Gute Spuren hinterlassen

 Roy Gonsenhäuser in seinem Musikzimmer in Bentleyville/USA am 27. Dezember 2013. Foto: Arbeitskreis

sz - „Die Vernichtung des deutschen Judentums als eines Teils der deutschen Kultur war und ist ein Verlust, der eine klaffende Wunde hinterlässt. Ein Verlust, der durch nichts und niemals ersetzt werden kann. Dieser Verlust betrifft – unumkehrbar – alle Deutschen. Ich möchte Sie (...) daran erinnern, dass diese vertriebenen und schließlich oftmals ermordeten Menschen zuallererst deutsche Bürger waren. Sie waren deutsche Bürger auf die gleiche Art und Weise, wie jemand ein katholischer oder ein protestantischer deutscher Bürger sein konnte.“

Daran erinnerte der aus den USA eigens zur Verlegung der ersten Stolpersteine in Bad Berleburg angereiste Roy Gonsenhäuser (amerikanisch: Gonsenhauser) am 2. September 2008. Vor wenigen Tagen, am 1. März, ist Roy Gosenhäuser im Alter von 70 Jahren in Cleveland/Ohio im Kreis seiner Familie verstorben. Mehr als 200 Jahre hatten seine Vorfahren in Berleburg gelebt. Am 16. Juli 1911 war Roys Vater Ludwig („Ludi“) Gonsenhäuser als Sohn jüdischer Eltern in Berleburg zur Welt gekommen. Am 16. April 1936 verließ er Berleburg, um dem nationalsozialistischen Terror zu entkommen. Er emigrierte nach Südafrika, wo sein Sohn Roy vor 70 Jahren zur Welt kam. Daran erinnert der Bad Berleburger Arbeitskreis für Toleranz und Zivilcourage in einer Pressemitteilung.

Roy Gonsenhäuser aber blieb nicht in Südafrika. Er ging in die USA, weil er nicht in dem damaligen Apartheid-Staat leben wollte. In Cleveland/Ohio baute er einen Teppichhandel auf. Wie sein Vater, blieb auch Roy Gonsenhäuser Deutschland, vor allem aber Berleburg verbunden. Noch knapp drei Wochen vor seinem Tod hat Roy Gonsenhäuser in einer E-Mail daran erinnert, schreibt der Arbeitskreis für Toleranz und Zivilcourage Bad Berleburg: Die meisten Juden waren durch und durch Deutsche. Und deshalb ist auch das Mahnmal, das an die Juden erinnert, ein Mahnmal, das an Deutsche erinnert. „Es würde mich glücklich machen, wenn es als ein deutsches Mahnmal verstanden wird.“ Die Schändung des Mahnmals in Berleburg in der Nacht vom 8. auf den 9. November 2013 (die Siegener Zeitung berichtete) hat ihn sehr beschäftigt, noch mehr aber, dass es auch heute noch Deutsche gibt, für die die jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung Andere, Fremde, eben keine Deutschen waren.

Zwei Monate vor seinem Tod hatte Roy Gonsenhäuser erfahren, dass er nur noch kurze Zeit zu leben hatte: „Ich habe ein wunderbares, aufregendes und unterhaltsames Leben gehabt voller Liebe, Reisen und Abenteuer. (..) Ich habe niemals hungrig oder frierend zu Bett gehen müssen und konnte mich 70 Jahre einer guten Gesundheit erfreuen. Ich werde gehen mit nur wenigen unerledigten Dingen und nichts, was ich bereue“ – so schreibt er am 10. Januar im Rückblick. Gute Spuren hinterlassen zu können, nach diesem Grundsatz hat er gelebt.  

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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