Henry im Herzen

Moderiert von WDR-5-Literaturexpertin Marija Bakker (M.), lasen und sprachen Markus Hering und Anne Bubenzer bei ihrem Heimspiel im Lÿz von dem und über den fast braunen Teddy Henry N. Brown und erzählten seine Geschichte. Foto: zel
  • Moderiert von WDR-5-Literaturexpertin Marija Bakker (M.), lasen und sprachen Markus Hering und Anne Bubenzer bei ihrem Heimspiel im Lÿz von dem und über den fast braunen Teddy Henry N. Brown und erzählten seine Geschichte. Foto: zel
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zel Siegen. „In ihrem Herzen sind alle Erwachsenen Kinder“ – auch wenn sie es nicht zugeben. Zum Kindsein gehört auch ein Kuscheltier, das schweigt, tröstet und liebt, sonst nichts. So ein Tierchen, fast braun, ist Henry N(eaerly) Brown. Am Samstagabend durften rund 70 Besucher im Kleinen Theater Lÿz noch einmal richtig Kind sein, denn der aus Holzhausen stammende Burgschauspieler Markus Hering gab dem Bären eine Stimme. Auch seine Erfinderin war da und erzählte von Henrys Werden und Sein.

Der Teddy wird am 16. Juli 1921 in Bath in England geboren. Die aus Freudenberg stammende Autorin, Übersetzerin, Lektorin und Wortliebhaberin Anne Helene Bubenzer hat seine unglaubliche Geschichte aufgeschrieben, die 100 Jahre dauert und in neun Ländern spielt. Immer wieder geht Henry verloren, kommt zu neuen Besitzern, erhält neue Namen. Er reist in die USA, er erlebt die goldenen Zwanziger in einer Verlegerfamilie in London, den Krieg in Frankreich, dann in Deutschland und mit einem deutschen Besatzer in Norwegen, den Aufbruch in den Fünfzigern in einem Dörfchen in Deutschland,  er ist in Florenz, als die große Flut in den Sechzigern die Stadt überschwemmt, … Und er hat ein Geheimnis, das weder Bubenzer noch Hering noch die Moderatorin Marija Bakker am Abend der Lesung verrieten.

Sie verrieten aber allerlei drumherum. Anne Bubenzer, die sich nach langen Jahren als Lektorin für ein Leben als freie Autorin in Hamburg entschieden hat, erzählte ganz reizend (sie ist ja auch eine „Wortliebhaberin“ und immer um den genausten, den schönsten Ausdruck bemüht) von ihren Recherchen zu „Henry N. Brown“ – wie sie sich in die jeweiligen Zeiten und Orte eingearbeitet hat, wie sie sich als Skandinavistin für das schwierige Norwegen-Kapitel mit ihrer eigenen Familiengeschichte auseinandergesetzt hat („Das Dilemma war groß, sich nicht auf eine Seite zu schlagen“), wie sie sich gefragt hat, ob sie Henrys „Mutter“ Alice „noch einmal durchs Bild laufen lassen“ soll: „Sollte ich der Sehnsucht nach ein bisschen Kitsch nachgeben oder nicht?“

Zusammen mit der WDR-5-Literaturexpertin Bakker philosophierte sie auch ein wenig über die Unterschiede zwischen Bären und Menschen, über die Aufgabe des Teddys. Bakker fand eine Antwort im buddhistischen „Ich bin“, Bubenzer sagte, Henry könne sich nicht durch Taten unmöglich machen, außerdem sei er sich, anders als Menschen, seiner Sterblichkeit nicht bewusst. „Es bietet enorme Freiheiten, einen Protagonisten zu haben, der nichts kann.“

Abgesehen von all dem freundlichen Erzählen, Philosophieren und Reisen mit dem Teddy war es Markus Herings schöne Stimme, die den Abend rund und warm machte. Zunächst las er, wie Henry als junger Bär die Welt entdeckt, als er mit Alice in einem Zug mit Dampflok nach London reist.Eine Pause wollte das Publikum nicht, „lieber noch mehr vorlesen“ wünschte es sich. Die Akteure ließen sich drauf ein, und Hering nahm die Zuhörer gleich mit nach Norwegen, wohin es Henry mit dem Wehrmachtssoldaten Fritz verschlägt. Markus Hering ließ Stiefel knallen, deutsches Gebrüll ertönen, sprach das kleine norwegische Mädchen, das den Teddy (der jetzt Ole heißt) für sich entdeckt hat, dessen Eltern, bei denen Fritz einquartiert ist, schilderte warm die leise Freundschaft zwischen Besatzer und Besetzten, an der natürlich Henry nicht ganz unschuldig ist. Aber vor allem machte Markus Hering die Ansichten und Gefühle des Bären – Bubenzer lässt Henry in der Ich-Form erzählen – ganz deutlich: Krieg – nein. Liebe – nur! Man hätte ihm 100 Jahre zuhören können!Auch Hering erzählte ein bisschen, wie er vom Tischler aus Holzhausen zum Schauspieler an der Wiener Burg wurde und von den Arbeiten zu seinem neuesten Film „Das Leben ist zu lang“, den er gerade mit Regisseur Dany Levy drehte (die SZ berichtete in einem Interview mit Hering). Ganz erfüllt und mit Henry im Herzen applaudierte das Publikum und ging in die kalte Nacht hinaus. Schön!

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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