SZ

Hochbetrieb sieht anders aus
Gemischte Gefühle bei Gastronomen

Die Türen stehen offen: Viel Lust auf Genuss hat das Team von „Restaurant Bar“ um Koch und Geschäftsführer Markus Boßlet – Corona hat den Geschmack auf „Auswärts“ allerdings bei vielen Gästen verdorben.
2Bilder
  • Die Türen stehen offen: Viel Lust auf Genuss hat das Team von „Restaurant Bar“ um Koch und Geschäftsführer Markus Boßlet – Corona hat den Geschmack auf „Auswärts“ allerdings bei vielen Gästen verdorben.
  • Foto: sabe
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

sabe Siegen. Rückschau: Vergangene Woche, Donnerstagabend, der Feiertag neigt sich langsam dem Ende. Gemütlich war’s, entspannt und dazu ziemlich gutes Wetter. Auslaufen soll der gelungene Müßiggang jetzt auswärts: Es melden sich Hunger und am Telefon munter die Gastronomen der ausgeschauten Restaurants. „Nein, leider nichts mehr frei, alles ausgebucht“, sagt die Stimme am anderen Ende freundlich, aber sehr bestimmt – das Gegenüber will weitermachen.
Gemischte GefühleDie geschäftige Stimmung überträgt sich durch den Hörer. Einmal, zweimal und noch ein drittes Mal: eifrige Absagen. Schlecht fürs Dolcefarniente, gut für die heimische Gastro, oder?

sabe Siegen. Rückschau: Vergangene Woche, Donnerstagabend, der Feiertag neigt sich langsam dem Ende. Gemütlich war’s, entspannt und dazu ziemlich gutes Wetter. Auslaufen soll der gelungene Müßiggang jetzt auswärts: Es melden sich Hunger und am Telefon munter die Gastronomen der ausgeschauten Restaurants. „Nein, leider nichts mehr frei, alles ausgebucht“, sagt die Stimme am anderen Ende freundlich, aber sehr bestimmt – das Gegenüber will weitermachen.

Gemischte Gefühle

Die geschäftige Stimmung überträgt sich durch den Hörer. Einmal, zweimal und noch ein drittes Mal: eifrige Absagen. Schlecht fürs Dolcefarniente, gut für die heimische Gastro, oder? Es bleibt das große Fragezeichen: Schlägt hier vielleicht nur die feiertagsbedingte Ausnahme an einem Sonnentag zu Buche oder bringen die angelaufenen Corona-Lockerungen (endlich wieder) Zuschlag auf die Teller und in die gebeutelten Taschen der Gastronomen? Ein Blick in Siegens Gastro-Szene weckt gemischte Gefühle.

Wohlfühlen unter freiem Himmel

Jonas Bellebaum ist mit Desinfektionsmittel und Lappen unterwegs – Tische wienern. Den Weg von der gemütlich-stylischen Frittenbude „Frittenglück“ an der Kölner Straße bis zur Außenterrasse muss er dieser Tage öfter gehen. Die Schritte tut er gern. „Die Leute fühlen sich unter freiem Himmel wohler.“ Er und Geschäftspartner Hauke Hebel sind froh, dass sie die Möglichkeiten für Außen-Gastro haben. „Viele sind noch immer vorsichtig, wenn es ums Reinkommen und um geschlossene Räume geht, aber wir auch“, sagt Jonas Bellebaum. „Immer nur ein bis zwei Leute zum Bestellen.“ Trotzdem: Es gehe, zumindest gemessen an rausgegebenen Portionen Pommes, „ganz langsam Richtung Normalzustand“. Das liege aber, so schätzt es Bellebaum ein, auch daran, dass man sich mit dem Konzept – alles rund um handgemachte Fritten – , auf ein „relativ krisensicheres Produkt“ stützen könne. Die beliebten frittierten Kartoffelstäbchen gehen auf die Hand, gehen to go, zum Mitnehmen.

Außengastro ist gefragt

In dieser Pandemiezeit zieht es die Menschen raus. Die Restaurantwahl erweitert sich um die Möglichkeit der Luftzirkulation. Niemand aus der Schlange will also in den beschaulichen vier Wänden Platz nehmen. Alle entscheiden sich mit ihrer Box Fritten und Glück in der Hand fürs Draußenbleiben. „Uns tun die fehlenden Sitzmöglichkeiten draußen deutlich mehr weh als die drinnen“, sagt Jonas Bellebaum mit Blick auf die reduzierte Bestuhlung im Innen- und Außenbereich. „Take-away“ oder „für draußen“, das laufe wirklich gut. „Man war ja auch lange eingesperrt“, mutmaßt Bellebaum mit Blick auf die Fritten-Fluktuation. Natürlich, so wissen es die zwei eng befreundeten Solo-Macher, spiele da auch die Gutwetterfront der vergangenen Wochen mit hinein. Ein Platz in der Sonne, mit Abstand und „Fritten Toscana“ – das ist unkompliziert, auch während Corona.

Gäste werden gerne umsorgt

Szenenwechsel. Mit sonnengeküssten Straßen kann die zweite Juniwoche nicht gerade glänzen, nur ab und an kämpft sich hellgelb durch grau. Ziehen Wolken auf, fallen Gäste aus. Bei schlechtem Wetter bleiben die Außenterrassen genau so leer, wie die Restaurants. Beim neugierigen Blick durch Spiegel und Fronten ist „volles Haus“ die Ausnahme. Kopfnicken bei Markus Boßlet. Der Geschäftsführer von „Restaurant Bar“ an der Löhrstraße hat in den vergangenen Wochen mit den Kunden, die gekommen sind, viele Gespräche geführt. Über Essen gehen mit Maske, über Unsicherheiten und Bedenken. Das seien eben Themen, die derzeit bewegen. „Die Gäste, die kommen, freuen sich total. Auf ein Glas guten Wein, auf ein Essen, das man sich nicht eben schnell zu Hause kochen kann, aufs Umsorgtwerden.“ Trotzdem. An Normalbetrieb ist nicht zu denken. „Keine Feiern, keine Veranstaltungen.“

Teilweise lohnt sich die Öffnung nicht

55 Sitzplätze kann das Restaurant mit dem charmanten Ambiente und dem aparten Massivholzmobiliar eigentlich verkraften, jetzt sind es im Innenbereich gerade einmal 25. „Wir haben alles stark zusammengeschrumpft.“ Auch damit die Gemütlichkeit bleibt, habe er die Tische nicht abgesperrt, sondern gleich herausgenommen. Aber: Auch die füllen sich nur schleppend. „Kein Vergleich zu vorher.“
Laut einer deutschlandweiten Dehoga- Umfrage können 8000 befragte Betriebe trotz der Öffnung nicht wirtschaftlich arbeiten. Manche schließen wieder, weil sich das Geschäft mit so wenigen Gästen nicht lohnt. 78 Prozent der Betriebe verzeichnen nach dem Neustart einen Umsatzausfall von mehr als 50 Prozent; und von diesen machen 46 Prozent weniger als 25 Prozent des normalen Umsatzes.

Rückkehr zur Normalität

„Die Leute haben keine Lust, mit Maske irgendwo hinzugehen“, sagt Boßlet und erinnert sich an einen Gast, dem der Gang zur Toilette mit Mundschutz eine Beschwerde wert war.
Dabei blickt Boßlet auf ein Team, das gerade jetzt voll Passion in der Küche und vor den Gästen steht. „Wir haben Spaß am Arbeiten, man merkt das ganz stark. Für viele ist das ja auch ein Stück Rückkehr zur Normalität. Alle sind bereit, Mehrarbeit zu leisten.“ Und trotzdem: Das macht die coronabedingt fehlenden Gäste nicht wett. Jetzt heiße es abwarten, ob kostenneutral gearbeitet werden könne. Den Laden erneut zu schließen, wäre dabei für Boßlet die letzte und schmerzlichste Option. „Wir möchten ja zeigen, wie sehr wir wollen. Das hier ist schließlich mein Leben, ich bin Koch durch und durch.“ Was könnte also retten? „Was helfen würde, wäre Essen gehen“, sagt Boßlet.

Nebenbei ein Pizzabäcker

Auf Hungrige und Gourmets hofft auch Bruno Puddu von „Gusto Puro“. Er empfängt in der „Officina“ (Werkstatt), versteckt gelegen in der Siegener Oberstadt. Mit dem Zugang per Hinterhof ergießt sich dem Auge des Betrachters ungeahnt eine rustikal-charmante Trattoria. „Endlich wieder ein bisschen Italien in der Oberstadt“, sagt er lächelnd. Anders als viele andere Restaurants hat sich Puddu dazu entschieden, erst ein bisschen später wieder zu öffnen (seit Mittwoch wird der Teig geknetet), auch, weil ein bisschen Spielraum da ist. Er mache das „schon immer nebenbei“, angefangen habe es mit einem Pizzaofen, mal für Freunde kochen, Themenabenden, Kochshows. „Wie so ein DJ“, lacht er. „Ich wurde immer gebucht, wenn was los war.“

Lieferservice läuft gut an

Vor Corona hatte sich das Siegener Dolce Vita mit „richtiger Italienerpizza“ allerdings so prächtig entwickelt, dass sich der Weg jetzt zum eigens angestellten „Pizzaiolo“ (Pizzabäcker) und zum „stabilen Team“ entwickelt hat. Und jetzt? „Natürlich ist der Respekt noch da, bei uns und bei den Gästen“, mutmaßt er mit Blick auf die angefragten Reservierungen, man müsse schauen, wie sich jetzt alles entwickle. Froh sei er, dass es die Pizza von „Gusto Puro“ jetzt auch für Zuhause gebe. Der Lieferservice ist ein kreatives Produkt, genährt durch die Corona-Flaute, und: Er soll bleiben – „das wird sehr gut angenommen“.

Keine Illusionen

Für den jetzt wieder anlaufenden innerräumlichen Restaurantbetrieb wagt Puddu aber eine etwas gesetztere Prognose. „Ich habe da keine Illusionen, wir werden jetzt nicht mit wehenden Fahnen die Tische bedecken“, da reiche ein Blick in die leeren Gastronomien und Restaurants. Aber: Auch vorher sei das Konzept nicht auf riesigen Durchlauf angelegt gewesen. Von Knapp 25 Plätzen – das Konzept will es heimelig und familiär – wurde coronabedingt auf 15 minimiert. Trotzdem: Puddu blickt nach der verlustreichen Zeit hoffend in die Zukunft. Die Räumlichkeiten sollen erweitert werden, „hin zur Kölner Straße“, er freut sich auf den ersten Themenabend seit Langem. „Wenn wir den Sommer überstehen und keine zweite Welle kommt, dann wird es sich peu à peu normalisieren. Die Frage ist nur, wie schnell.“

Die Türen stehen offen: Viel Lust auf Genuss hat das Team von „Restaurant Bar“ um Koch und Geschäftsführer Markus Boßlet – Corona hat den Geschmack auf „Auswärts“ allerdings bei vielen Gästen verdorben.
Nicht müde des Desinfizierens wird Jonas Bellebaum vom Siegener „Frittenglück“. Die Gäste zieht es an die frische Luft.
Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

6 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen