SZ

Nächste Runde vor dem Landgericht Siegen
Gullydeckel-Prozess wird neu aufgerollt

Nach dem Urteil in erster Instanz vor dem Schöffengericht in Bad Berleburg geht der sogenannte Gullydeckel-Prozess gegen einen Lokführer in die nächste Runde. Die
Berufungsunterlagen von Verteidiger Dennis Tungel liegen dem Landgericht Siegen bereits vor.
  • Nach dem Urteil in erster Instanz vor dem Schöffengericht in Bad Berleburg geht der sogenannte Gullydeckel-Prozess gegen einen Lokführer in die nächste Runde. Die
    Berufungsunterlagen von Verteidiger Dennis Tungel liegen dem Landgericht Siegen bereits vor.
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ako Bad Berleburg/Siegen. Der Gullydeckel-Prozess geht in die nächste Runde und wird vor dem Landgericht Siegen in zweiter Instanz neu verhandelt. Das Verfahren wird dabei komplett neu aufgerollt. Das bestätigte Rechtsanwalt Dennis Tungel gegenüber der SZ. Er ist der Verteidiger des Lokführers Thomas C. aus Lünen, der vom Schöffengericht in Bad Berleburg im vergangenen Oktober in dem Fall, der mittlerweile bundesweite Aufmerksamkeit erlangte, zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten – ohne Bewährung – verurteilt wurde (die SZ berichtete ausführlich). Unmittelbar nach der Verhandlung legte der Anwalt des Lokführers jedoch Berufung gegen den Schuldspruch ein.

„Es war vor Gericht ein reiner Prozess auf Basis von Indizien.

ako Bad Berleburg/Siegen. Der Gullydeckel-Prozess geht in die nächste Runde und wird vor dem Landgericht Siegen in zweiter Instanz neu verhandelt. Das Verfahren wird dabei komplett neu aufgerollt. Das bestätigte Rechtsanwalt Dennis Tungel gegenüber der SZ. Er ist der Verteidiger des Lokführers Thomas C. aus Lünen, der vom Schöffengericht in Bad Berleburg im vergangenen Oktober in dem Fall, der mittlerweile bundesweite Aufmerksamkeit erlangte, zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten – ohne Bewährung – verurteilt wurde (die SZ berichtete ausführlich). Unmittelbar nach der Verhandlung legte der Anwalt des Lokführers jedoch Berufung gegen den Schuldspruch ein.

„Es war vor Gericht ein reiner Prozess auf Basis von Indizien. Das Motiv blieb bis zum Ende völlig offen“, sagte Dennis Tungel. Sein Mandant habe gesagt, dass er es nicht war. „Es gibt keinen Beweis, dass mein Mandant vor Ort gesehen wurde“, betonte der Verteidiger, der an dieser Stelle hervorhob, dass der Richter in seiner damaligen Urteilsbegründung von einem „großen Puzzle“ gesprochen hatte. Vor allem die Tatsache, dass es sich in dem Fall um einen reinen „Indizienprozess“ handelt, sei laut dem Verteidiger der Hauptgrund gewesen, Berufung gegen das Urteil einzulegen.

DNA-Spuren führten zum Lokführer

Rückblick: Beim Prozessauftakt am18. September wurde der damals 50-jährige Thomas C. wegen Vortäuschens einer Straftat und gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr angeklagt. Die Staatsanwaltschaft warf dem Familienvater aus Lünen vor, am 13. April 2019 einen unbesetzten Zug der Hessischen Landesbahn zwischen Bad Berleburg und Raumland in zwei von ihm unter einer Brücke positionierte Gullydeckel gesteuert zu haben. Die Kanaldeckel baumelten damals an einer Seilkonstruktion von der Überführung herab und schlugen ein großes Loch in die Windschutzscheibe. Zuerst war man von einem Anschlag ausgegangen, nur die Notbremsung und ein Sprung weg vom Fahrerstuhl hatten dem Mann damals wohl das Leben gerettet. Doch DNA-Spuren brachten die Ermittler schließlich auf die Spur des Lokführers selbst.

Für den Angeklagten erwiesen sich in dem Prozess, in dem mehrere Zeugen ausgesagt hatten, die festgestellten DNA-Spuren an den Gullydeckeln und den Seilen, an denen sie aufgehängt wurden, als besonders belastend. Der Verdacht gegen den Mann aus Lünen erhärtete sich weiter, nachdem zwei Experten des Landeskriminalamtes im Verfahren ihre Gutachten vorgestellt hatten. Ein Fachmann konnte anhand der DNA-Spuren nachweisen, dass der Angeklagte die zwei Deckel an den Rippen angefasst haben muss. Der zweite Experte stellte mithilfe einer textil-technischen Analyse eine Verbindung zwischen Gegenständen aus dem Lebensbereich des Angeklagten und den am Tatort gefundenen Dingen her.

Ein Jahr und neun Monate auf Bewährung

In der letzten Prozess-Verhandlung Anfang Oktober sah es das Schöffengericht in Bad Berleburg in der Folge als erwiesen an, dass der heute 50-Jährige die Falle mit zwei Kanaldeckeln selbst konstruiert und aufgehängt hatte. Der Zugführer erhielt ein Jahr und neun Monate ohne Bewährung. In der Urteilsbegründung stützte sich das Gericht vornehmlich auf die DNA- und Faser-Gutachten.

Natürlich sehe auch Dennis Tungel einige im Verfahren genannte Punkte „nüchtern“ und „neutral“. Als Verteidiger wolle er aber „positiv“ an das neue Verfahren herangehen: „Es ist so: Wäre der Prozess andersherum ausgegangen, wäre die Gegenseite in Berufung gegangen.“ Welche Chancen sich sein Mandant und er im Berufungsverfahren ausrechneten, ließ der 37-jährige Rechtsanwalt allerdings offen. Sicher sei aber, dass er die Vorgehensweise im Detail mit seinem Mandanten besprechen werde.

Berufliche Verhältnisse entscheidende Rolle

Laut Information der SZ spielen jedoch die beruflichen Verhältnisse des Angeklagten für das künftige Berufungsverfahren eine entscheidende Rolle. Denn in der Hauptverhandlung vor dem Bad Berleburger Amtsgericht kam nämlich zur Sprache, dass die Hessische Landesbahn dem 50-Jährigen nach der Tat „aus betrieblichen Gründen“ gekündigt hatte. In einem anschließenden Kündigungsschutzklageprozess vor dem Arbeitsgericht in Dortmund erwirkte der Lokführer aber neben einer 2500-Euro-Abfindung auch eine Klausel: Sobald er von den Vorwürfen freigesprochen werde, könne er wieder eingestellt werden.

Thomas C. aus Lünen befindet sich derzeit auf freiem Fuß, auch weil zu keiner Zeit eine Flucht- oder Verdunklungsgefahr bestand, wie Dennis Tungel erklärte. Die Situation sei für seinen Mandanten, der sich gegenwärtig auch einer therapeutischen Behandlung unterzieht, jedoch eine große Belastung. Der Kontakt zu seinem Mandanten erfolge aufgrund der Corona-Pandemie derzeit ausschließlich über Telefongespräche, so der Rechtsanwalt.

Zeitpunkt des Berufungsverfahren unklar

Wann das Berufungsverfahren am Siegener Landgericht beginnen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch völlig unklar. Bereits im Dezember hatte Pressesprecherin Silvia Sünnemann auf Anfrage der SZ bestätigt, dass die Berufungsunterlagen der zuständigen Richterin vorliegen und geprüft werden. Ein Termin werde jedoch erst in frühestens ein bis zwei Monaten feststehen, sagte die Sprecherin im Telefongespräch mit der Redaktion. Wie Verteidiger Dennis Tungel zudem mitteilte, führe das Landgericht in dem Fall zurzeit noch eine Begutachtung durch. Das Augenmerk liege hierbei vor allem auf der „gewissen Anzahl“ an Vorfällen aus der Vergangenheit, in denen der Angeklagte Thomas C. selbst Opfer von Straftaten gewesen sei.

Autor:

Alexander Kollek

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