Gründlich zerhackt: Gruselige Poe-Lesung

Warum Manuel Ströbel und Alke Katharine Szonn ...  Foto: zel

zel Siegen. „Lebendig begraben zu werden, ist ohne Frage die grauenvollste aller Martern, die je dem Sterblichen beschieden wurde.“ Der amerikanische Autor Edgar Allan Poe (1809–1849) fürchtete sich, wie mancher seiner Zeit, davor, und verfasste mit „Lebendig begraben“ eine Gruselgeschichte, die den Atem rauben kann, wenn man sich die Nöte des Scheintoten in der „tiefen Dunkelheit ewiger Nacht“ auch nur ansatzweise ausmalt. Dazu hatten am Samstagabend rund 20 Literaturfreunde Lust – sie kamen zur musikalischen Lesung ins Lÿz, um am Halloween-Abend ein schönes Schaudern auf Literaturbasis zu erfahren. Doch schauderlich war vielmehr die Darbietung des Kronetaarn Ensembles.

Die Schauspielerin Alke Katharine Szonn und der Tenor Manuel Ströbel schafften es, die meisterliche Komposition Poes, der uns mit Aufzählungen realer Begebenheiten in die Abgründe menschlicher Ängste führt, bevor er seinen Ich-Erzähler ein eigenes (vermeintliches) Erlebnis des Lebendig-Begraben-Seins schildern lässt, meisterlich zu zerhacken. Kaum kam Szonn ein wenig in den Lesefluss, stellten sich Bilder vor dem inneren Auge ein, begann der Sänger – ohne Begleitung – mit der Wiedergabe von Schubert-Liedern, die eine düstere Stimmung erzeugen oder unterstützen sollten. Szonn, die sich ein-, zweimal zu oft versprach, wanderte derweil im Publikum, vor und auf der Bühne umher, um von hier und dort aus wieder kurze Häppchen aus der Geschichte zu lesen. Warum? Nichts, was die beiden, auch als Coach und Public-Relations-Beraterin tätigen Akteure taten, gab dem großartig geschriebenen Text in dessen „Aufführung“ ein Plus, ein Extra, oder rechtfertigte sie auch nur. Hätte Szonn nicht vor der Pause angekündigt, man komme im zweiten Teil zum eigentlichen Protagonisten der Erzählung, hätten vielleicht noch mehr der wenigen Besucher den Ort des Grauens verlassen. Verpasst hätten sie ein dünnes Flüstern des nur scheinbar lebendig Begrabenen, und ein paar mehr Schubert-Lieder.

Jeder, der nicht dagewesen ist und anderswo, vielleicht auch nur im eigenen Kopf – da wird es garantiert nicht langweilig –, seine Grusellust gestillt hat, war besser aufgehoben. Dieser Abend hatte nur einen Nutzen: uns zu zeigen, wie viel Freude das Selberlesen bereitet. Das Buch mit den Short Storys von Edgar Allan Poe liegt schon parat.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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