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Mehrwertsteuer-Senkung verpufft
"Geschenkte" 3 Prozent wecken keine Kauflust in der Region

Für Samantha Ricciardi-Wick (r.) von Polarlicht in der Alten Poststraße in Siegen hat die Mehrwertsteuer-Senkung nur
Kosten verursacht, statt ihre Kasse klingeln zu lassen.
  • Für Samantha Ricciardi-Wick (r.) von Polarlicht in der Alten Poststraße in Siegen hat die Mehrwertsteuer-Senkung nur
    Kosten verursacht, statt ihre Kasse klingeln zu lassen.
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  • hochgeladen von Klaus-Jürgen Menn (Redakteur)

tile Siegen/Bad Berleburg/Olpe. Zum 1. Juli senkte die Bundesregierung bis zum Jahresende die Mehrwertsteuer um 3 Prozent. Das Ziel: Kauflust bei den Kunden wecken. Die Siegener Zeitung fragte bei Einzelhändlern der Region nach, ob diese Rechnung aufgegangen ist.
„Ich hatte dadurch nur Kosten“,Samantha Ricciardi-Wick hatte sich das anders vorgestellt. Die staatliche Maßnahme macht sich bei der Inhaberin von „Polarlicht“ in der Alten Poststraße in Siegen nicht positiv bemerkbar. Im Gegenteil: „Ich hatte dadurch nur Kosten“, sagt die Händlerin für skandinavisches Wohndesign. Wie das? „Einige Hersteller geben die 3 Prozent nicht an die Händler weiter, meine Kunden allerdings erwarten das.“ Somit zahlt sie deren Steuervorteil aus eigener Tasche.

tile Siegen/Bad Berleburg/Olpe. Zum 1. Juli senkte die Bundesregierung bis zum Jahresende die Mehrwertsteuer um 3 Prozent. Das Ziel: Kauflust bei den Kunden wecken. Die Siegener Zeitung fragte bei Einzelhändlern der Region nach, ob diese Rechnung aufgegangen ist.

„Ich hatte dadurch nur Kosten“,

Samantha Ricciardi-Wick hatte sich das anders vorgestellt. Die staatliche Maßnahme macht sich bei der Inhaberin von „Polarlicht“ in der Alten Poststraße in Siegen nicht positiv bemerkbar. Im Gegenteil: „Ich hatte dadurch nur Kosten“, sagt die Händlerin für skandinavisches Wohndesign. Wie das? „Einige Hersteller geben die 3 Prozent nicht an die Händler weiter, meine Kunden allerdings erwarten das.“ Somit zahlt sie deren Steuervorteil aus eigener Tasche. Dazu kommen die Kosten für die Umstellung der Kasse. Mehr Kunden bringe das „reduzierte“ Sortiment nicht. Vielmehr profitiere sie von ihrem Social-Media-Auftritt. Eine beachtliche Anzahl ihrer bald 10 000 Instagram-Follower komme gezielt aus Frankfurt, Köln und noch weiter her, um bei ihr zu kaufen. Die Steuersenkung hingegen ist aus ihrer Sicht „der größte Schwachsinn“.
Als einen Frequenzbringer kann auch Susanne Feinbier, Geschäftsführerin von „Feinbier unterwegs“ an der Sandstraße, die Maßnahme nicht beschreiben. „Es kommt kein Kunde mehr wegen der reduzierten Mehrwertsteuer.“ Die Outdoor-Spezialistin sieht darin eher ein Kundenbindungsinstrument. Beim Bezahlen wird auf den Abzug der Mehrwertsteuer hingewiesen. „Manche Kunden sind überrascht, die denken da gar nicht immer dran“, sagt Susanne Feinbier. Dann sei die Freude gerade bei etwas höherpreisigen Artikeln natürlich umso größer. Das veränderte Kaufverhalten – Fernreise-Artikel laufen zum Beispiel gar nicht, Wander-Zubehör wird stark nachgefragt – habe weniger mit den 3 Prozent als vielmehr mit dem angepassten Reiseverhalten in Pandemie-Zeiten zu tun.
„Trotz der erhöhten Hygienemaßnahmen und der nachweislich äußerst geringen Ansteckungsrisiken beim Einkaufen ist die Besucherfrequenz in den Innenstädten und Geschäften deutlich zurückgegangen“, erklärt C&A-Sprecher Jens Völmicke. „Auch ist die Konsumbereitschaft insbesondere im Modeeinzelhandel weiterhin sehr zurückhaltend.“ Vor diesem Hintergrund lasse sich ein möglicher positiver Effekt der Mehrwertsteuer-Senkung bei C&A in Siegen nicht bewerten.

"Stimmung wird wieder schwieriger“

Am Anfang hätten die Kunden die krummen Beträge, die die Kassen plötzlich anzeigten noch wahrgenommen. „Jetzt ist das normal“, sagt Katja Wiebelhaus aus dem Wiebelhaus (Optik, Hörakustik, Uhren, Schmuck) in Bad Berleburg. Eine dadurch gesteigerte Lust am Kaufen, habe sie aber nicht festgestellt. Derzeit habe sie vielmehr den Eindruck, die Leute würden angesichts wieder steigender Infektionszahlen erneut vorsichtiger. „Die Stimmung wird wieder schwieriger.“ Da reichten 3 Prozent nicht aus, um mögliche Ängste zu überwinden.
Den Steuersenkungseffekt hat Jörg Sondermann, Inhaber Spielwaren Sondermann in Olpe, kaum gespürt. Zumal er die 3 Prozent nicht an die Kunden weitergibt. „Ich hatte fünf Wochen geschlossen“, erinnert er an den Verlust im Frühjahr. Die meisten hätten dafür Verständnis. Darüber hinaus wäre der Aufwand, die Preise umzuzeichnen, einfach zu hoch gewesen: „Ich habe hier tausende Artikel.“ Das Geschäft sei gleich nach dem Shutdown wieder gut angelaufen. Nach wie vor werde aber nur gekauft, was benötigt werde. „Lustkäufe gibt es eher weniger.“
Eine Blitzumfrage der IHK Siegen spiegelt den allgemeinen Eindruck wider: Gefragt wurden dabei 104 Einzelhandelsunternehmen, ob die Mehrwertsteuer-Senkung eine wirksame Hilfe zur Belebung des Konsums sei. Die Antwort fällt deutlich aus: 75 Prozent der Befragten sagen nein, lediglich rund 8 Prozent sieht darin ein probates Mittel.

Autor:

Tim Lehmann (Redakteur) aus Siegen

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