Gegen den Strich

Andreas Grothgar (Tartuffe) und Werner Strenger (Orgon) in einer atmosphärischen Szene. Foto: Arno Declair

ars. Siegen. Für Molière ist es die Aufgabe der Komödie, die Laster der Menschen zu bessern. Ist das ein realistischer Anspruch oder gehört er zum Marketing der Kulturschaffenden? Mit dem Frömmler Tartuffe stellt er den Typus des Heuchlers auf die Bühne, der sich insgeheim persönlich bereichern will. Aufgenommen in das Haus des reichen Orgon, der ihn für seine angebliche Gottesfurcht und Nächstenliebe kritiklos verehrt, stößt er auf das berechtigte Mißtrauen der Ehefrau Orgons, Elmire, des Sohnes Damis, der Tochter Marianne, des Schwagers Cléante, der Zofe Dorine und Valères, der mit der Tochter verlobt ist. Einzig Frau Pernelle, die Mutter des Hausherrn, ist mit den moralischen Ermahnungen Tartuffes einverstanden, die anderen Familienmitglieder wollen ihren frivol-dekadenten Lebenswandel nicht kritisieren lassen und hoffen auf eine Gelegenheit, Tartuffe eines Vergehens überführen zu können.

Zu den Siegener Aufführungen des Klassikers von Molière trat die Truppe des Essener Grillo-Theaters mit Schauspielern, die teilweise schon mit dem „Woyzeck“ überzeugten, an. Rafael Sanchez verstand es, Regie zu führen, die Substanz , vor allem die traditionelle, prägnante Sprache, zu belassen, eingebettet in diese Muttererde des Werkes hier und da Ironie und Zeitgenossenschaft zu pflanzen, auch Ulk und Klamauk, zum Ergötzen des zahlreichen Premiere-Publikums, nicht ganz vor der Tür zu lassen. Nicht allen kann alles gefallen, die exzessive Sexualgymnastik ist als Augenzwinkern mit der Mehrheit des Publikums nur ein lästiges Zeitgeistphänomen, theatralisch uneingebunden und aufgesetzt. Die Musik von Cornelius Borgholte verwendet und verfremdet Barockes, vor allem Vivaldi. Die Musik notiert, kommentiert und nimmt vorweg, hier und da ein wenig vordergründig.

Das Bühnenbild von Thomas Dreißigacker benutzt Stoffbahnen, die nach dem Original-Bühnenbild gefertigt sind, nur einen großen Salon zeigen, der durch Luft in Bewegung gebracht werden kann, gegen Ende gar zusammengefaltet wird: die Situation ist unsicher, prekär, die Autorität des Hausvaters ungerecht und lächerlich, die Gegenintrigen der Familie verständlich, aber unschön.

Tartuffe, von Andreas Grothgar gespielt, ist nicht nur vom Outfit her ein tragikomischer Dr. Evil. Die Figuren sprechen französische Klassik, leben aber von den Gesten, Grimassen und Haltungen im Medienzeitalter, gewinnen dadurch Akzeptanz, verlieren aber an Stil und Tiefenschärfe. Die Vordergründigkeit hat aber Charme und entbehrt keinesfalls der Finesse. Die Schauspieler sind teilweise Figuren in einem Puppentheater, reden menschlich bei mechanischen Endlosbewegungen.

Wer steuert wen? Oder: Wer ist Koch und wer ist Kellner? Auf der Bühne wie im richtigen Leben geht erst einmal alles schief. Wer kann noch helfen, wenn Haus und Besitz verloren sind, die Nachbarn sich über die Chaosfamilie das Maul zerreißen? Damals, bei der Uraufführung, half der König doppelt, gab der Familie das Eigentum zurück, legte den Betrüger in Ketten und half im realen Leben Molière mit seiner Gunst im Kampf gegen die aufgebrachte Kirche. Wer hilft im Zeitalter von Trash und Popkultur? Rafael Sanchez läßt Jean-Luc Picard mit seinen Jungs von der Enterprise eingreifen, Tartuffe wird hochgebeamt und in ferne Welten verbracht. Ein großartiges Stück, von erstklassigen Schauspielern vital und präsent in Szene gesetzt, endet so?Rafael Sanchez hat das Ende des Werkes gegen den Strich gebürstet. Hinterher fielen Worte wie genial. Nein, genial war es nicht, aber es unterbrach das konventionelle Verstehen. Aufklärung leidet darunter, sich selbst, als Aufgeklärten, auszunehmen, auszuklammern. Am Ende schaute ein Kind fern: Guck mal, die heiraten. Ja, Marianne heiratet endlich Valère, die Familie ist endlich in Eintracht vereint, aber es war nur eine Sendung, das Kind schaute den Schauspielern und uns Zuschauern zu und wird nun ins Bett geschickt. Jetzt sitzt der Vater auf dem Sofa und schaut uns zu: Tartuffe! Nicht nur wir schauen dem Laster zu und ergötzen uns, das Laster schaut auch uns zu und ergötzt sich. Gibt es noch einen Ausweg aus dem dominanten Ineinander von Laster und Schaulust oder sieht sich hier der Affe endlich im Spiegel? Morgen, 20 Uhr, geht eine weitere „Tartuffe“-Aufführung über die Apollo-Bühne.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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