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Radfahrer dürfen weiter "oben ohne" strampeln (mit Kommentar)
Helmpflicht kommt nicht

Bei der beliebte SZ-Randwanderung – wie hier 2017 an der Bigge – ist das Helmtragen für viele Teilnehmer eine Selbstverständlichkeit. Aber sollte es auch zur gesetzlich festgeschriebenen Pflicht werden?
  • Bei der beliebte SZ-Randwanderung – wie hier 2017 an der Bigge – ist das Helmtragen für viele Teilnehmer eine Selbstverständlichkeit. Aber sollte es auch zur gesetzlich festgeschriebenen Pflicht werden?
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  • hochgeladen von Marc Thomas

js Siegen/Bad Berleburg/Olpe. Radfahren ist im Kommen, wachsendes Klimabewusstsein und vor allem der Corona-Krisenmodus haben dem Verkauf der Velos Schwung gegeben. Ist es da nicht an der Zeit, noch einmal über einen gewichtigen Sicherheitsaspekt zu diskutieren? Wäre es nicht angezeigt, das Tragen von Radhelmen zur Pflicht zu machen? Nein, meint Jura-Professor Ansgar Staudinger, der am Freitag als Präsident den Deutschen Verkehrsgerichtstag in Goslar eröffnen wird, jetzt in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur. Derzeit sei er noch gegen eine gesetzliche Verankerung einer Helmpflicht in der Straßenverkehrsordnung – um dem Trend zum Radfahren nicht entgegenzuwirken.

„Wir erlauben jedem, sich selbst zu gefährden“, sagt Staudinger.

js Siegen/Bad Berleburg/Olpe. Radfahren ist im Kommen, wachsendes Klimabewusstsein und vor allem der Corona-Krisenmodus haben dem Verkauf der Velos Schwung gegeben. Ist es da nicht an der Zeit, noch einmal über einen gewichtigen Sicherheitsaspekt zu diskutieren? Wäre es nicht angezeigt, das Tragen von Radhelmen zur Pflicht zu machen? Nein, meint Jura-Professor Ansgar Staudinger, der am Freitag als Präsident den Deutschen Verkehrsgerichtstag in Goslar eröffnen wird, jetzt in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur. Derzeit sei er noch gegen eine gesetzliche Verankerung einer Helmpflicht in der Straßenverkehrsordnung – um dem Trend zum Radfahren nicht entgegenzuwirken.

„Wir erlauben jedem, sich selbst zu gefährden“, sagt Staudinger. Dies ergebe sich aus der im Grundgesetz verankerten freien Entfaltung der Persönlichkeit. Es bräuchte triftige Gründe, damit der Staat da eingreifen dürfte. Andere Länder, andere Sitten: Australien beispielsweise schreibt den Menschen vor, sich zu schützen. Wer ohne Helm erwischt wird, muss mit mehreren Hundert Dollar Strafe rechnen. Für Deutschland sieht Staudinger andere Lösungen, mildere Mittel als eine bußgeldbelegte Helmpflicht, etwa Infokampagnen.

Anschnallpflicht im Auto

Dass der deutsche Staat auch Eigenschutz anordnen kann, zeigt die Anschnallpflicht im Auto, schon seit 1976 auf Vordersitzen gültig. Laut Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer, hat die Gurtpflicht im ersten Jahr mehr als 1500 Leben gerettet.

Die Zahl der Fahrradtoten ist aber weit niedriger als die der Opfer von Autounfällen: 400 Radunfälle pro Jahr gingen tödlich aus. Ein Viertel davon würden mit Helm jedoch mit dem Leben davon kommen. Gerichte könnten die Menschen auch ohne gesetzliche Pflicht zum Tragen eines Helms bewegen, ist Ansgar Staudinger überzeugt. Und zwar, indem Radfahrer nach einem Unfall vor Gericht Mitschuld bekommen. So könnte das Gericht etwa einem 70-Jährigen, der mit seinem E-Bike von einem Auto angefahren wird und sich am Kopf verletzt, sagen: „Du hättest mit Helm fahren können.“ In der Folge könnte der Radfahrer nicht 100 Prozent Schadenersatz für seine Verletzungen geltend machen, sondern weniger. Bei der Bewertung des Mitverschuldens sollte das Helmtragen berücksichtigt werden, so Staudinger. Das wäre ein Lerneffekt für die Menschen.

Kein absoluter Schutz

Absoluten Schutz kann aber auch ein Helm nicht bieten: Das Gefährliche sei ja nicht ein möglicher Schädelbruch, sagt Unfallexperte Brockmann – sondern die Beschleunigung des Gehirns in seiner Flüssigkeit und die durch den Aufprall am Schädel verursachten Quetschungen, Hirnblutungen und Schwellungen. Der Helm wirke nur bis zu einer bestimmten Geschwindigkeit. „Bis 25 km/h ist ein Helm ein guter Schutz.“ Da die meisten Unfälle in der Stadt beim Abbiegen passierten, blieben Autos und Radler meist unter dieser Geschwindigkeit.

Der ADFC hält eine Helmpflicht nicht für sinnvoll, erklärt Dr. Holger Poggel, Vorsitzender des Kreisverbands Siegen-Wittgenstein,. Zwar empfehle der Fahrradclub dringend, auf diesen Schutz zu setzen. Die Pflicht aber würde einige Leute davon abschrecken, in die Pedale zu treten. „Was ist, wenn man den Helm mal vergessen hat?“, nennt Poggel ein Beispiel. Dann wäre ein Fehlverhalten für alle erkennbar.

Plädoyer für Helm

Dr. Stefan Beyerlein, Chefarzt der Kinderchurgie an der DRK-Kinderklinik Siegen, plädiert eindeutig dafür, einen Helm zu tragen. In seinem Arbeitsalltag sind ihm viele schwere Verletzungen von Kindern begegnet, die keinen Helm getragen hätten, aber auch deutliche Protektiv-Abdrücke und zerbrochene Helme nach Unfällen. „Dann fragt man sich: Wie wäre das wohl ohne Helm ausgegangen?“ Im Straßenverkehr sei ein geschützter Kopf sehr wichtig, findet Beyerlein. Bei sportlichen Fahrern geht er sogar noch einen Schritt weiter: Wer auf Trails oder im Wald fahre, sollte sogar darüber nachdenken, einen Helm mit Kinnschutz zu tragen. So manche Kieferverletzung könne damit vermieden werden.

Andreas Röcher, Teamleiter der Verkehrsunfallprävention bei der Kreispolizeibehörde Siegen-Wittgenstein, hingegen sähe eine Helmpflicht als sinnvoll an. Bei der Radfahrausbildung seien Helme Voraussetzung – das sein eine Forderung der Versicherung. „Dann müsste es für die anderen Radfahrer ja eigentlich auch gelten.“ Seine Kollegen hätten zahlreiche Unfälle erlebt, die nur durch das Tragen eines Helms glimpflich ausgegangen seien. Bei den Elternabenden in den Schulen werde daher stets an die Eltern appelliert, als gute Vorbilder selbst Helm zu tragen. „Ein Handy trägt ja schließlich auch so gut wie jeder in einer Hülle herum.“ Ein Kopf aber sei doch sehr viel wertvoller.

Kommentar:

Mein erstes Schuljahr fiel etwas knapper aus als das meiner Klassenkameraden. Das war Anfang der 80er, mit einem Lockdown hatte es also beim besten Willen nichts zu tun. Grund war vielmehr ein ziemlich blöder, vollkommen vermeidbarer Unfall. Mit dem viel zu kleinen Fahrrad einer jüngeren Nachbarin habe ich Sechsjähriger mich zu sehr in die Kurve gelegt. Ich stürzte, schlug mit dem Kopf auf den Asphalt und landete in der Siegener Kinderklinik. Diagnose: Schädelbruch. Stillhalten und liegenbleiben waren somit angesagt für die kommenden anderthalb Wochen, tagelang gab’s nur den Blick aus dem Fenster zur Michaelskirche (ich dachte, das sei der „Siegener Dom“). Der Kopf ist längst verheilt, der Klinikaufenthalt aber hat mich durchaus geprägt. Das viel zu klein dimensionierte Kinderrad hätte ich nicht besteigen müssen, klar. Aber mit einem Helm hätte die Dummheit wahrscheinlich nicht mehr als einen kurzen Schreckmoment und ein paar Schrammen bedeutet. Ob es derartige Schutzausrüstung damals schon gegeben hat? Ich weiß es nicht. Fest steht nur, dass ich auch in den späteren Jahren (oft über-)mutig in die Pedale getreten habe und helm- und allzu sorgenfrei durch die Gegend geradelt bin. Heute würde mir das im Leben nicht mehr einfallen. Ob auf der Skipiste oder im Sattel des Mountainbikes: Der Helm ist für mich so selbstverständlich wie der Gurt im Auto. Ohne fühle ich mich nicht wohl. Meine Kinder kennen es nicht anders. Sie werden damit groß: Laufrad, Roller, Fahrrad – natürlich nur mit Kopfschutz und hin und wieder der alten Kamelle von Papas Sturz. Auch wenn ich nichts dagegen hätte: Ein Gesetz brauche ich nicht zwingend. Vernunft verpflichtet.
Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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