Hees feiert 100-jähriges Bestehen

Augenoptik-Betrieb schrieb ein Stück Niederscheldener Wirtschaftsgeschichte

Niederschelden. Stichtag 15. November 1923. Ein kleines Stück im Puzzle mit dem Namen Wirtschaftsgeschichte. Reichskanzler Gustav Streesemann sorgte nämlich mit seiner Währungsreform dafür, dass die Verhältnisse wieder ins Lot gerückt wurden: Für eine Billion Mark der alten Währung gab es eine neue Rentenmark, beschloss man im fernen Berlin. Ein Aufatmen ging durch die Weimarer Republik und Uhrmachermeister Karl Hees in Niederschelden notierte mit fein-säuberlicher Handschrift nicht mehr utopische Inflationspreise für seine Uhren, sondern eine schlichte 65. So steht es geschrieben in jener kleinen Kladde, die der gelernte Uhrmacher und Obermeister seiner Handwerksinnung führte. Ein sachliches Tagebuch des Handwerkbetriebes Augenoptik Hees, der in diesen Tagen – noch heute in Niederschelden ansässig – seinen 100. Geburtstag feiert.

Eine runde Zahl, eine runde Sache, die jüngst im Frühjahr des Jahres mit der Betriebsübergabe an den Augenoptikermeister Jörg Hagen ihre Fortsetzung fand. Wer in dem kleinen Lederbüchlein blättert, entdeckt den ersten Schriftzug am 22. Dezember 1900. Der Eintrag des Handwerksunternehmens in die regionale Wirtschaftsgeschichte. Firmengründer Karl Hees startete mit Vater Egidion die Unternehmung. Ein paar Seiten weiter dann das grundlegende Kapitel für den Erfolg: 1903 baute Hees seinen Stammsitz für ein Jahrhundert. Heute mit der Hausnummer Siegtalstraße 203 beschildert.

Wer das Papier mit dem leichten Gilb und den vielen Daten zu Taschen- und Armbanduhren durchstöbert, liest zwischen den Zeilen nicht nur imaginäre Eckdaten eines Ortes, der sich irgendwo zwischen zwei Weltkriegen, dem Wirtschaftswunder, bis hin zur Wiedervereinigung Deutschlands und der Euroeinführung weiterentwickelte. Sondern erfährt etwas über Menschen. Eben über jenen Karl Hees, der als angesehener Handwerksmeister das Kerngeschäft von der Taschenuhr bis hin zum Wecker und der großen Standuhr ausbaute. Der seinen Kunden im Umkreis von 15, 30 Kilometern die einzige Uhr ihres Lebens zur Konfirmation verkaufte. Der als Mitglied der bekennenden Kirche und Ausbilder unzähliger Lehrlinge für das gesamte Kreisgebiet Menschen formte.

Das Büchlein mit den Bruttopreisen erzählt auch etwas über die Söhne Hartmut und Otto Hees wie auch Horst Nassauer. Letzterer hatte den Betrieb nach dem Tode des Vaters weitergeführt, bis schließlich Bruder Hartmut mit Frau Waltraud den Betrieb seit 1957 lenkte. Sie machten das Geschäft zum Allround-Anbieter, der neben Uhren und Brillen bald auch Leuchten, Kristallwaren und Porzellan und Schmuck führte.

Meister Hartmut sorgte für das technisch ausgerichtete Handwerk, Waltraud Hees kümmerte sich um Verkauf und Service. Ihr Herz tickte vor allem immer für die Uhren. Die Arbeitsteilung blieb bis zur Unternehmensnachfolge durch Hagen, doch das Kerngeschäft änderte sich. Technischer Fortschritt von Quarz über die LED, LCD bis hin zur modernen Funkuhr und die Umstülpung des Preisgefüges in diesem Segment zwangen zum Umdenken. »Heute haben die Leute im Schnitt drei bis vier Uhren, der Modetrend animiert sie, jährlich ein bis zwei neue Exemplare zu erstehen«, sagt Hartmut Hees. Folge: Die Nachfrage steigt, der After-Sale-Service - schlechtes Neudeutsch für gut alte Werkstattdienste - aber wird immer unbedeutender angesichts der niedrigen Anschaffungspreise.

Ein Grund für Jörg Hagen, der den umgestalteten Uhren- und Optikbetrieb im März neu eröffnete, das Kerngeschäft anders auszurichten. »50 Prozent Brillen, 50 Prozent Uhren und Schmuck«, so der Augenoptikermeister, der sagt, dass er mit einer direkten Ansprache über Mailing und Events neue Zielgruppen erschließen muss: »Die Kundenbindung ist nicht mehr so ausgeprägt!«. Eine Beziehungspflege, die jetzt zum Jubiläum aufgefrischt werden soll. »Vom Weihnachtsgeschäft lebten wir drei Viertel des Jahres lang«, erklärte Hartmut Hees und auch Jörg Hagen wird - wie die übrige einzelhandelsnahe Branche auch - einen Gutteil seines Bruttoumsatz in den Adventswochen generieren. Weihnachten als Chance. Das war 1900 so und wird auch diesmal wieder sein. Die Kladde schließt sich und der Kreis ebenso.

ch

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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