AUFGESPIEßT
Haareschneiden - eine Betrachtung aus männlicher Sicht

SZ-Redakteur Dr. Andreas Goebel.
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Man kann den Leuten nur vor den Kopf gucken, heißt es im Volksmund. Aber das reicht im Augenblick ja oft schon. Es ist gefühlt Jahre her, dass man das Klicken der Schere im Ohr hatte, das sonore Summen des Maschinchens im Nacken hörte und anschließend gefragt wurde: „Darf ich Ihnen noch Gel ins Haar machen?“, ehe mit wunderbarem Schwung das Cape durch die Salonluft flatterte und das abgeschnittene Haar aufs Linoleum segelte. Man sang damals noch O Tannenbaum und Leise rieselt der Schnee.
Vor allem jetzt, nach 75 Tagen zugesperrter Frisörsalons, zeigt sich, wie sehr der Mensch doch den Kräften der Natur ausgeliefert, ja, ein Naturkind ist. Wenn man die Nachrichten guckt, guckt man immer auch danach, wie er oder sie sich hält. Anders als Bundesligaprofis dürfen Politiker*innen nicht den Eindruck erwecken, sie ließen sich schwarz im Keller die Haare schneiden. Käme das raus, wären sie ihren Job los.
Wie die Natur allmählich wieder zu ihrem Recht kommt, sieht man zum Beispiel an Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der sich seine Matte vorn irgendwie hochtoupiert, während der Toni Hofreiter von den Grünen das Motto verinnerlicht zu haben scheint: Wer lang hat, lässt lang hängen. Meine Lebensgefährtin sagt immer, der Kretschmann aus Baden-Württemberg sehe besser aus, seit er nicht mehr zum Frisör geht. Geschmackssache. SPD-Gesundheitsexperte Karl Wilhelm Lauterbach (dünnes Haar, strähnig) erweckt zurzeit jedenfalls den Eindruck, als ginge er in die Oberstufe.

Kommen wir zu den Damen, die ich für die eigentliche Triebkraft hinter der einsamen Öffnung der Frisörsalons halte. Der große Unterschied zwischen den Geschlechtern – so zumindest meine Beobachtung – ist, dass es den Herrn relativ egal ist, wie sie das Haupthaar zurzeit tragen. Es wird viel geschmunzelt und geneckt, wenn man sich begegnet: „Könntest ja auch mal wieder zum Frisör gehen“ (beide lachen). Bei den Damen ist das viel komplizierter. Ich habe noch den Schrei des Erschreckens („Nicht schon wieder!“) einer lieben Kollegin im Ohr, als in der Pressekonferenz im Advent erklärt wurde, dass am 16. Dezember auch die Frisöre dichtmachen müssen. Für Frauen hat der Termin im Salon eine ganz andere Bedeutung als für uns Männer. Nicht nur ist die Verweildauer der Frauen in den Frisörsalons viel höher als bei uns (zwei Stunden statt 20 Minuten), sie zahlen dafür auch viel mehr als wir. Es kommt sogar vor – das weiß ich aus eigener Anschauung aus früheren Tagen –, dass sie zu Hause vor Wut und Verzweiflung weinen, wenn sie vom Frisör kommen, weil etwas nicht ihren Wünschen entsprochen hat. So etwas würde einem Anton Hofreiter wahrscheinlich nie passieren. Dafür mankiert es bei ihm an anderer Stelle.
Egal, es darf ab Montag wieder gewaschen, geschnitten, gefärbt, gefönt und gelegt werden, und das ist auch gut so. Eines hat uns das 75-Tage-Freilandexperiment gewiss gezeigt: Was Frisöre können, können nur Frisöre.

a.goebel@siegener-zeitung.de

Friseurin Sandra Kinkel bereitet sich auf die Öffnung vor

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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