Gutes, echtes Theater

Noch fröhlich und sooo verliebt: Juliet (Rachel Lynes) und Romeo (Dan Wilder). Die Liebesgeschichte der beiden war am Dienstag zweimal im Apollo zu sehen.  Foto: zel
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zel Siegen. Ay, es dauerte eine kleine Weile, bis man sich an das Shakespearesche „thou“ und „thee“ gewöhnt hatte. Aber dann fiel es nicht schwer, sich die wohl berühmteste Liebesgeschichte der Welt auf Englisch erzählen zu lassen – zumal die vielen Schüler, die am Dienstagnachmittag und -abend das Siegener Apollo-Theater bevölkerten, sicherlich sehr gut vorbereitet gekommen waren. Das Theater TNT Britain & ADG Europe spielte „Romeo and Juliet“. Das Theaterstück um die beiden verfeindeten Familien Capulet und Montague lief gerade erst in Herdorf – auf Deutsch. Auf Englisch entfaltete es, zusätzlich zu der großen Geschichte, eine besondere Wirkung.

Die Produktion reist mit leichtem Gepäck. Will heißen: Das Bühnenbild von Arno Scholz war simpel und multifunktional. Zwei Trennwände auf Rollen wurden als Mauern bald hier-, bald dorthin verschoben. Vier Quader dienten als Sockel für Statuen ebenso wie als Sitzgelegenheit oder Totenbett. Ein drittes Element im Hintergrund bot mit einem Vorhang die Möglichkeit, ein „Innen“ darzustellen. Nur wenige Effekte – etwa das Spiel mit dem Schatten der schlafenden Juliet oder das Erscheinen eines Kapuzenmannes mit Totenkopf – lenkten vom Text und den ihn umsetzenden Schauspielern ab.

Auf Streichungen hat Regisseur Paul Stebbings fast ganz verzichtet. So dauerte es fast drei Stunden, bis die beiden Liebenden Romeo und Juliet im Tod vereint waren und ihre Familien über ihren Leichnamen Frieden schlossen. Der ein oder andere Dialog hätte Kürzungen jedoch vertragen, ohne den Originaltext zu verstümmeln. Die Schauspieler – nur sechs an der Zahl – in ihren barock anmutenden Kostümen trugen die Last, das Stück gelingen zu lassen, also fast allein auf ihren Schultern. Mit Erfolg. Fast alle spielten mehrere Rollen. Ganz stark war Natalia Campbell als Juliets energische, zahnlose „nurse“ und als Band zwischen den unglücklichen Liebenden. Rachel Lynes als Juliet und Dan Wilder als Romeo wirkten in der berühmten Balkonszene sehr süß, sehr jung, sehr unbekümmert, doch das Leben – und William Shakespeares Poesie – hatte für sie natürlich einige Prüfungen parat, die sie ernsthaft angingen.

Juliet zum Beispiel musste sich ihrem Vater (David Chittenden) widersetzen, als dieser sie mit Paris verheiraten wollte, und Romeo (man muss hier einfach die Haarpracht des Schauspielers erwähnen, die ihn wie eine Mischung aus Mick Hucknall von Simply Red und einem Mitglied der Kelly Family wirken ließ), der Unglückliche, erstach den verhassten Thybalt (Richard Ede), der zuvor Romeos Freund Mercutio (Richard Croughan) hingemetzelt hatte. Tolle Fechtszenen waren das.

Wie zu Shakespeares Zeiten gab es mittelalterliche Zwischenmusiken – eingespielt und vom Ensemble selbst gesungen und ebenso unterhaltsam wie das komische Faktotum Peter, das mit Maske und Kratzfüßen im Hause Capulet diente. Alles in allem: Diese Version von „Romeo and Juliet“ war ganz dem Originaltext verpflichtet, war gutes, echtes Theater ohne Schnickschnack, ihr fehlte allerdings die volkstümliche Lebhaftigkeit, wie man sie sich zu Zeiten des Elisabethanischen Theaters vorstellt. Dies ist seinerzeit dem N.N. Theater mit seiner ganz eigenen Fassung für das Apollo deutlich besser gelungen.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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