Geheimprojekt Wanderfalke

Schnellster Vogel der Welt brütet im Stadtgebiet/Probleme mit Taubenzüchtern befürchtet

dima Siegen. Größer als eine Taube, spitze Flügel, schwarzer Backenstreif und ein kräftiger Hakenschnabel: Kein Zweifel, bei dem Greifvogel, der auf dem Pflock einer Siegerländer Pflegestation für Greifvögel sitzt, handelt es sich um einen jungen Wanderfalken. Das Besondere: Dieser Wildvogel schlüpfte im Stadtgebiet von Siegen aus dem Ei. Für die regionale Vogelwelt kann die Wanderfalkenbrut ohne Übertreibung als Sensation bezeichnet werden. Schließlich ließen sich die seltenen Vögel bisher höchstens auf dem Durchzug im Kreisgebiet blicken. 2004, drei Jahre nachdem Vogelschützer von der NRW-weit agierenden Nabu-Arbeitsgemeinschaft Wanderfalkenschutz einen Nistkasten anbrachten, schlüpften die ersten Siegerländer Jungvögel. 2005 folgte die nächste Brut, und auch in diesem Frühjahr notierten die Vogelschützer Falkennachwuchs.

Im Gegensatz zu seinen Geschwistern, die sich längst in den Luftraum verabschiedet haben, fiel das Falkenweibchen vor ihrem ersten Flug im Mai aus dem Nest in die Tiefe und brach sich das Brustbein. Wie in der Pflegestation zu erfahren war, wird das Tier ein Pflegefall bleiben. Obwohl es wieder fit sei, werde es nie mehr richtig fliegen können. Trotzdem ist man bei der AG Wanderfalkenschutz stolz auf den Erfolg des Projektes. Mitte der 70er Jahre stand die Art deutschlandweit kurz vor dem Aussterben. Nur 40 Paare konnten gezählt werden. Kein einziges Paar brütete in NRW. Biozide wie DDT machtem dem Vogel zu schaffen, unbefruchtete Eier, tote Embryonen und dünne Eierschalen waren die Folge der pestizidbelasteten Nahrung der Vögel. Naturschützer bemühen sich seit damals um den Erhalt der Vogelart. Bei einigen der Auswilderungsprojekte arbeiteten sogar Falkner und Naturschützer Hand in Hand. Mit dem Know-how der Falkner wurden Falken gezüchtet und in die Freiheit entlassen. Die allermeisten Vögel, die sich mittlerweile in NRW angesiedelt haben, stammen jedoch aus Naturbeständen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, erklärte Dr. Peter Wegner, Sprecher der AG Wanderfalkenschutz aus Leverkusen auf Nachfrage der SZ. Der Erfolg gibt den Naturschützern Recht: 2005 zählte der Nabu in Deutschland wieder 900 Falkenpaare. In NRW schlüpfte Nachwuchs aus 59 Nestern.

Größten Wert legten die Siegener Naturschützer bisher auf die Geheimhaltung der Erfolgsgeschichte. Zu groß war ihre Angst, dass Falkenliebhaber die Vögel einfangen könnten, um sie in die eigene Voliere zu setzen. Auch Taubenzüchter, so fürchteten die Vogelschützer, könnten den Erfolg des Wanderfalkenprojekts gefährden. Schließlich stehen Stadt- und Brieftauben auf der Speisekarte des gefiederten Jägers mit an vorderer Stelle. Vor allem die weiblichen Falken, die ihre Partner an Körpergröße deutlich übertreffen, jagen taubengroße Vögel, wohingegen die Männchen kleinere Vogelarten bevorzugen. Atemberaubend ist die Flugtechnik der Wanderfalken: Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 320 Stundenkilometern stürzt sich der schnellste Vogel der Welt im freien Luftraum auf seine Beute. Sein Beuteschema macht den Vogel deshalb zum Reizthema in Taubenzüchterkreisen. Naturschützer rechnen bei Bekanntwerden des Neststandortes mit dem Schlimmsten. Eine Sorge, die nicht unberechtigt ist, wie Dr. Peter Wegner erklärte. Immer noch stehe der Falke auf der Abschussliste einiger Taubenzüchter. Und zwar wortwörtlich. Wegner berichtete von Tauben, denen Angelhaken oder Giftkugeln ins Brust- oder Rückengefieder gebunden wurden. Eine tödliche Falle für die Falken. Diese aktuell aus NRW bekannt gewordenen Fälle seien belegbar, so Wegner. Auch schwarze Schafe unter den Falknern würden die Falken zur Beizjagd oder »Blutauffrischung« der eigenen Zucht einfangen.

Dennoch sollte die Erfolgsgeschichte der Siegener Wanderfalken nicht länger geheim bleiben, betonte der Leverkusener: »Wir müssen in die Offensive.« Schließlich gebe es im Naturschutz nur wenige vergleichbar spektakuläre Fälle der Ausbreitung einer ehemals vom Aussterben bedrohten Tierart. Auch Alfred Raab, Mitglied im Nabu Siegen-Wittgenstein und in der AG Wanderfalkenschutz, ist mittlerweile der Ansicht, eine Information der Öffentlichkeit könne den Schutz der Siegener Vögel fördern. Schließlich drohten empfindliche Strafen für jeden, der den nach EU-Richtlinie streng geschützten Tieren zu Leibe rückt. Und wenn sich bei Hobbyornithologen herumsprechen würde, dass Wanderfalken im Stadtgebiet unterwegs sind, müssten Falkendiebe damit rechnen, auf frischer Tat ertappt zu werden.

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