen in der Pflegefamilie belassen, nachdem der Pflegevater von der Polizei verhaftet worden war. Begründung: Es gebe keinerlei Hinweise, dass die Pflegemutter von den Vorgängen wusste oder gar beteiligt war. Man wolle die Mädchen nicht aus ihrer sozialen Umgebung reißen, von dem Verdächtigen gehe ja keine Gefahr mehr aus, da er in Haft sitze.

Das Jugendamt Siegen, das das dritte und jüngste Pflegekind in der Familie betreut, sah das ganz anders und nahm dieses Kind nach dem Polizeieinsatz sofort aus der Familie. Begründung hier: Die Mutter sei mit hoher Wahrscheinlichkeit von der schwierigen Situation überfordert.

Was dem Fall außerdem besondere Brisanz verleiht: Das Pflegeehepaar war jahrelang auch über die Familie hinaus in der Kinder- und Jugendarbeit engagiert. Man betrieb eine mobile Tischlerwerkstatt für Kinder und Jugendliche. Der nun angeklagte Pflegevater arbeitete im Kindergarten, war Übungsleiter im Turnverein. Selbst bei einem Seminar im Siegerland für Pflegefamilien wurde er engagiert, um die Kinder zu betreuen, während die Eltern den Vorträgen lauschten.

Der nächste Verhandlungstermin findet am Freitag, 31. Juli, um 9.30 Uhr statt.

Autor:

Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin) aus Siegen

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