Harmonie der »abrahamischen« Religionen

»Zusammenleben in einem Land - Ein Gespräch« / Vereinzelte Zweifel am Einvernehmen

ewi Siegen. Spiel mit gezinkten Karten oder wundersame Fügung? Praktisch nur interreligiöse Harmonie wurde den Zuhörern von Forum Siegen am letzten Donnerstag geboten. Ein christlicher Theologe, eine jüdische Schriftstellerin und ein moslemischer Theologe, seit zwanzig Jahren in Deutschland, skizzierten quasi fugenlos, wie ein Zusammenleben der drei monotheistischen Weltreligionen in einem Land gelingen kann und sollte. Von einem »abrahamischen Team« sprach Diskussionsleiter Ralph van Doorn, Lehrbeauftragter im Fach biblische Theologie an der Universität Siegen.

In der Tat ein Team, denn Amir Zaidan, in Syrien gebürtiger Islamologe, Petra Kunik, deutsche Jüdin der zweiten Generation, und Dr. Ansgar Koschel, katholischer Theologe, kannten sich von derlei Veranstaltungen und trugen nur Argumente zusammen, die gute Gründe für ein Miteinander lieferten. Zweifel äußerten lediglich einzelne Zuhörer. An die außerreligiösen Bedingungen solchen Miteinanders, also an eine evtl. Menschheits-Ethik, und an die Vorgaben des freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates für das Zusammenleben und für die Religionen selbst, wurde kaum erinnert. Vielmehr entstand die Vision einer neuen Gemeinsamkeit allein aus der passenden Interpretation der einzelnen Religionen.

»Zusammenleben in einem Land – Ein Gespräch« lautete das Thema, wobei van Doorn in einer für Diskussionsleiter recht langen Einleitung davon sprach, alle drei Religionen hätten sich »an Abraham-Bildern« abgearbeitet und seien zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Dessen ungeachtet forderte er eine »abrahamische Ökologie für Menschen, die in einem Haus leben«. Es gehe darum, »ohne Angst verschieden« sein zu können.

Petra Kunik äußerte den Wunsch, »in meinem Haus Deutschland in Frieden und Vielfalt« zu leben. Sie fühle sich dem liberalen europäischen Judentum zugehörig. Als Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Frankfurt suche sie Verständnis für die anderen Religionen zu wecken. Sie berichtete von anrührenden Begegnungen und Feiern christlicher, moslemischer und jüdischer Mütter mit den Kindern eines Kindergartens. »Wir müssen lernen, das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen... aber wir müssen auch um unsere Wurzeln wissen«, betonte Kunik.

Ansgar Koschel berief sich vor allem auf die Grundlagen, die im Zweiten Vatikanischen Konzil für das Miteinander der Religionen gelegt worden seien. »Für gläubige Juden, Muslime und Christen steht Gott am Anfang und am Ende«, betonte er. In Deutschland sei es vor den Nazi-Verbrechen im Verhältnis zu den Juden höchstens bis zur Toleranz gegangen, »aber es gab keine Begegnung auf Augenhöhe«. Aus dem eigenen Erleben des großen Abstandes zwischen Katholiken und Protestanten in seiner Kindheit und Jugend in Wilhelmshaven und dem gepflegten Miteinander der Konfessionen in Vechta, wo er später lebte, leitete Koschel die Chance ab, dass auch im Verhältnis zu Juden und Muslimen ein gedeihliches Zusammenleben möglich sei: »Kooperationen sind möglich, bevor man über letzte Glaubensfragen streitet.« Für Amir Zaidan war das aus seiner Sicht gelungene Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen in seiner Geburtsstadt Malula, 50 km nordöstlich von Damaskus, prägend. Seit 1400 Jahren leben dort Muslime und Christen zusammen. In Malula rufen noch heute sowohl Glocken als auch Muezzine die Gläubigen zum Gebet. Zaidan erklärte, wenn jeder dem Anderen einräume, was er selber beanspruche, würden die Menschen füreinander berechenbar, und es entstünde Vertrauen. »Die Menschen sind vielfältig, das hat Allah so gewollt, sonst hätte er es anders gemacht.«

Über Dialoge lerne man solche Vielfalt kennen. Sie dürften aber nicht dazu dienen, andere zu bekehren. Das Wort »Islam« bedeute eigentlich »etwas an etwas übergeben«. »Wenn ich mich meinem Schöpfer übergebe, dann praktiziere ich Islam«, erläuterte Zaidan. Dabei komme es nur auf das intime Verhältnis des Einzelnen zu seinem Schöpfer an. Vor ihm müsse sich jeder eines Tages selber verantworten, auch der Christ und der Jude. Diese seien aus Sicht des Koran aber keine Ungläubigen.

Vor solchem Hintergrund war es für das Miteinander der Religionen dann auch nicht erheblich, dass Zaidan auf Fragen nach der Gotteskindschaft Jesu und der Rolle der Dreifaltigkeit im Islam feststellte, Allah habe keine Kinder und mit der Dreifaltigkeit könnten Muslime nichts anfangen. Und das Jesus-Wort: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich«? Auch aus christlicher Sicht entsteht da laut Koschel kein Problem. Gotteskindschaft heiße »Erwählung«. Und können nicht auch andere erwählt sein?

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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