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Hanf auf Rezept
"Gras" gegen die Schmerzen

Cannabis-Tropfen Aus der Hanf-Pflanze können dabei helfen, Schmerzen zu lindern. Aber nicht bei jedem zeigt das freiverkäufliche Präparat die gewünschte Wirkung.
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  • Cannabis-Tropfen Aus der Hanf-Pflanze können dabei helfen, Schmerzen zu lindern. Aber nicht bei jedem zeigt das freiverkäufliche Präparat die gewünschte Wirkung.
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ap Siegen. Seit März 2017 darf Cannabis schwerkranken Menschen auf Rezept verschrieben werden, um deren Lebensqualität zu verbessern. Doch wie vielversprechend ist dieser Therapieansatz? „Cannabis ist nicht das Wundermittel, als das es oft wahrgenommen wird“, weiß Schmerztherapeutin Debora Rottes.

Das in der Hanfpflanze enthaltene Cannabidiol (CBD) könne zwar in manchen Fällen gegen Muskel- und Knochenschmerzen helfen – aber nicht bei allen Patienten würde es die Beschwerden lindern. Aus diesem Grund müsse immer individuell geprüft werden, ob die Substanz überhaupt Erfolg bringend ist. Rottes empfiehlt, die freiverkäuflichen Mittel in Salben-, Tropfen- oder Kapselform erst auf eigene Kosten zu testen.

ap Siegen. Seit März 2017 darf Cannabis schwerkranken Menschen auf Rezept verschrieben werden, um deren Lebensqualität zu verbessern. Doch wie vielversprechend ist dieser Therapieansatz? „Cannabis ist nicht das Wundermittel, als das es oft wahrgenommen wird“, weiß Schmerztherapeutin Debora Rottes.

Das in der Hanfpflanze enthaltene Cannabidiol (CBD) könne zwar in manchen Fällen gegen Muskel- und Knochenschmerzen helfen – aber nicht bei allen Patienten würde es die Beschwerden lindern. Aus diesem Grund müsse immer individuell geprüft werden, ob die Substanz überhaupt Erfolg bringend ist. Rottes empfiehlt, die freiverkäuflichen Mittel in Salben-, Tropfen- oder Kapselform erst auf eigene Kosten zu testen.

Das rezeptpflichtige Tetrahydrocannabinol (THC) im Cannabis hat eine berauschende Wirkung und wird nur bei austherapierten Palliativ- und Chemopatienten oder bei starken Spastiken eingesetzt. Ein „individueller Heilversuch“ mit der illegalen Substanz kommt für Rottes deshalb nur nach deutlicher Abwägung der Vorteile und Risiken in Frage – denn der Einsatz ist zudem nicht ganz risikofrei. Vor allem bei jungen Patienten könne es Schizophrenien auslösen, so die Weidenauer Ärztin.

Verschreiben von medizinischem Hanf ist Einzelfallentscheidung

Das Verschreiben von medizinischem Hanf ist folglich immer eine Einzelfallentscheidung – und die letzte
Instanz bei der Behandlung von (chronischen) Schmerzen. „Der Patient muss alles andere ausprobiert oder bisherige Therapien nicht vertragen haben“, betont Rottes.

Andernfalls würden die Krankenkassen einen Antrag sofort ablehnen – was auch bei zwei von drei Fällen passiere. Dass der Weg zum Cannabis auf Rezept lang und steinig sein kann, bestätigt eine ihrer Patientinnen.

„Ich bin schon sehr lange sehr krank“, erklärt die 55-Jährige, die mit drei Jahren einen schweren Unfall hatte. Eine richtige Diagnose habe sie erst relativ spät bekommen. Die Symptome aber wurden mit fortschreitendem Alter schlimmer, schränkten sie zunehmend ein und zwangen sie schließlich in den Rollstuhl. „Am Anfang versucht man noch, sich irgendwie selbst zu therapieren“, erzählt die chronisch Kranke, „aber irgendwann geht es einfach nicht mehr.“

Nach kleinen Lichtblicken große Nebenwirkungen

So versuchte sie in den vergangenen Jahrzehnten alles, um ihre Schmerzen irgendwie loszuwerden – oder zumindest abzumildern: Pflaster, Medikamente, Anti-Depressiva, Narkotika, Muskelrelaxanzien, Parkinsonmedikamente, Anti-Epileptika. Auf kleine Lichtblicke folgten große Nebenwirkungen. Nichts von all dem half. „Ich habe alles versucht, alles gemacht“, blickt die Mittfünfzigerin zurück – fast alles. Denn Betäubungsmittel wie Cannabis hatte sie bislang (noch) nicht in Erwägung gezogen. „Ich war nicht scharf darauf, das Zeug zu nehmen“, gesteht sie. Selbst während ihres Studiums habe sie weder (Gras) geraucht, geschweige denn Alkohol getrunken. Und auch danach blieb ihre Skepsis bestehen: „Durch meinen Job hatte ich große Zweifel, was Arbeitsfähigkeit, Nebenwirkungen und Suchtpotenzial angeht”, erklärt die Selbstständige. „Ich muss jeden Tag voll konzentriert und belastbar sein, sowohl körperlich als auch geistig.“

Cannabidiol-Tropfen können helfen, Schmerzen zu lindern.
  • Cannabidiol-Tropfen können helfen, Schmerzen zu lindern.
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Rückblickend seien diese Bedenken zwar unberechtigt – öffentlich über ihre Erfahrungen mit dem medizinischen Hanf sprechen möchte sie aber trotzdem nicht. Zu groß seien die gesellschaftlichen Vorurteile, sagt die Cannabis-Patientin, die schließlich nach einem vielversprechenden Selbstversuch den Antrag für eine Kostenübernahme der „extravaganten Therapie“ bei ihrer Krankenkasse einreichte. „Wenn nichts mehr funktioniert und man nicht mehr richtig gehen kann, dann versucht man es eben“, verteidigt sie ihre Entscheidung.

Zwei Jahre lang habe sie für das Medikament gekämpft, sei sogar bis vors Gericht gegangen. „Ich bin heilfroh, dass das Präparat angeschlagen hat und sich das alles gelohnt hat”, zeigt sich die 55-Jährige erleichtert. Andere Arzneimittel gegen ihre Schmerzen ersetze das Cannabis-Spray jedoch nicht. „Ganz so rosig ist es auch nicht. Aber auf jeden Fall besser als vorher. Und man ist für jede Kleinigkeit dankbar.“

”Psychische Folgen werden erheblich unterschätzt” Immer mehr Jugendliche kiffen: Laut Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gaben 22 Prozent der 18- bis 25-Jährigen an, im Jahr 2018 mindestens ein Mal Cannabis genommen zu haben. 2016 waren es 16,8 Prozent und 2008 nur 11,6 Prozent. Doch was macht das illegale Rauschmittel eigentlich so gefährlich? Dr. Peter Plum, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Suchtmedizinische Grundversorgung im Kreisklinikum Siegen, klärt über die Auswirkungen des illegalen Cannabis-Konsums auf und spricht über die Potenziale aus medizinischer Sicht. Die Cannabispflanze enthält sowohl Cannabidiol (CBD) als auch Tetrahydrocannabinol (THC). Während CBD keinerlei berauschende Effekte hat, werden durch den psychotropen Wirkstoff THC insbesondere die Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln verändert. „Der Konsum kann zum Beispiel Einfluss auf die Libido haben, einen gesteigerten Appetit verursachen sowie Schwindel und Übelkeit zur Folge haben“, erklärt Plum. Darüber hinaus sei Tetrahydrocannabinol eine lipophile, das heißt fettliebende, Substanz. Weil das Gehirn in großen Teilen aus Fettgewebe besteht, könne der Konsum von Cannabis vor und nach der Pubertät extreme (Spät-)Folgen verursachen, warnt der Mediziner. Ein weiteres Problem: Das Suchtpotenzial ist bei diesem Rauschmittel nicht so hoch wie bei vielen anderen (legalen und illegalen) Drogen, weshalb die Gefährlichkeit häufig heruntergespielt werde. „Eine Abhängigkeit entwickelt sich erst bei regelmäßigem Konsum“, so der Experte. Auch die psychischen Folgen werden aus Sicht des Siegener Krankenhausarztes „erheblich unterschätzt“: „Cannabis ist Hauptauslöser und Trigger einer Schizophrenie“, betont Plum. Bei regelmäßigem Konsum verschlechterten sich Aufmerksamkeit, Reaktion sowie Konzentration deutlich. Häufig entwickle sich dann auch ein sogenanntes amotivationale Syndrom: „Man kommt nicht mehr von der Couch hoch“, erklärt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Diese Symptome und Folgeerkrankungen seien heutzutage noch deutlich schlimmer als beim „Hippie-Gras“ in den 1960er Jahren. „Die Sorten sind mittlerweile so hochgezüchtet, dass der CBD-Gehalt fast gegen null geht“, mahnt Plum. „Damals war das Verhältnis noch eins zu eins.“ Dennoch sieht der Suchtmediziner auch positive Effekte in dem Rauschmittel, wenn es unter ärztlicher Beobachtung konsumiert wird. „Es gibt Bereiche, in denen ich gerne THC verabreichen würde“, erzählt er – zum Beispiel im Rahmen eines Methadon-Programmes. „Am Anfang haben Suchtkranke ein Bedürfnis zum Beikonsum“, erklärt der Arzt. In diesem Fall könne THC dabei helfen, die Patienten zu entkriminalisieren. „Für mich als Kliniker ist wichtig, dass etwas hilft, wenn ich es gebe. Und wenn das so ist, dann ist es vernünftig, das auch zu tun“, resümiert Plum.
Cannabis-Tropfen Aus der Hanf-Pflanze können dabei helfen, Schmerzen zu lindern. Aber nicht bei jedem zeigt das freiverkäufliche Präparat die gewünschte Wirkung.
Cannabidiol-Tropfen können helfen, Schmerzen zu lindern.
Autor:

Alexandra Pfeifer

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