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Höhenretter der Feuerwehr Siegen
Gemütlich abhängen ist nicht drin

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js Eisern. Das Angebot steht. Sobald die ersten Durchgänge erfolgreich verlaufen sind, dürfte auch ich mich in die Trage legen und festgezurrten Gurtes und voller Vertrauen in den Begleiter hinabsinken lassen auf den sicheren Boden.
Etwa 90 Meter hoch über den Baumwipfeln der Eisernhardt stehen die Jungs von der Feuerwehr Siegen an diesem Dienstagvormittag, oder besser gesagt: über dem kläglichen Rest, der vom Wald noch übrig ist in diesen Käferzeiten. Ein eisiger Wind weht in dieser exponierten Lage, immer wieder trägt er Regenschauer mit sich. Kräftige Böen fegen um den Funkturm und zerren an den Seilen, die mit gekonnten Handgriffen vom Dach der Plattform bis ganz nach unten an einem Mehrzweckfahrzeug des Löschzugs Weidenau gespannt worden sind.

js Eisern. Das Angebot steht. Sobald die ersten Durchgänge erfolgreich verlaufen sind, dürfte auch ich mich in die Trage legen und festgezurrten Gurtes und voller Vertrauen in den Begleiter hinabsinken lassen auf den sicheren Boden.
Etwa 90 Meter hoch über den Baumwipfeln der Eisernhardt stehen die Jungs von der Feuerwehr Siegen an diesem Dienstagvormittag, oder besser gesagt: über dem kläglichen Rest, der vom Wald noch übrig ist in diesen Käferzeiten. Ein eisiger Wind weht in dieser exponierten Lage, immer wieder trägt er Regenschauer mit sich. Kräftige Böen fegen um den Funkturm und zerren an den Seilen, die mit gekonnten Handgriffen vom Dach der Plattform bis ganz nach unten an einem Mehrzweckfahrzeug des Löschzugs Weidenau gespannt worden sind. Es ist nicht leicht, hier oben einen festen Stand zu bewahren. Gut, dass hier niemand ungesichert ins Freie treten darf. Noch besser ist, dass dies kein Ernstfall ist. Bei dieser Höhenrettung, so spektakulär sie auch ist, handelt es sich um eine Übung.
Die Voraussetzungen, die mit den Regenwolken über das Siegerland ziehen, sind nicht die einfachsten. „Wir trainieren eben unter realen Bedingungen“, schmunzelt Hauptbrandmeister Klaus Schulz. Der Leiter der Fachgruppe „Spezielle Rettung aus Höhen und Tiefen“ macht sich nichts vor. Ein Notfall macht sich nichts aus dem Wetterbericht. Wenn die Rettungskräfte benötigt werden, müssen sie ran. Auch wenn kalte Finger und feuchte Seile die Sache nicht leichter machen.

 Training unter realen Bedingungen

Zehn Männer gehören zu der Spezialeinheit der Schwindelfreien, die meisten von ihnen arbeiten bei der Siegener Berufsfeuerwehr. Vor etwa einem Jahrzehnt begann die Gruppe sich zu spezialisieren. Anfangs noch mit Fokus auf die Tiefe – Stichwort: Grubenbaustellen –, später ging es zunehmend hoch hinaus. Von Anfang an mit dabei: Klaus Schulz und Dirk Werthenbach. Im Mai 2018 folgte eine Umstrukturierung, seither sind vor allem Profis mit von der Partie. Die Höhenretter müssen nicht nur zu Beginn einen anspruchsvollen Grundlehrgang zum Einstieg absolvieren. Sie müssen auch stets und ständig fit gemacht werden, für den Ernstfall gerüstet und rund um die Uhr bereit zu sein. Der erhöhte Fortbildungsbedarf kostet Kraft und Zeit. Ohne ehrenamtliches Engagement geht’s nicht.
72 Stunden praktische Übungsstunden pro Jahr, so schreibt es der Gesetzgeber vor, müssen die Höhen- und Tiefenretter absolvieren. Um das möglichst reibungslos organisieren zu können, setzen sie auf eine kompakte Fortbildungseinheit, die sich in dieser Woche über vier Tage erstreckt und für die ein paar außergewöhnliche Objekte auserkoren wurden. Los ging es am Montag mit einer Übung an der Siegerlandhalle, nach der aufwendigen Abseilaktion vom Funkturm geht es am Mittwoch in die Tiefe – der Wasserentnahmeturm der Breitenbachtalsperre in Allenbach bietet seine ganz eigenen Anforderungen an die Rettungskräfte. Am Donnerstag fahren die zehn abenteuerlustigen Feuerwehrmänner zur Abschlussübung an einem Windrad bei Bad Laasphe.
In den vergangenen Jahren haben sich die Siegener Höhenretter mit ihren Kameraden der Berufsfeuerwehr Düsseldorf zusammengetan für ihre Trainingswochen. Das hat sich bewährt. Die Corona-Pandemie hat die Kooperationspläne für diese Saison jedoch durchkreuzt, wie so vieles. Die Siegener Gruppe zeigt in diesem Jahr also allein, was in ihr steckt. Und das kann sich durchaus sehen lassen: Bis die eigentliche „Rettung“ beginnen kann, müssen Team und Equipment vorbereitet sein. Die persönliche Schutzausrüstung muss bei jedem Einzelnen sitzen, gleiches gilt für die Trageseile und die beiden Führungsseile – sie sorgen dafür, dass Retter und „Geretteter“ beim Abseilen in die Tiefe nicht ins Trudeln geraten.

Teamwork und Vertrauen

Teamwork und immenses Vertrauen sind gefragt, wenn die Talfahrt beginnt. Ein Teil der Gruppe kommt auf dem Dach der Plattform zu Einsatz, wo die Seile fixiert sind und die wertvolle Last rein mechanisch und zu Boden gelassen wird. Eine Ebene tiefer hängen sich die Retter in die Seile – mit und ohne Trage wird dies „durchgespielt“, neunmal an diesem langen Tag. Einer nach dem anderen kommt an die Reihe, die Kameraden wechseln die Positionen durch, besprechen ihre Erfahrungen, geben sich Tipps.
Ein mulmiges Gefühl, so berichten die bestens aufgelegten Feuerwehrmänner, sei anfangs noch da. Schnell aber gewöhne man sich an die Höhe. Die Konzentration hilft, das Zusammenspiel funktioniert. Und ja, es mache durchaus Spaß!
Das Angebot steht noch immer. In einer der nächsten Runden wird die Schleifkorbtrage wieder frei. Ich könnte die Gelegenheit nutzen und den direkten Weg nach unten wählen. Seile, Knoten und Karabinerhaken sitzen perfekt – davon haben sich Klaus Schulz und seine Mitretter mehrfach überzeugt. Sicherheit steht über allem, nichts wird hier dem Zufall überlassen. Wenn der Wind doch nicht so bitterkalt über die Eisernhardt wehen würde, wenn die Böen doch die Trage nicht so unbarmherzig durchschütteln würden: Dann könnte ich mich vielleicht noch überwinden – das ist die feige Ausrede, mit der ich mich heute aus der Affäre ziehe. Meinen Heldenmut hebe ich mir für ein anderes Mal auf, entscheide mich diesmal für den Fahrstuhl. Ein Ernstfall ist es schließlich nicht. Aber ganz ehrlich: Sollte er eintreten – bei diesem Trupp wüsste ich mich in besten Händen. Jan Schäfer

Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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