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Ärzte wollen sich aber nicht einschüchtern lassen
Grabkerzen auch in Siegen abgestellt

Einschüchtern lassen wollen sich die Medizinern von den Aktionen der Impfgegner nicht. Es herrscht vielmehr ein "Jetzt erst recht"-Gefühl.
  • Einschüchtern lassen wollen sich die Medizinern von den Aktionen der Impfgegner nicht. Es herrscht vielmehr ein "Jetzt erst recht"-Gefühl.
  • Foto: Anja Bieler-Barth/privat
  • hochgeladen von Julian Kaiser

tip Kreuztal/Siegen. Die Symbolik ist eindeutig: Entflammte Grabkerzen mit der Aufschrift „Impfopfer” fanden Ärzte am Wochenende nicht nur vor ihren Praxen, sondern zum Teil auch vor ihren privaten Wohnhäusern. Nach den bereits bekannten Fällen in Kreuztal (die Siegener Zeitung berichtete) steht nun fest: Auch vor Siegener Arztpraxen leuchteten die Grabkerzen. Nun ermittelt der Staatsschutz. Bei den Betroffenen herrscht noch immer Fassungslosigkeit – aber auch Trotz.

Kerzen vor m

tip Kreuztal/Siegen. Die Symbolik ist eindeutig: Entflammte Grabkerzen mit der Aufschrift „Impfopfer” fanden Ärzte am Wochenende nicht nur vor ihren Praxen, sondern zum Teil auch vor ihren privaten Wohnhäusern. Nach den bereits bekannten Fällen in Kreuztal (die Siegener Zeitung berichtete) steht nun fest: Auch vor Siegener Arztpraxen leuchteten die Grabkerzen. Nun ermittelt der Staatsschutz. Bei den Betroffenen herrscht noch immer Fassungslosigkeit – aber auch Trotz.

Kerzen vor mehreren Praxen

Aref Mohamad fand die Kerzen mit der gleichen Aufschrift wie im Raum Kreuztal am Montagmorgen vor seiner Apotheke in Geisweid. Der Inhaber der Oranien Apotheke in der Sohlbacher Straße zur SZ: „Da ist man erstmal sprachlos. Wir haben uns ja nichts zu Schulden kommen lassen.” Er selbst impfe auch gar nicht. Wohl aber die Arztpraxis Dr. Martin Stötzel, die sich ihren Eingang mit der Apotheke Mohamads teilt. Gut möglich, dass die „Botschaft” also – so vermutet es auch die Polizei – dem Mediziner im gleichen Haus galt. Auch vor der Gemeinschaftspraxis Dr. Martin Fehler am Klafelder Markt fanden Praxis-Angestellte am Montagmorgen Grabkerzen.

"Auch wenn ich bedroht werde, werde ich weiterhin impfen und mich für die Gesundheit der Menschen einsetzen."
Jan Khalil, Hausarzt aus Ferndorf

Einsatz wird jetzt sogar ausgeweitet

Der Ferndorfer Hausarzt Jan Khalil hatte am Wochenende bei der Polizei Anzeige wegen Nötigung und Bedrohung erstattet. Am Sonntagabend meldete er sich dann im Rahmen eines Facebook-Posts zu Wort: „Auch wenn ich bedroht werde, werde ich weiterhin impfen und mich für die Gesundheit der Menschen einsetzen”, teilt Khalil darin mit. „Um den Impfwilligen noch vor Weihnachten eine Impfmöglichkeit zu offerieren, werden wir nun unseren Impfeinsatz sogar ausweiten und am nächsten Wochenende von früh bis Abend eine noch größere Anzahl an Menschen an beiden Tagen impfen.”
Ihm sei klar, dass „sachliche Argumente bei Radikalen kein Gewicht” hätten.

Grablichter vor Kreuztaler Arztpraxen gestellt

"Nicht ein ,Impfopfer' gesehen"

Dennoch setzt sich der Arzt in seinem Post mit Impfkritikern auseinander: „Weltweit wurden bereits Milliarden Impfdosen gegen Covid-19 verabreicht. Ich selber kann mit sehr gutem Gewissen behaupten, dass ich nicht ein ,Impfopfer’ gesehen habe. Meine feste Überzeugung ist, dass ich vielen Menschen durch mein Engagement eine gewisse Sicherheit und einen besseren gesundheitlichen Schutz geben konnte – gerade vor den wichtigsten Tagen im Jahr, zu Weihnachten.”

"Unfassbar, was hier zur Zeit passiert"

Auch die „familydocs” um Dr. Charles Adarkwah äußerten sich zur Grabkerzen-Aktion: „Wo sind wir eigentlich hingekommen? Da wird man nicht nur in den Praxen, sondern sogar zuhause von verwirrten Menschen besucht, die Grablichter vor der Tür abstellen. Irgendwann ist auch hier eine Grenze überschritten – der nächste schmeißt dann eine Scheibe ein und wirft einen Molotow-Cocktail hinterher? Unfassbar, was hier zur Zeit passiert.”

"Jetzt erst recht"-Gefühl überwiegt

Dennoch überwiegt auch bei den familydocs das „Jetzt erst recht”-Gefühl: „Wir lassen uns dadurch nicht einschüchtern, setzen unsere Arbeit fort und stehen umso dichter zusammen in dieser Zeit.” Die betroffenen Arztpraxen erhielten über das Wochenende viel Zuspruch: „Nicht unterkriegen lassen – ihr setzt euch über das normale Maß für eine gute Sache ein”, schrieb ein Facebook-User.

Staatsschutz ermittelt

Mittlerweile hat nach Aussage der Kreispolizeibehörde Siegen-Wittgenstein der Staatsschutz in Hagen die Ermittlungen in dieser Angelegenheit übernommen. Eine strafrechtliche Beurteilung durch die Staatsanwaltschaft steht aktuell noch aus. Ein Zusammenhang zwischen den Vorfällen in Kreuztal und Siegen liegt auf der Hand. Ob es sich um die Tat eines Einzelnen oder eine konzertierte Aktion einer Gruppierung handelt, ist laut Polizei Teil der andauernden Ermittlungen.

Grüne fordern Solidarität: „Schluss mit Hass und Hetze“ - Die Fraktion der Grünen in Hilchenbach hat angesichts der „perfiden Aktion extremistischer Impfgegner“ vor Arztpraxen einen „dringlichen Resolutionsantrag“ unter der Überschrift „Schluss mit Hass und Hetze!“ zur Ratssitzung am Mittwoch eingebracht. Im Vorschlag zum Resolutionstext heißt es: „Der Rat der Stadt Hilchenbach weist mit aller Entschiedenheit die Diffamierung, Bedrohung und Hetze gegenüber Medizinern zurück, die sich im Rahmen der Corona-Schutzimpfungen aufklärend, beratend und durch ihre Impfpraxis engagieren. Die Hetze gegen die zu unserem gemeinsamen Versorgungsgebiet gehörenden Kreuztaler Ärzte verurteilen wir entschieden und erklären unsere uneingeschränkte Solidarität mit den Bedrohten.“ - Die Grünen sehen einen Zusammenhang mit den Anti-Corona-Demos in Siegen vom Wochenende (die SZ berichtete). Hierbei handele es sich um eine „fatale Allianz von Impfgegnern und Rechtsextremen“. - Verantwortungsträger in Gesellschaft, Politik und Kommunalverwaltung sollen Aktionen „mit aller Entschiedenheit missbilligen und zurückweisen“, welche die „legitimen Mittel demokratischer Meinungskundgabe bei weitem überschreiten“. - Längst gehe es laut den Hilchenbacher Grünen nicht mehr um „berechtigte und wichtige Meinungsvielfalt, sondern um die Einschüchterung gerade der Menschen, die sich in hervorragendem Maße und auf professionelle Weise um das wichtigste menschliche Gut verdient machen: unsere Gesundheit“.
Autor:

Tim Plachner

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