Heiße Debatte um Windräder

 Der Alte Flecken steht bei den Überlegungen im Vordergrund, aber auch auf Baudenkmäler wie die ev. Kirche an der Krottorfer Straße könnte sich der geplante Windpark „Kuhlenberg“ nach Einschätzung von Fachleuten negativ auswirken. Foto: Christian Schwermer
  • Der Alte Flecken steht bei den Überlegungen im Vordergrund, aber auch auf Baudenkmäler wie die ev. Kirche an der Krottorfer Straße könnte sich der geplante Windpark „Kuhlenberg“ nach Einschätzung von Fachleuten negativ auswirken. Foto: Christian Schwermer
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„Das Genehmigungsverfahren ist danach völlig offen“, stellte Matthias Becher, Fachgebietsleiter Immissionsschutz beim Kreis Siegen-Wittgenstein und am Dienstag in der Rolle des Verhandlungsleiters, zu Beginn des Termins fest. Becher weiter: „Es geht darum, den Genehmigungs- und Fachbehörden weitere Informationen zu liefern, auf deren Basis eine Entscheidung getroffen wird.“ Zu besprechen gab es viel: 21 Einwendungen gegen den geplanten Windpark wurden fristgerecht eingereicht, die Auflistung der angesprochenen Aspekte umfasste satte 30 Punkte auf der Tagesordnung. 

Ein wichtiges Thema: der Artenschutz. Da ergriff der Dirlenbacher André Christoph das Wort und legte im Rahmen einer ausführlichen Präsentation die Wahrnehmungen der Dorfbewohner dar, die so ganz und gar nicht zu den Ergebnissen der Gutachten, die von der Antragstellerin in Auftrag gegeben wurden, passen wollen. Im Zeitraum vom 6. April bis 13. Mai dieses Jahres beobachteten die Dirlenbacher demnach den Bereich des Dirlenbachtals und hielten ihre Ergebnisse akribisch fest: 218 Kartierungen, 177 Fotos und 87 Videos mit einer Gesamtdatenmenge von 4,6 Gigabyte kamen dabei heraus. Graureiher, Mäusebussard, Rotmilan und auch der Schwarzstorch – all diese Tierarten seien zuhauf im Dirlenbachtal gesichtet worden. Alleine für den Rotmilan listete André Christoph 60 Flugbewegungen auf, davon 35 innerhalb eines 500-Meter-Radius um die möglichen Standorte der Windenergieanlagen. Bemerkenswert: Ein Video hält den Überflug von gleich sechs der Tiere über dem fraglichen Gebiet fest, „rund 800 Meter Luftlinie von einem der geplanten Standorte entfernt“, wie Christoph erläuterte. 20 Flugbewegungen seien für den Schwarzstorch dokumentiert worden, „den haben wir praktisch jeden zweiten Tag gesehen“, berichtete André Christoph und stellte abschließend die Frage: „Wie konnten solche Tatsachen von mehreren Gutachtern einfach übersehen werden?“ 

Zuspruch erhielten die Dirlenbacher von Gerhard Bottenberg (Naturschutzinitiative), der bereits im Beirat der Unteren Naturschutzbehörde seinen Protest gegen den Windpark „Kuhlenberg“ angekündigt hatte (die SZ berichtete). Er habe mehrere Horste kartiert, diese seien von den Gutachtern offenbar nicht bemerkt worden, führte der Naturschützer aus. Und Immo Vollmer, Referent bei der Naturschutzinitiative, zeigte sich überzeugt, dass „entscheidende Fragen“ nicht geklärt worden seien.

Einwendungen, die zunächst Syndikusrechtsanwalt Tim Krautschneider zu widerlegen versuchte. Der Jurist bemerkte, dass die von André Christoph vorgetragenen Punkte nach Ende der Einwendungsfrist eingereicht worden seien. „In einer Konzentrationszone setzen sich Windenergieanlagen gegen andere Belange durch“, stellte Krautschneider nüchtern fest und meinte in Richtung Gerhard Bottenberg: „Nur aktuell besetzte Horste sind für die Planungen relevant und eben keine älteren, die vor Jahren einmal gefunden wurden“. In der Folge versuchte Svenja Eckern, Ressortleiterin für Tierökologie und Artenschutz beim Landschaftsarchitekten- und Planungsbüro Gutschker-Dongus, die Gutachten zu verteidigen. Man habe sich an die neuesten und gültigen Leitfäden gehalten und sei zu dem Schluss gekommen, dass der Kuhlenberg kein Schwerpunktvorkommen von Rotmilan und Schwarzstorch beinhalte. Diese Ausführungen riefen wiederum Olaf Riesner-Seifert von der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Altenkirchen auf den Plan: „Wie sind Sie das Gebiet denn abgegangen?“, fragte er Svenja Eckern, und als diese „auf den Wegen, im unbelaubten Zustand“ antwortete, sah er sich in seinen Bedenken bestätigt. „Wenn Sie sich nur an die Wege gehalten haben, können Sie das Gebiet ja gar nicht in seiner ganzen Fläche begutachtet haben.“ 

Kontrovers diskutiert wurden außerdem die drei von Svenja Eckern genannten Beobachtungspunkte, von denen man an insgesamt zehn Erfassungsterminen jeweils drei Stunden lang den Himmel über dem geplanten Windpark nach planungsrelevanten Vogelarten abgesucht habe. Nördlich vom Kuhlenberg habe man von einem Standort bei Büschergrund Ausschau gehalten, sich zudem bei Oberfischbach (südöstlich der Vorrangzone) und bei Oberheuslingen (aus nordöstlicher Richtung) positioniert. Gerhard Bottenberg wandte ein, dass man von den genannten Punkten aus das betreffende Gebiet kaum einsehen könne, und Olaf Riesner-Seifert merkte an, dass so keinerlei Aussagen über das Vogelschutzgebiet Westerwald getroffen werden könnten: „Das ist ein gravierender, ein systematischer Fehler.“

Natürlich durfte auch die Diskussion hinsichtlich einer möglichen „Verschandelung“ des Erscheinungsbildes des Alten Flecken nicht fehlen. Dr. Nina Overhageböck vom LWL stellte noch einmal den besonderen städtebaulichen Rang der historischen Altstadt Freudenbergs heraus und forderte Behörden und die EnBW dazu auf, ergänzende Visualisierungen einzureichen. „Die hätten schon bei den Antragsunterlagen dabei sein müssen“, kritisierte die eigens aus Münster angereiste Fachfrau. Die Vertreter der EnBW Energie Baden-Württemberg wiegelten ab: Nehme man den weltberühmten Fotoblick vom Kurpark als Grundlage, sei das Erscheinungsbild des Alten Flecken nicht beeinträchtigt. Overhageböck gab außerdem zu bedenken, dass die ev. Kirche an der Krottorfer Straße ein eingetragenes Baudenkmal sei und nach aktuellem Stand der Planungen genau zwischen Kirche und Pfarrhaus eines der Windräder sichtbar sei. Wie die Entscheidung hinsichtlich des Windparks „Kuhlenberg“ am Ende auch immer ausfallen mag: Die Gegner des Projektes werden wohl bis zur letzten Sekunde des laufenden Genehmigungsverfahrens gegen die Planungen mobil machen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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