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Branchen-Riesen sollen Steuern zahlen (mit Kommentar)
Händler halten Paketabgabe für Schnapsidee

Pakete, Pakete, Pakete: Der Online-Handel nimmt seit Jahren zu. Corona und die Vorweihnachtszeit sind zu allem Überfluss eine unheilige Allianz eingegangen. Die befragten Händler halten nichts von der Paket-Abgabe. Es gäbe effektivere Mittel.
  • Pakete, Pakete, Pakete: Der Online-Handel nimmt seit Jahren zu. Corona und die Vorweihnachtszeit sind zu allem Überfluss eine unheilige Allianz eingegangen. Die befragten Händler halten nichts von der Paket-Abgabe. Es gäbe effektivere Mittel.
  • Foto: Pixabay (Symbolbild)
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

goeb Siegen/Betzdorf. Mit einer Abgabe von einem Euro je Paket will der stellv. Vorsitzende der CDU-Bundestagsfraktion, Andreas Jung, die Online-Versandhändler künftig zur Kasse bitten. Das Geld, so der Christdemokrat, soll den Innenstädten zugute kommen. Mit seinem Vorstoß möchte er zur Beendigung einer Schieflage beitragen, deren Auswirkungen inzwischen in allen Innenstädten der Republik zu besichtigen sind: Zunehmende Verödung durch galoppierenden Leerstand. Der stationäre Einzelhandel hat es bekanntlich schwer, insbesondere gegen den Online-Riesen Amazon zu bestehen.
Von einem erneuten Umsatzrückgang um 20 Prozent geht der Handelsverband Deutschland beim stationären Einzelhandel für das Jahr 2020 aus.

goeb Siegen/Betzdorf. Mit einer Abgabe von einem Euro je Paket will der stellv. Vorsitzende der CDU-Bundestagsfraktion, Andreas Jung, die Online-Versandhändler künftig zur Kasse bitten. Das Geld, so der Christdemokrat, soll den Innenstädten zugute kommen. Mit seinem Vorstoß möchte er zur Beendigung einer Schieflage beitragen, deren Auswirkungen inzwischen in allen Innenstädten der Republik zu besichtigen sind: Zunehmende Verödung durch galoppierenden Leerstand. Der stationäre Einzelhandel hat es bekanntlich schwer, insbesondere gegen den Online-Riesen Amazon zu bestehen.
Von einem erneuten Umsatzrückgang um 20 Prozent geht der Handelsverband Deutschland beim stationären Einzelhandel für das Jahr 2020 aus. Zwar belastet das Corona-Jahr die Bilanzen zusätzlich schwer, der Abwärtstrend in den vergangenen zehn Jahren ist allerdings nicht zu übersehen. Die Marktanteile verschieben sich immer weiter in Richtung der Online-Riesen. Die Siegener Zeitung befragte zu diesem Thema einige Akteure in Handel und Politik:

Konzerne wie Amazon zahlen kaum Steuern

„Da ist noch Luft nach oben“, findet der CDU-Fraktionsvorsitzende der Stadt Siegen, Frank Weber. Ihn ärgert vor allem, dass Konzerne wie Amazon kaum Steuern zahlen. Allerdings appelliert er auch an die Bürger selbst, ihr Kaufverhalten zu hinterfragen. „Sind wir irgendwie nicht alle auch selbst schuld an der Situation, der Herr Müller, die Frau Meier und der Herr Goebel?“ Zu oft werde der Versuchung nachgegeben, online zu shoppen anstatt vor Ort zu kaufen.
Für Bürgermeister Steffen Mues (Siegen) spiegelt der Boom des Online-Handels eine bewusste Entscheidung der Käufer wider. „Eine Strafsteuer für Online-Händler zur Finanzierung von Subventionen für den stationären Einzelhandel halte ich vor diesem Hintergrund grade jetzt für wenig sinnvoll.“ Das konterkariere auch die digitalen Aktivitäten der Siegener Händler gerade in den vergangenen Monaten, so Siegens Verwaltungschef.

"Jeff Bezos kratzt der Euro nicht"

Nicht viel von der Idee der CDU-Bundestagsfraktion hält Jochen Langenbach, Geschäftsinhaber von Intersport Langenbach in Weidenau. „Jeff Bezos kratzt dieser eine Euro doch nicht“, lässt er sich ein. Er glaubt, dass der stationäre Einzelhandel mit so einer Maßnahme doppelt bestraft würde, denn viele lokale Geschäftsleute haben sich inzwischen ein Online-Standbein aufgebaut.
Die Branchen-Riesen könnten diese Abgabe indes aus der Portokasse bezahlen. Langenbach nutzt wie alle Intersport-Händler ein bundesweites Online-Portal zum Verschicken der Artikel, je nach Verfügbarkeit. Ginge es nach ihm, müsste man das ausufernde Retourenwesen eindämmen.
Der Versender zahlt nicht nur das Verschicken, sondern auch die unentgeltliche Rücknahme. „Da werden acht Pakete bestellt und sechs gehen wieder zurück“, kritisiert er. Er nennt das einen Irrsinn. Hinzu komme die unbezahlte Umkartonierung und Neuauszeichnung der Ware. Dass täglich Millionen Pakete durch die Republik gefahren würden, sei alles andere als nachhaltig. „Fünf Euro je Kunde pro zurückgeschicktem Retoure-Paket, das wäre eine Erziehungsmaßnahme“, gibt ein Modehändler aus dem Kreis Olpe zu Protokoll, der namentlich nicht genannt werden möchte.

Retourenquote im Online-Handel muss eingedämmt werden

Christoph Burghaus von Modehaus Burghaus in Betzdorf ist auch kein Freund der Paketabgabe und rügt wie Langenbach die unglaublich hohe Retourenquote im Online-Versandhandel. „Alle machen die Augen zu vor den Konsequenzen für die Umwelt.“ Auch er ist der Überzeugung, dass man mit der Paketabgabe „die trifft, die man eigentlich schützen will“. Es gebe eine Untersuchung, die besage, dass Nachhaltigkeit nur dann gegeben sei, wenn es einen Bestellversuch ohne Retoure gibt. „Und von der aktuellen Situation ist das meilenweit entfernt.“ Die Großen der Branche, davon ist nicht nur Burghaus überzeugt, würden die Paket-Mehrkosten sofort an ihre Händler weitergeben. Man dürfe deren ungeheure Marktmacht nicht unterschätzen.

Kommentar: Steuergerechtigkeit und Verursacher-Prinzip Eine Paketabgabe von einem Euro, wie vom stellv. Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion gefordert, ist sicher nicht das Mittel der Wahl. Auch die Abgabe am Wert des Paketinhalts zu bemessen, zeugt nicht gerade von der Durchdringung des Problems. Das wäre nicht nur die Geburtsstunde eines Bürokratie-Monsters, es wäre auch ein starker Eingriff in die Marktwirtschaft. Gleichwohl wird die Schieflage, in die das Verhältnis stationärer Einzelhandel und Online-Versandhandel geraten ist, immer deutlicher. Die Fachgeschäfte verleihen den Innenstädten Lebensqualität. Sie halten alles vor: Auswahl, Ausstattung und Beratung durch qualifiziertes Personal. Gegen die Bunker von Jeff Bezos könnten sie gut bestehen, wenn es faire Wettbewerbsbedingungen gäbe. Anfangen müsste man mit einer gerechten Besteuerung der Konzerne. Nach dem Verursacher-Prinzip müssten Versender und Kunden für die riesigen Kosten für die Umwelt aufkommen. Und das fängt bei den Retouren an.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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