Geständnis nur zögernd

Im Missbrauchsprozess:

Biografie des Angeklagten wies etliche »Knoten« auf

pebe Siegen. Weil er sich an seinen beiden Töchtern vergangen haben soll, muss sich derzeit ein 43-jähriger Familienvater vor der Siegener Jugendschutzkammer verantworten. Der Mann war in der vergangenen Woche angeklagt worden, er habe die beiden Mädchen mehrfach vergewaltigt, geschlagen und zu sexuellen Handlungen gezwungen.

Der Verteidiger des 43-Jährigen hatte zu Prozessbeginn für seinen Mandanten erklärt, dieser räume die Taten »im Großen und Ganzen« ein (die SZ berichtete). Gestern jedoch klang das zunächst ganz anders.

Denn auf den ersten Fall angesprochen – es soll zu drei Vergewaltigungen gekommen sein -, sagte der Angeklagte, er könne sich an kaum etwas erinnern, weil er damals heftig getrunken habe. Er erinnere sich lediglich, dass er seiner älteren Tochter mehrere Ohrfeigen gegeben und sie im Schlafzimmer eingesperrt habe.

Über die Gründe für dieses Verhalten kursierten jedoch schon in den Akten unterschiedliche Aussagen des Angeklagten. Daraufhin der Kammervorsitzende, Richter Wolfgang Münker: »Welche Version stimmt denn nun? Wir haben zwar Knöpfe an den Roben, aber wir wollen nicht abzählen.«

Der Angeklagte blieb blockiert, auch beim zweiten Fall, so dass Münker erneut ermahnen musste: »Bisher eiern Sie drumherum.« Wenn er nichts sage, müsse die Kammer womöglich alle Zeugen hören, einschließlich der Töchter. Klarheit gab es aber erst nach einer Pause, die der Verteidiger für ein Gespräch mit dem 43-Jährigen nutzte. Danach teilte er mit, die weiteren Taten, wie in der Anklage formuliert, gebe sein Mandant zu, ohne in Einzelheiten gehen zu wollen. Die Kammer beließ es dabei.

Als »nicht ohne« erwies sich der bisherige Lebenslauf des 43-Jährigen. Trinkerei und Gewalt des Vaters in Russland, gegen die Familie, zwei Verletzungen im Afghanistankrieg, einen Genesungsurlaub nutzte der Angeklagte zur Desertion. Das habe ihm drei Jahre Arbeitslager eingebracht. »Knast in Deutschland ist ein Kindergarten dagegen«, bemerkte er gestern. Wegen eines Tötungsdelikts im Lager sei damals noch eine Freiheitsstrafe auferlegt worden. Nach einer Amnestie unter Gorbatschow habe er dann schnell eine gute Arbeit als Förster gefunden.

Die Probleme hätten richtig angefangen, als seine Frau nach Deutschland übersiedeln wollte. Er habe seinen Beruf eigentlich nicht aufgeben wollen, sei aber nach kurzer Zeit, die mit viel Alkohol ausgefüllt wurde, nachgezogen.

In Deutschland habe er nicht Fuß fassen können. Davon zeugen ein Dutzend Vorstrafen samt Gefängnisaufenthalt in zehn Jahren, meist wegen alkoholbedingter Vergehen, und mehrere Selbstmordversuche.

Richtig schlimm sei es geworden, als er seine Tochter aus einer früheren Beziehung nach Deutschland geholt habe. Die habe sich mit seiner Frau nicht verstanden. Als sie schließlich bei den Großeltern geblieben sei, habe er wieder mit seiner Frau zusammengelebt, sie aber gehasst, weil er ihretwegen sein Kind verloren habe. Mittlerweile habe er zu Gott gefunden und trinke nichts mehr.

Seine Abstinenz bestätigte der Bewährungshelfer, der seit einer durchgestandenen viermonatigen Therapie seines Schützlings bei ihm eine »absolut positive Entwicklung« feststellte. Eine »dissoziale Persönlichkeitsstörung« konstatierte der psychiatrische Sachverständige, Dr. Dieter Seifert. Jedoch sei ein »symptomatischer Zusammenhang zwischen Störung und Sexualstraftaten« nicht herzustellen. Eine Einschränkung der Steuerungsfähigkeit liege nicht vor, an eine Einweisung sei auch nicht zu denken.

Auf Antrag der Staatsanwältin stellte die Kammer den ersten Anklagevorwurf im Hinblick auf die anderen Straftaten später ein. Die Beweislage sei hier nicht klar genug. Die Verhandlung wird am kommenden Dienstag fortgesetzt.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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