Hedda und die tödliche Langeweile

 Hedda Tesman geb. Gabler (Charline Kindervater) langweilt sich in ihrem neuen, schicken Haus, das sie mit ihrem Mann Jørgen (Sven Reschke, M.) bezogen hat. Da lässt sich doch was machen! Hedda reicht Ejlert (Max Schenkel, r.) erst Flasche, dann Pistole. Anwalt Brack (Martin Billker) weiß davon und hat sie in der Hand. Foto: zel
  • Hedda Tesman geb. Gabler (Charline Kindervater) langweilt sich in ihrem neuen, schicken Haus, das sie mit ihrem Mann Jørgen (Sven Reschke, M.) bezogen hat. Da lässt sich doch was machen! Hedda reicht Ejlert (Max Schenkel, r.) erst Flasche, dann Pistole. Anwalt Brack (Martin Billker) weiß davon und hat sie in der Hand. Foto: zel
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zel - Das Haus ist exquisit gelegen, die weißen Möbel sind das Neuste vom Teuersten, aber ein Zuhause ist das nicht. Die fünf jungen Leute, die hier zusammenstoßen, haben ungute Beziehungen miteinander – beziehungsweise: Eine von ihnen tut alles dafür, dass gute Beziehungen gar nicht mehr möglich sind. Wieder zusammen, aber kein Grund zum Feiern. Dass es kein gutes Ende nehmen wird, dafür sorgt die zu Tode gelangweilte Hedda Gabler – seit der Uraufführung 1891 in München. Die neue Studiobühne der Universität Siegen verlegt das Drama von Henrik Ibsen ins Jahr 2017, und alles hat noch seinen Sinn. Wie stark das Stück ist und wie schlau es die Studierenden unter der Regie von Jan Seithe aufführen, ist noch am Freitag und Samstag, 20 Uhr, im Kleinen Theater im Siegener Kulturhaus Lÿz zu erleben. Am Mittwochabend hatte die Inszenierung ihre bejubelte Premiere.

Jan Seithe und Dramaturgin Sarah Buschmeier bieten das naturalistische Drama in vier Akten in anderthalb Stunden Spielzeit an – ohne Pause, was das Erleben hochintensiv macht. Das weiße Interieur im neuen, kreditfinanzierten Haus der soeben von ihrer Hochzeitsreise zurückgekehrten Eheleute Tesman bildet die Projektionsfläche für Filmsequenzen mit Musik, die Szenen zeigen, bei denen die Zuschauer nicht live dabei sein können. Nach links öffnet sich eine Tür zum Garten, nach rechts geht es zu Haustür – dazwischen steht ein multifunktionales Möbel, auf dem man sitzen, tanzen, Champagnerflaschen abstellen und in dem man was verstecken kann. Ist das erst geschehen, geht es immer weiter bergab. Die einst feierfreudige Hedda, die mit Mädchennamen Gabler heißt, hat den jungen Kulturwissenschaftler Jørgen Tesman geheiratet, weil sie sich „müde getanzt“ hatte: „Meine Zeit war um.“ Jetzt ist sie unleidlich, spürt sich und das Leben nicht mehr und verlegt sich aufs Manipulieren: „Einmal im Leben Macht über einen anderen Menschen haben“ will sie, sonst hat sie nichts mehr vor. Charline Kindervater spielt die Titelrolle zickig-genervt, Sven Reschke ihren Ehemann, der auf eine Professur hofft, um Hedda ein sorgloses Leben zu bieten, als hellgrauen Hasenfuß, der das Geschenk seiner Tante Julle (Sabine Flachsbarth), bei der er aufgewachsen ist, bejubelt: Es sind bestickte Pantoffeln!

Das Unheil kommt von außen herein in die vermeintliche Idylle in Person von Ejlert Løvborg (Max Schenkel), ein Bohemien und tiefer Denker, der soeben – mit Hilfe von Heddas Freundin und Rivalin, der aus gewissen Gründen nicht nur aufopferungsvollen Thea (Marie Meyer), ein aufsehenerregendes Buch beendet hat. Der trunksüchtige Wissenschaftler ist sowohl ein Konkurrent für Jørgen als auch Objekt der Begierde für Hedda. Die beiden hatten mal was miteinander. Anwalt Brack (Martin Billker als hervorragend schmieriger Schnösel) hätte gern was mit Hedda – und hat sie schließlich in der Hand, als sich die Dinge zuspitzen: Ejlert Løvborg „verliert“ sein Manuskript, Jørgen findet es nach einer durchzechten Nacht im Taxi und lässt es bei Hedda, die das Ejlert gegenüber schön verheimlicht und es zerstört. Der verzweifelte Ejlert stirbt schließlich durch einen Schuss aus einer Pistole, die er von Hedda erhalten hat. „Endlich eine Tat“, aber er stirbt nicht, wie von Hedda gewünscht, in Schönheit. Brack weiß, woher die Pistole stammte. Jetzt ist Heddas „Spiel“ aus, sie ist am Ende mit ihrer Intrigiererei – es fällt noch ein Schuss …

Das Bordell, in dem die Herren trinken und feiern, ist jetzt ein Club, das Manuskript befindet sich auf einem Notebook, das Hedda spektakulär kurz und klein haut, die Notizen, aus denen Jørgen und Thea Ejlerts Manuskript zu rekonstruieren versuchen, stehen auf Post-its: Das ist alles sinnvoll modern gemacht, so dass die Zuschauer sich ganz auf die Personen konzentrieren können – die sich ihrerseits ganz auf Karriere und Geld, Dekadenz und Übersättigung, Macht und Manipulation konzentrieren. Weil uns das heute genau so passieren kann, weil Beziehungen aus anderen Gründen als aus Liebe geführt werden, weil Hunger nach Leben und Lebenswirklichkeit manchmal nicht übereinander passen wollen – und weil die Mitwirkenden auf und hinter der Bühne das alles mit so viel Verstand inszeniert haben: Ticket-Kaufempfehlung!

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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